WOHNEN: Immer mehr niederländische Häuser sacken ab

Den Haag, LM/VK, 20. November 2018

In den Niederlanden hat der überdurchschnittlich trockene Sommer zum Absacken von Häusern geführt. Zuvor kam die Fundamentproblematik vor allem in Moorgebieten vor – Häuser, die auf Pfählen gebaut waren, haben oft mit Pfahlfäule zu kämpfen und sacken regelmäßig ab – doch jetzt weitet sich das Problem auf Häuser aus, die direkt auf den stabilen Böden aus Sand und Lehm fundamentiert wurden. Grund dafür ist der trockene Sommer und der daraus resultierende niedrige Grundwasserspiegel.

Der niederländische Boden sackt stärker ab als vermutet – das zeigt die neue Bodensenkungskarte der Niederlande, die vom Niederländischen Zentrum für Geodäsie und Geoinformatik am Dienstag präsentiert wurde. Mark Born, ein Spezialist des Informationszentrums Vorgehensweise Fundamentproblematik berichtet, dass er seit diesem Sommer regelmäßig E-Mails von Leuten erhalte, deren Häuser abgesackt sind, wodurch Risse in den Wänden und Fliesen verursacht wurden. Überraschend sei, dass die Berichte nicht aus den bekannten Problemstädten Rotterdam, Haarlem und Gouda gekommen waren, in denen der Moorboden seit Jahren für Pfahlfäule sorgt, sondern aus den eigentlich stabilen Sand- und Lehmgebieten, in denen die Häuser oftmals ohne Pfähle gebaut wurden. Die Fundamentproblematik hat sich folglich auf die ursprünglich nicht gefährdeten Häuser ausgeweitet.

Zu den üblichen Ursachen der Bodenabsenkung zählen die Erdgas- und Salzgewinnung, der Landbau und Veränderungen der Infrastruktur wie beispielsweise der Tunnelbau. Die Hitze und Dürre dieses Sommers stellen offensichtlich eine neue Ursache für die Absenkung dar. Zur Erstellung der Bodensenkungskarte wurden die Daten von Radarsatelliten verwendet, die Veränderungen im Netzwerk von 250 GPS-Stationen in Bezug auf Gebäude und Schwerkraftmessungen erfassen. Die Satellitendaten ermöglichen eine regelmäßige Aktualisierung der Karte. Mit den Daten können die Spezialisten beispielsweise ermitteln, ob die verminderte Erdgasgewinnung in Groningen bereits zu einer geringeren Bodenabsenkung geführt hat. Die aktuelle Karte zeigte zum ersten Mal die Absenkung von ursprünglich nicht gefährdeten Häusern.

Professor Ramon Hanssen, der an der Erstellung der Karte mitgewirkt hat, weist darauf hin, dass die Bodensenkung mittlerweile in verschiedenen Orten höher ist als im Erdgasgebiet Groningen. In Groningen sackt der Boden pro Jahr um 5 bis 8 Millimeter ab, in einem trockenen Sommer wie in diesem Jahr kann der Boden sogar stellenweise um 7 Zentimeter absacken. Die Karte habe jedoch gezeigt, dass das nicht nur in den bereits bekannten Problemgebieten geschehen ist, sondern auch in als sicher eingestuften Gebieten. Außerdem schreite die Bodenabsenkung schneller als vermutet voran.

Die als ungefährdet angesehenen Gebiete wurden durch die Dürre des vergangenen Sommers dermaßen ausgetrocknet, dass der Grundwasserspiegel extrem gesunken ist, was zur Austrocknung des Lehms und somit zur Bodensenkung führt. Dadurch stimmt das Gleichgewicht zwischen dem Haus und dem Boden nicht mehr, was wiederum zu Rissen in den Innen- und Außenwänden, zentimetergroßen Ritzen zwischen Holzböden und Wänden und Rissen in Steinböden führt. Alex Hekman, Wasserspezialist des Ingenieurbüros Sweco in De Bilt bestätigt, dass es sich um ein gänzlich neues Problem handelt. Das Büro erhalte Meldungen aus Gebieten, die normalerweise unempfindlich gegenüber Bodensenkungen seien.

Hanssen zufolge seien die Niederlande an einem Wendepunkt angelangt. Wenn sich die Bodensenkung in diesem Tempo fortsetze, sei es zwar möglich, die charakteristische niederländische Landschaft mit Weiden, Kühen und Windmühlen instand zu halten, doch der immer niedrigere Grundwasserspiegel würde zu enormen Schäden an Gebäuden und in historischen Städten führen, denn die Pfahlfäule lasse sich dann nicht aufhalten. Sie lasse sich nur verhindern, wenn man den Grundwasserspiegel wieder ansteigen lasse.

Um die Bodenabsenkung der eigentlich ungefährdeten Gebiete zu verhindern, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Hekman fordert vor allem, dass die Gemeinden und Wasserbehörden sich ernster mit diesem Problem auseinandersetzen, damit Anwohner in den gefährdeten Gebieten darüber informiert werden können. Wenn Abwasserkanäle erneuert werden müssen, könnte man Rohre mit Drainagelöchern anbringen, damit das Regenwasser und Wasser aus den Gräben in den Risikogebieten den Grundwasserspiegel erhöhen kann, so die Firma Sweco. Auch könnten Anwohner ihre Häuser selbst bewässern – allerdings nur, wenn es überhaupt genügend Wasser gibt.

Auch bereits abgesackte Häuser können noch fundamentiert werden, indem ein Keller mit einer minimalen Tiefe von 1,8 Metern angelegt wird. Dadurch könnte ein Betonblock unter den tragenden Wänden des Hauses angebracht werden. Eine spezielle Maschine kann schließlich im Beton eingelassene Rammpfähle in den Boden rammen und das Haus dadurch im stabilen Sandboden verankern. Diese Methode ist jedoch äußerst kostspielig.

Die Bodenabsenkung wird in den kommenden Jahren voraussichtlich eine immer größere Rolle spielen, da nicht nur die Pfahlfäule, sondern jetzt auch trockene Sommer und ein niedriger Grundwasserspiegel zur Verschärfung der Fundamentproblematik führen.