GESELLSCHAFT: Proteste bei Sinterklaas-Einzug – stellenweise mit Gewalt

Zaanstad/Eindhoven, SF/NOS/NRC/Trouw/HP/Guardian/VICE, 19.November 2018

Eigentlich ist Sinterklaas ein friedliches Kinderfest in den Niederlanden. Am Abend des 5. Dezembers, dem pakjesavond, bekommen die Kinder im Beisein der Familie Geschenke, die Sinterklaas und seine Zwarte Pieten gebracht haben. Doch gerade Zwarte Piet hat sich in den letzten Jahren zum Politikum entwickelt. Zahlreiche Protestgruppen haben sich formiert, die gegen die in ihren Augen rassistische Darstellung der schwarzen Helferlein protestieren. Die Proteste finden bei den Sinterklaas-Einzügen statt, die zahlreiche Gemeinden jährlich im November ausrichten. In diesem Jahr eskalierte die Situation in manchen Städten. Die Stadt Tilburg beispielsweise zählt 48 Festnahmen. In Eindhoven haben dagegen Hooligans des Fußballclubs PSV die Anti-Zwarte-Pieten-Demonstranten mit Eiern und Bierdosen beworfen. Auch hoben einige Hooligans die Hand zum Hitlergruß.

Der Vorwurf des Anti-Zwarte-Pieten-Lagers ist hart: Die Tradition sei rassistisch. Für die Sinterklaas-Umzüge kostümieren sich viele weißhäutige Niederländer als Zwarte Pieten: Sie färben ihr Gesicht schwarz, tragen eine Afro-Perücke auf dem Kopf, malen sich dicke rote Lippen auf den Mund und legen goldene Ohrringe an. Diese Darstellung, die auch unter der Bezeichnung Blackfacing bekannt ist, ist für die Kritiker ein Ausdruck von kolonialem Rassismus. Hinzu kommt, dass Zwarte Piet in der Regel als tollpatschig und ungeschickt dargestellt wird. Ohne die Leitung des weißen Sinterklaas seien die Pieten nicht fähig zum Geschenkeverteilen. Dies erinnert die Gegner der Pieten stark an das Verhältnis eines Sklaven zu seinem Halter. Eine unangenehme Assoziation für die Niederlande, die auf eine dunkle Kolonialgeschichte zurückschauen: Das Land war während des Goldenden Zeitalters im 17. Jahrhundert im Sklavenhandel verwickelt und unterhielt ein weltumspannendes Kolonialreich.

Die Gegenseite, die sich für den Erhalt der Pieten-Tradition einsetzt, kann die Kritik nicht nachvollziehen. Zwarte Piet sei nun einmal – wie der Name schon sagt – schwarz. Die schwarze Farbe sei außerdem nicht die Hautfarbe, sondern käme vom Ruß der Schornsteine, durch die die Pieten zum Geschenkeverteilen klettern müssen. Mit Rassismus oder Kolonialismus habe die Kindertradition nichts zu tun. Im Gegenteil: Zwarte Piet gehöre zur niederländischen Folklore. Auch Ministerpräsident Mark Rutte (VVD) sprach sich mit ähnlich lautenden Argumenten in der Vergangenheit für den Erhalt der Tradition aus. Die Lager, so schreibt der Journalist Joost de Vries in einem Gastbeitrag für den britischen Guardian, könnten jedoch nicht einfach in links und rechts eingeteilt werden. Auch progressive Niederländer zeigten durchaus Flagge für Zwarte Piet.

Die Debatte um die Pieten hat mittlerweile selbst schon Tradition. Bereits im Jahr 1987 wurden die Zwarte Pieten im niederländischen Fernsehen kritisiert – und zwar ausgerechnet in der Kindersendung Sesamstraße. Aber erst 2013, fast dreißig Jahre später, nahm die Debatte Fahrt auf. Den Zündstoff lieferte die UN-Mitarbeiterin Verene Shepherd, die die Zwarte Pieten für rassistisch hält. In der hitzigen Debatte bezogen auch andere Wissenschaftler und prominente Niederländer Stellung. So etwa die Sängerin Anouk, die Morddrohungen erhielt, nachdem sie sich für ein Ende des Brauchs stark gemacht hatte. Nichtsdestotrotz geht das Engagement der Gegner weiter: Sie organisieren sich mittlerweile in einer Crowdfunding-Kampagne unter dem Namen Kick Out Zwarte Piet (KOZP).

