AUSSENPOLITIK: Anwalt der Pakistanerin Asia Bibi in die Niederlande geflohen

Islamabad/Den Haag, SF/NRC, 06.November 2018

Acht Jahre verbrachte die Pakistanerin Asia Bibi im Gefängnis. Die Christin wurde zum Tode verurteilt – aufgrund von Gotteslästerung. Vergangene Woche wurde das Todesurteil vom Obersten Gerichtshof Pakistans indes widerrufen. Während Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch feierten, entflammten Proteste gegen den Freispruch Bibis. Federführend an den anhaltenden Protesten beteiligt ist die dschihadistische Partei TLP, die die Vollstreckung der Todesstrafe fordert. Bibi und ihre Familie fühlen sich nun in der Islamischen Republik Pakistan nicht mehr sicher und suchen Asyl in Europa. Ihr Anwalt ist bereits in die Niederlande geflohen und versucht nun, seine Mandantin nachzuholen.

Ausschlaggebend für das Todesurteil war ein Streit zwischen Bibi und anderen Arbeiterinnen. Diese hatten die Christin aufgefordert, sich zum Islam zu bekennen. Ihr darauffolgendes Bekenntnis zu Jesus Christus wurde von den Arbeiterinnen und Behörden als Blasphemie aufgefasst – darauf steht nach pakistanischem Strafrecht die Todesstrafe. Der unerwartete Freispruch durch den Obersten Gerichtshof in Islamabad wurde international als Sensation wahrgenommen. Doch im Inneren Pakistans, wie beispielsweise in der Millionenstadt Hyderabad, kamen Proteste gegen den Freispruch auf, vor allem vonseiten der TLP und anderer islamistischer Kräfte, die den Tod Bibis forderten. Die Staatsführung rief indes zu Mäßigung auf, da das Urteil des Obersten Gerichtshofs uneingeschränkt zu akzeptieren sei.

Die Proteste waren von teils extremer Gewalt gezeichnet. Nach Behördenangaben nahm die pakistanische Polizei mehr als 150 Menschen aufgrund von Vandalismus, Brandstfitung und anderweitiger Gewaltausübung fest. Für Asia Bibi und ihre Familie mit fünf Kindern spitzte sich die Sicherheitslage zunehmend zu. Die christliche Minderheit in der Islamischen Republik macht keine zwei Prozent der Bevölkerung aus. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Verhaftungen von Christen infolge vorgeworfener Blasphemie. 2013 ereignete sich darüber hinaus ein Terroranschlag auf eine Christengemeinde in der Großstadt Peschawar mit über hundert Toten. Dieses Jahr wurde auch der niederländische Botschafter in Pakistan zur Zielscheibe von Bedrohungen durch die Islamisten, nachdem Geert Wilders blasphemische Mohammed-Cartoons auf Twitter veröffentlicht und zu einem Cartoon-Wettbewerb aufgerufen hatte. Die Christin Asia Bibi war jedoch die erste Frau in der Geschichte Pakistans, die aufgrund von Gotteslästerung zum Tode verurteilt worden ist.

Nach der Gewalteskalation war die Familie Bibis untergetaucht. Mehrere westliche Staaten, darunter die Niederlande, baten der Familie Asyl an, doch derzeit wird sie an der Ausreise gehindert. Bibis Anwalt, der Moslem Saif-ul-Malook, ist inzwischen in die Niederlande geflohen. „Ein UN-Gesandter setzte mich gegen meinen Willen in ein Flugzeug“, so Saif-ul-Malook auf einer Pressekonferenz in Den Haag. „Ich wollte in Pakistan bleiben, bis Asia Bibi mit ihrer Familie das Land verlassen konnten.“ Zudem könne der Freispruch möglicherweise neu verhandelt werden. Über den Zustand Bibis und ihrer Familie konnte der Anwalt keine Auskünfte geben. Er habe seit dem Freispruch keinen persönlichen Kontakt mehr zu seiner Mandantin gehabt.

Saif-ul-Malook zählt in dem Fall voll und ganz auf die pakistanische Regierung: „Jeder im Parlament und der Regierung weiß, dass wir es hier mit dummen Fundamentalisten zu tun haben, die mit ihrem Verhalten dem Ansehen der islamischen Gemeinschaft Schaden zufügen.“ Spekulationen, die Regierung unter Leitung von Premier Khan ließe sich auf einen Deal mit der TLP ein, bezeichnet er als „unwahr.“ Bisher hat Saif-ul-Malook noch keinen Antrag auf Asyl in den Niederlanden gestellt. Er erfährt zurzeit Unterstützung von der niederländischen Stiftung Hilfe für verfolgte Christen (HVC). Auch in der Verteidigung Bibis konnte Saif-ul-Malook auf Hilfe durch die HVC zählen.

Der Ehemann Bibis, Ashiq Masih, wandte sich nach Angaben der BBC mit einem Video an die britische Premierministerin Theresa May: „Ich bitte die Premierministerin des Vereinigten Königreichs, uns zu helfen und uns – so gut es geht – Sicherheit zu gewährleisten.“ Eine Antwort Mays bleibt bisher aus. Aus der niederländischen Politik ist bereits Unterstützung für Asia Bibi zu vernehmen – obwohl sich die Beziehungen zu Pakistan seit dem von Wilders initiierten Cartoon-Wettbewerb krisenhaft gestalten. Die Regierungsparteien CDA und D66 setzen sich aktiv für eine Aufnahme Bibis in den Niederlanden ein. Der linksliberale Außenpolitiker Sjoerd Sjoerdsma (D66) etwa gab auf Twitter die Motivation hinter dem gemeinsamen Vorstoß mit den Christdemokraten bekannt: „Damit sie in Sicherheit durchatmen und in aller Ruhe durchdenken kann, wie sie ihr Leben weiter führen will.“