GESELLSCHAFT: Antibabypillen-Engpass in den Niederlanden

Den Haag, LM/VK/NRC, 28. November 2018

Seit September ist die Antibabypille in niederländischen Apotheken aufgrund von Lieferschwierigkeiten nur sehr eingeschränkt erhältlich. Die Ursache für den Engpass liegt in einer von der Prüfstelle und der Aufsichtsbehörde für Gesundheitswesen ausgemusterten und vernichteten Charge von Antibabypillen. Die Lieferanten beziehen die Pille größtenteils von den gleichen Fabriken aus Indien, China oder der Türkei, sodass die ausgefallene Charge zu einem Engpass führte. Die niederländische Tageszeitung De Volkskrant vermeldete am heutigen Mittwoch, dass die Knappheit voraussichtlich noch einige weitere Wochen lang andauern wird.

Für 1,2 Millionen niederländische Frauen ist es zurzeit schwierig, ihre Antibabypille in niederländischen Apotheken zu kaufen. Vor allem die Pillen mit den Wirkstoffen Ethinylestradiol und Levonorgestrel, bekannt unter dem Markennamen Microgynon 30, sind vom Engpass betroffen. Viele Apotheker müssen die Antibabypille aus benachbarten Ländern importieren und geben die Pille nur noch in einzelnen Blistern aus, in denen sich nur genügend Pillen für 30 Tage befinden, während man normalerweise Packungen mit  drei bis sechs Blistern kauft. Teilweise müssen die Frauen dazu übergehen, eine andere Pille zu verwenden, was allerdings zu Komplikationen führen kann und so nicht vorgesehen ist.

Martin Favie von Bogin, der Branchenvereinigung für Generika, bestätigt, dass die Lieferschwierigkeiten durch die Ausmusterung einer großen Charge eines wichtigen Lieferanten ausgelöst wurden. Wenn eine Stichprobe den strengen Sicherheitsvorschriften nicht entspricht, werde der gesamte Posten ausgemustert, es handle sich dann um mehrere Tonnen Antibabypillen, so Favie. Daraufhin entstand ein Ansturm auf die anderen Lieferanten, deren Vorräte deshalb schnell aufgebraucht waren. Beim Hochschrauben der Produktion kam es dann auch noch zu technischen Problemen, wodurch der Engpass noch immer nicht behoben werden konnte.

In den Niederlanden gibt es zurzeit bei ungefähr 300 Arzneimitteln einen kurzzeitigen Engpass. Der Apothekerorganisation KNMP zufolge werden viele Engpässe durch zu niedrige Preise verursacht. In den Niederlanden gibt es verschiedene Mechanismen, die die Arzneimittelpreise niedrig halten. Krankenkassen verfolgen eine Vorzugspolitik, die Apotheker dazu verpflichtet, bestimmte günstige Generika anzubieten. Das Ministerium drückt die Preise durch das Wet geneesmiddelenprijzen (dt. „Gesetz für Arzneimittelpreise“) und das Geneesmiddelenvergoedingensysteem (dt. „Arzneimittelvergütungssystem“), bei dem Arzneimittel mit einer vergleichbaren Wirkung in einer Rubrik zusammengefasst werden, für die ein Vergütungsgrenzwert gilt. Diese Mechanismen sorgen jährlich für Gesundheitskosten-Einsparungen von mehreren hundert Millionen Euro. Dem Ministerium zufolge hängen die Engpässe jedoch mit internationalen Lieferschwierigkeiten zusammen, die auch andere Länder betreffen.

Favie kritisiert, dass in den Niederlanden oft das Ziel verfolgt werde, die Medikamente besonders günstig anbieten zu können – man wolle keinen Cent zu viel bezahlen. Die günstigste Antibabypille kann in den Niederlanden aufgrund von Verhandlungsergebnissen mit Krankenversicherungen als Dreimonatspackung für 1,01€ eingekauft werden. In Belgien ist der Einkaufspreis für die Antibabypille in den meisten Fällen doppelt, in Deutschland sogar fünf Mal so hoch. Der niedrige Preis bringe auch Probleme mit sich, so Favie. Fabrikanten könnten aufgrund der Einkaufspolitik der Versicherungen, des Großhandels und der Apotheker nicht das Risiko eingehen, auf einem unverkauften Vorrat sitzen zu bleiben, sodass sie geringere Mengen produzieren würden. Wenn es dann bei der Produktion zu Schwierigkeiten kommt, seien innerhalb von zwei Wochen die Vorräte aufgebraucht.

Sonja Keizers, Vorsitzende der Niederländischen Organisation der weiblichen Apotheker (NOVA) kritisiert die derzeitigen Engpässe heftig. Die Niederlande sei aufgrund der Preispolitik kein interessanter Absatzmarkt für die Fabrikanten der Antibabypille, sodass zuerst andere Länder mit den fehlenden Pillen beliefert würden. Zusammen mit dem Niederländischen Frauenrat will sie dem Minister für Gesundheitsversorgung, Bruno Bruins, einen Brandbrief schreiben. Vor allem stört sich Keizers an dem Ratschlag des Ministers, auf andere Antibabypillen auszuweichen. Diese Aussage zeuge von wenig Einfühlungsvermögen und Empathie, so Keizers, denn für die Frauen sei es oft eine lange Suche, bis die richtige Pille gefunden würde. Jede Frau sei sehr froh, wenn ihr dies endlich gelungen sei. Man dürfe auch nicht außer Acht lassen, dass der Engpass vor allem die Antibabypille mit den wenigsten Nebenwirkungen betreffe, andere Pillen brächten beispielsweise größere Thrombose-Risiken mit sich.  Keizers sieht es als Recht der Frauen an, adäquate, bezahlbare und effektive Antibabypillen verwenden zu können. Dieses Recht hätten sich die Frauen über fünfzig Jahre lang mühsam erkämpft und an diesem Recht würde durch den Engpass jetzt gerüttelt.

Viele Frauen seien momentan sehr unruhig und unsicher, so Keizers. Auf Marktplaats, einer niederländischen Plattform mit Kleinanzeigen, würden bereits Blister angeboten, was in Bezug auf die Medikamentensicherheit natürlich absolut unerwünscht sei. Wenn eine geeignete Verhütungsmethode für viele Frauen so wichtig sei, sei es doch absurd, die Pille zu einem so niedrigen Preis einzukaufen. Keizers wünscht sich, dass Bruins eine Lösung für derartige Engpässe findet. Es dürfe nicht erneut zu solchen Situationen kommen, und damit beziehe sie sich nicht nur auf die Antibabypille, sondern auf alle Medikamente, erläutert Keizers. Damit die Antibabypille wenigstens in geringen Mengen verfügbar ist, hat die Aufsichtsbehörde der Apotheker bis Mitte Dezember ihre Zustimmung zum Import von Arzneimitteln aus dem Ausland gegeben, ohne dass dabei die administrativen Schritte durchgeführt werden müssen, die sonst bei einer solchen Prozedur anfallen würde.