Mit den zunehmenden Protesten hat die Zwarte-Pieten-Debatte indes eine neue Qualität erlangt. Erst letztes Jahr war ein neuer Höhepunkt erreicht, als ein Reisebus mit KOZP-Demonstranten auf dem Weg ins friesische Dokkum von Pro-Pieten-Aktivisten auf der Autobahn gestoppt wurde. Letzte Woche wurden die Blockierer zu Sozialstunden verurteilt. Dieses Jahr verlief die offizielle Einzugsparade von Sinterklaas und Zwarte Piet, die am 17. November in Zaanstad stattfand, zwar friedlich, doch andernorts kam es zu gewalttätigen Übergriffen. In Hilversum und Den Haag musste die Polizei die Demonstrationen abbrechen, weil sie nicht mehr für die Sicherheit der Anwesenden garantieren konnte. Auch in Rotterdam, Leeuwaarden und Hoorn kam es zu Tumulten. In Tilburg nahm die Polizei 48 Menschen fest.

Der traurige Spitzenreiter in Sachen Gewalt ist jedoch die Stadt Eindhoven in Brabant. Hooligans des Fußballvereins PSV Eindhoven mobilisierten zum Protest gegen den Protest. Sie bewarfen die friedlichen KOZP-Demonstranten mit Eiern und Bierdosen. Zudem wurden rassistische und sexistische Beleidigungen skandiert. Einige Hooligans zeigten den Hitlergruß. Ein Video, das vom Online-Magazin VICE Nederland veröffentlicht wurde und die Krawalle lebhaft dokumentiert, machte in den sozialen Netzwerken schnell die Runde. John Jorritsma, VVD-Bürgermeister von Eindhoven, ist angesichts der harten Auseinandersetzung entsetzt: „Ehrlich gesagt konnte von freier Meinungsäußerung durch das einschüchternde Verhalten einer großen Gruppe aggressiver und unangekündigter Hooligans kaum die Rede sein“, sagte Jorritsma dem Eindhovens Dagblad.

Für den Rechtswissenschaftler an der Universität Tilburg, Michiel Bot, steht fest: Der Verlierer der diesjährigen Sinterklaas-Parade ist die Demonstrationsfreiheit. Auch Justizminister Grapperhaus (CDA) verurteilte die extremen Ausschreitungen im ganzen Land und kündigte bereits strafrechtliche Konsequenzen für die randalierenden Hooligans an. Allerdings schloss sich Grapperhaus ebenfalls dem Aufruf Mark Ruttes an, sich nicht an Protesten während der Umzüge zu beteiligen. Berend Roorda, Jura-Dozent an der Reichsuniversität Groningen, hat dafür jedoch kein Verständnis: „Man sagt auch nicht, dass niederländische Gegner von Putin das ganze Jahr über protestieren können, außer er ist zum Staatsbesuch im Land.“

Einen anderen Weg schlug die Stadt Amsterdam bei ihrem Sinterklaas-Umzug ein. Schätzungsweise 400.000 Menschen sahen sich das Spektakel an – ohne dass es zu nennenswerten Ausschreitungen kam oder ein großangelegtes Polizeiaufgebot nötig war. Bei der Parade verzichteten die Pieten auf das kontroverse Blackfacing und puderten stattdessen ihre Gesichter mit Ruß. Den Beschluss, Zwarte Piet abzuschaffen, nahm die Amsterdamer Stadtverwaltung bereits vor fünf Jahren. Nach und nach wurden die kolonialen Symbole aus der Pieten-Darstellung entfernt. Zudem hat die diverse Stadtbevölkerung Amsterdams mit Sicherheit ein Übriges getan.

Landesweit sehen vor allem junge Niederländer Zwarte Piet skeptisch: Nach einer EenVandaag-Umfrage überwiegt der Anteil der Gegner in der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren. Je älter die Befragten werden, desto größer ist dagegen das Verlangen nach einem Erhalt des Brauchs. Ob sich der Generationenwechsel in Zukunft bemerkbar machen wird, kann noch nicht gesagt werden. Fakt ist, dass die niederländischen Gemeinden ab jetzt rund ein Jahr Zeit haben, sich auf die nächsten Demonstrationen vorzubereiten: Die nächste Sinterklaas-Parade findet am 16. November 2019 statt.