GESELLSCHAFT: Rückläufige Sterbehilfezahlen in den Niederlanden

Den Haag, LM/NRC/VK/Trouw, 17. Oktober 2018

In den ersten neun Monaten des Jahres starben fast 4.600 Menschen in den Niederlanden durch die Inanspruchnahme der Sterbehilfe. Das sind gut 8 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Somit sind die Sterbehilfezahlen zum ersten Mal seit 2003 gesunken – über die Gründe sind sich die Experten noch nicht einig.

Am vergangenen Dienstag bestätigte der Regionale Prüfungsausschuss Euthanasie, dass die Sterbehilfezahlen um gute 8 Prozent gesunken sind. Während im vergangenen Jahr zwischen Januar und September 4.986 Mal die Sterbehilfe durchgeführt wurde, geschah dies im laufenden Jahr bisher nur 4.575 Mal. Zuvor war aufgrund der Alterung der Bevölkerung davon ausgegangen worden, dass die Sterbehilfezahlen – wie in den vergangenen Jahren – weiter steigen würden.

Für die rückläufigen Sterbehilfezahlen machen Experten verschiedene Gründe aus. Jacob Kohnstamm, Vorsitzender des Prüfungsausschusses, ist jedoch der Meinung, dass es noch zu früh sei, um nach Ursachen zu suchen. Das Jahr sei noch nicht vorbei und der mutmaßliche Rückgang könne auch Zufall sein. Einen möglichen Grund sieht Kohnstamm jedoch in der Grippewelle, die das Land zu Beginn des Jahres heimsuchte. Durch die Grippewelle starben in dem Zeitraum 3.000 Menschen mehr, als im Jahr zuvor, von denen einige aufgrund anderer Krankheiten eventuell Sterbehilfe in Anspruch hätten nehmen können.

Agnes Wolbert, Direktorin der Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende (NVVE), stimmt Kohnstamm allerdings nicht zu. Sie vermutet, dass die gesunkenen Zahlen mit der neuen Marschroute der Staatsanwaltschaft zu tun haben. Seit 2002 wird die Staatsanwaltschaft standardmäßig über alle Sterbehilfefälle informiert, die zuvor vom Prüfungsausschuss als „nachlässig“ eingestuft wurden. Bisher wurden alle Verfahren eingestellt. Im Herbst 2017 kündigte die Staatsanwaltschaft jedoch einen anderen Kurs an: In der Zwischenzeit wurde die Strafverfolgung gegen fünf Ärzte eingeleitet, die möglicherweise nachlässig gehandelt haben sollen. Wolbert spricht sich für die strafrechtliche Verfolgung aus, sofern diese nötig sei, doch habe sie auch beobachten müssen, dass immer mehr Ärzte zurückhaltender agieren würden und sich ernste Sorgen machten.

Auch Bert Keizer, Spezialist für Geriatrie und Arzt an einer Sterbehilfeklinik,  konnte unter seinen Kollegen eine wachsende Unruhe ausmachen: „Ärzte spüren eine konkrete Bedrohung“, so Keizer. Der Prüfungsausschuss sei aufmerksamer und die Staatsanwaltschaft sei mit viel Säbelrasseln auf der Bildfläche erschienen. Auch bei sich selbst habe er eine gewisse Unruhe feststellen können, man reagiere ängstlicher und achte sehr genau darauf, sich an die Regeln zu halten. Zurzeit müsse man sich für jede durchgeführte Sterbehilfe bei dementen Patienten oder in der Psychiatrie vor dem Prüfungsausschuss verantworten.

Auch Sonja Voskuil, eine Hausärztin aus Heiloo, ist eigenen Aussagen zufolge „zurückhaltender“ geworden, wenn es um komplizierte Sterbehilfeanfragen geht. Sie schicke die Patienten mittlerweile öfter zur Sterbehilfeklinik und sie wisse, dass andere Kollegen das genauso machen würden. Die Grippewelle stellt für sie zudem keine plausible Erklärung für den Rückgang dar, denn die größte Gruppe der Sterbehilfepatienten stellten Krebskranke dar, die nicht immer zur älteren Bevölkerungsgruppe gehörten und dementsprechend grippeanfälliger seien.

Letztendlich müssen die Zahlen des kommenden Jahres abgewartet werden, um von einem definitiven Abwärtstrend der Sterbehilfezahlen sprechen zu können. Über diesen Umstand sind sich die meisten Experten dann doch einig.