ORGANSPENDE: Vorbild Niederlande?

Amsterdam, SF/NRC/SZ/taz/overheid.nl/DW/arte/NOS/NTS, 30. Oktober 2018

Jedes Jahr stehen in Deutschland rund 10.000 Patienten auf Wartelisten für Organtransplantationen. Mithilfe einer Organspende erhoffen sich diese Menschen, eine Krankheit besiegen zu können. Im Jahr 2016 allerdings wurden in Deutschland nur 797 sogenannte postmortale Organtransplantationen durchgeführt. Aus diesem Grund kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Gesetzesnovelle an: Jeder Deutsche soll nach Auffassung Spahns automatisch potenzieller Organspender sein, es sei denn, er widerspricht aktiv zu Lebzeiten. Würde diese Gesetzänderung Realität, dann zähle Deutschland zu den europaweit 16 Staaten, in denen die Widerspruchslösung bei der Organspende gilt. Darunter befinden sich auch die Niederlande, die erst zu Jahresbeginn die Widerspruchsregelung eingeführt haben. Könnte das niederländische Modell Vorbildcharakter für die Bundesrepublik haben?

Genau genommen spricht sich Spahn für die doppelte Widerspruchslösung aus. Demnach müssten Patienten zu Lebzeiten sich in einem Verweigerungsregister eintragen lassen. Fehlt ein entsprechender Eintrag, läge es an den Angehörigen, eine Entscheidung im Sinne des Verstorbenen zu fällen. Bisher müssen Patienten einer Organentnahme nach der Feststellung des sogenannten Hirntodes aktiv zustimmen. Diese Einwilligungslösung wird häufig für die sinkenden Organtransplantationen verantwortlich gemacht. Seit 2012 sinkt die Zahl der Organentnahmen und im europäischen Vergleich liegt die Transplantationsquote in Deutschland bei nur 10,4 Prozent. Im Spitzenreiterland Spanien werden mehr als viermal so viele Organspenden vorgenommen und dort gilt die Widerspruchsregelung.

Trotzdem ist in vielen europäischen Ländern die Problemlage ähnlich: Die Zahl der Patienten, die auf ein Organ warten, übersteigt den Anteil derjenigen, die sich zu einer Spende bereit erklären. Nach Auskünften der niederländischen Organspendestiftung NTS ist dies in Bezug auf postmortale Transplantationen auch in den Niederlanden der Fall. Der niederländische Staat wollte deshalb handeln – und novellierte das Organspendegesetz: Ab 2020 soll jeder volljährige Niederländer als Spender gelten. Bis dahin werden alle niederländischen Staatsbürger aufgefordert, sich in der Spenderkartei donorregister.nl einzutragen. Die Auswahlmöglichkeiten umfassen neben Zustimmung und Ablehnung auch das Delegieren der Entscheidung auf eine dritte Person. Fehlt bis 2020 eine Registrierung in der Spenderkartei, wird die betroffene Person per Brief aufgefordert, diese vorzunehmen. Ziel ist es, alle niederländischen Staatsbürger zu erfassen, selbst Kinder ab 12 Jahren. Für die Altersgruppe von 12 bis 16 Jahren gilt jedoch eine Übergangsregelung: Dort haben die Eltern nach wie vor das letzte Wort in Sachen Organtransplantation. Mit dem 18. Geburtstag kommt schließlich das Spendeformular, auf dem die entsprechende Willenserklärung abgegeben werden muss. Zudem spendet jeder Niederländer automatisch alles – bestimmte Organe müssen aktiv von einer Transplantation ausgeschlossen werden.

Das neue Gesetz ist nicht unumstritten. Bei der Verabschiedung in der Zweiten Kammer fand sich nur eine minimale Mehrheit von 2 Stimmen für die Gesetzesnovelle. Dennoch steigen die Registrierungen in der Spenderkartei: Nach Angaben des NRC Handelsblad lag die Zahl potenzieller Spender im März bei etwa 3,7 Millionen – Tendenz steigend. In Deutschland liegt die Transplantationsbereitschaft im Übrigen bei gut 80 Prozent. Trotz alledem haben viele Menschen noch immer Bedenken bei den Transplantationen, Organspender ebenso wie –empfänger. So organisieren sich beispielsweise einige Patienten, die auf Wartelisten stehen, mittlerweile selbst. Wie der Rundfunksender ARTE berichtet, suchen manche Patienten in sozialen Netzwerken nach Spendern. Medizin und Ethik prallen dadurch aufeinander, finden Skeptiker. Denn normalerweise verlaufen Organspenden anonym, damit Abhängigkeitsverhältnisse ausgeschlossen werden können. Auch die behandelnden Ärzte geben zu, dass sie nicht garantieren, dass die Organempfänger ihre Spender aus Dankbarkeit finanziell entschädigen. Was bleibt, ist bislang Ernüchterung: Ob die Widerspruchslösung in den Niederlanden den gewünschten Erfolg erzielt, bleibt offen.