POLITIK: Ehemaliger Ministerpräsident Wim Kok (PvdA) verstorben

Amsterdam, SF/VK/NRC/FAZ/pvda.nl, 22. Oktober 2018

„Wir gedenken Wim Kok mit großer Dankbarkeit und großem Respekt und wünschen seiner Frau Rita, seinen Kindern und seinen Enkeln, seiner übrigen Familie, Freunden und Hinterbliebenen viel Kraft, diesen enormen Verlust  zu verarbeiten.“ – Mit diesem Satz verabschiedet sich die sozialdemokratische Partij van de Arbeid (PvdA) von ihrem ehemaligen Parteileiter und Ministerpräsidenten Wim Kok. Der Sozialdemokrat verstarb am Samstag, den 20. Oktober, im Alter von 80 Jahren. Die Tageszeitung de Volkskrant lobte Kok als einen „allen Gegenwind zum Trotz starken und nüchternen Staatsmann.“

Wim Kok wurde am 29. September 1938 im Dorf Bergambacht in der Provinz Südholland geboren und entstammte als Tischlersohn einfachen Verhältnissen. Als Kind überlebte er den Hungerwinter 1944/45, der rund 22.000 Menschen das Leben aufgrund quälenden Hungers kostete. Zusammen mit dem Miterleben der saisonalen Arbeitslosigkeit seines Vaters gilt diese Erfahrung für de Volkskrant als zündendes Momentum für Koks soziales Engagement. Nach seinem Management-Studium betätigte er sich als Gewerkschaftsfunktionär und leitete sogar bis zum Jahr 1986 den niederländischen Gewerkschaftsbund FNV.

1986 markierte nicht nur das Ende von Koks Karriere als Gewerkschafter, sondern auch den Beginn seiner politischen Karriere: Er wurde von Ex-Premier Joop den Uyl als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten in den Wahlkampf geholt und saß der PvdA-Fraktion bis 1989 vor. Zugleich war er Oppositionsführer in der Zweiten Kammer. Unter Premier Ruud Lubbers wechselten die Sozialdemokraten ab 1989 in die Regierung. Kok wurde Finanzminister und Vizeministerpräsident. In der darauffolgenden Wahl 1994 gelang ihm jedoch sein größter Erfolg: Kok wurde selbst zum Ministerpräsident. Unter seiner Führung formierten sich zwischen 1994 und 2002 zwei violette Kabinette aus Sozialdemokraten und Liberalen. Unversöhnliche Gegner schienen dank Kok versöhnt und erstmals seit 1918 waren keine Christdemokraten an der Regierung beteiligt. Die Regierung Kok gilt bis heute als historischer Einschnitt in die Parlamentsgeschichte der Niederlande.

Wim Koks Arbeitsmarktreformen machten international Karriere. Das gepriesene Poldermodell stand unter dem Motto Arbeit, Arbeit, Arbeit. Nicht nur in der Regierung, sondern auch in der Wirtschaft sollten Kompromisse gefunden werden: zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Durch Lohnzurückhaltungen sollte das Wirtschaftswachstum angeregt werden. Kok sei als geistiger Vater des Dritten Wegs in die Geschichte eingegangen, schreibt NRC Handelsblad. Die Idee dahinter: Der Sozialstaat wird marktwirtschaftlich organisiert, zwischen Kapitalismus und Sozialismus soll ein neuer Pfad eingeschlagen werden. Für Bill Clinton, Tony Blair und nicht zuletzt auch Gerhard Schröder vertrat Kok eine neue Sozialdemokratie – pragmatisch, unideologisch und modern. Für die deutschen Reformen der Agenda 2010 stand Koks Poldermodell Pate, meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung dazu.

Kok regierte in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität: Die Wirtschaft wuchs, die Staatsverschuldung nahm ab, die Menschen fanden Arbeit. Doch wahrlich nicht jeder war von der Regierungspolitik begeistert: Der Populist Pim Fortuyn kritisierte Koks Regierung für Die Trümmerhaufen von acht Jahren Violett, so der Titel seines einflussreichsten Pamphlets. Fortuyn positionierte sich als bewusst radikalen Gegenpart zum gemäßigten und bescheidenen Premier Kok. Der einst populäre Kok, der „Ministerpräsident aller Niederländer“ sein wollte, verlor nach und nach die Gunst der Wähler. Zudem: Infolge des Massakers in Srebrenica, bei dem niederländischen Blauhelmen vorgeworfen wird, einen Massenmord an 8.000 muslimischen Männern und Jungen nicht verhindert zu haben, trat die zweite Regierung Kok frühzeitig zurück. Letztes Jahr bezeichnete Kok Srebrenica im niederländischen Fernsehen als „offene Wunde, die nie zuwachsen wird.“ Bei den Neuwahlen 2002 verlor die PvdA in bis dato ungekanntem Ausmaße – und Wim Kok beendete seine politische Karriere.

Nach dem Ausscheiden aus der Politik war Kok für mehrere Unternehmen tätig, darunter Shell und die ING Bank. Im Jahr 2003 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für seine Verdienste in den deutsch-niederländischen Beziehungen. Am 20. Oktober erlag er in einem Amsterdamer Krankenhaus den Folgen eines Herzleidens. Spitzenpolitiker von beispielsweise PvdA, SP, GroenLinks und ChristenUnie bekundeten ebenso wie das Königliche Haus ihre Trauer. Auf Twitter meldete Premier Mark Rutte: „Unser Land ist Wim Kok großem Dank verpflichtet.“