SPRACHE: Niedersächsisch wird offizieller niederländischer Dialekt

Zwolle, LM/NRC/VK, 10. Oktober 2018

Niedersächsisch erhält in den Niederlanden die Anerkennung als Dialekt. Am heutigen Mittwoch wird die niederländische Innenministerin Kajsa Ollongren in Zwolle mit den Provinzen Groningen, Drenthe, Friesland, Overijssel und Gelderland eine Vereinbarung unterzeichnen, die Niedersächsisch als „wesentlichen, selbstständigen und vollwertigen Bestandteil der niederländischen Sprache“ anerkennt.  Der Vorsitzende der Dialektorganisationen des niedersächsischen Sprachraums (SONT), Hans Gerritsen, spricht von einem Erfolg mit symbolischem Wert: „Für uns ist es wichtig, dass Niedersächsisch nicht mehr als minderwertiger Dialekt betrachtet wird, sondern als eine vollwertige Sprache, auf die man stolz sein kann.“

Das niedersächsische Sprachgebiet erstreckt sich von den östlichen Niederlanden über den Nordwesten Deutschlands bis hin zur dänischen Kleinstadt Aabenraa, die im Süden Dänemarks an der Ostsee liegt. Es umfasst ein Dutzend verschiedener Dialekte und wird schätzungsweise von 5 Millionen Menschen gesprochen. Niedersächsisch entstand ungefähr im Jahr 800 und war die Sprache der Hanse, dem mittelalterlichen Handelsverband in Nordosteuropa. Genau wie Niederländisch und Deutsch stammt Niedersächsisch vom Germanischen ab. Allerdings sei es kein Dialekt der niederländischen Sprache, so Dialektologe Lex Schaars, der an einem niedersächsischen Wörterbuch arbeitet. Niedersächsisch sei aus dem Niederdeutsch entstanden, das in Westfalen und Niedersachsen gesprochen wird. Niederländisch sei aus den holländischen Dialekten hervorgegangen.

Anders als beim Friesisch, das als eigenständige Sprache anerkannt wurde, gibt es keinen niedersächsischen Standarddialekt. Schon allein in den Niederlanden gebe es mindestens sieben regionale Varianten wie das Drents, Twents, Veluws, Sallands, Achterhoeks, Gronings und Stellingwerfs. Niedersächsisch wurde 1996 bereits als regionale Sprache in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen aufgenommen, genau wie Limburgisch. Versuche, für Niedersächsisch den Status einer eigenständigen Sprache zu erlangen, wie es beim Friesischen gelungen ist, wurden vom Staat nicht unterstützt, denn dann müsste auch Niedersächsisch-Unterricht gegeben werden und offizielle Dokumente müssten auf niedersächsisch verfügbar sein.

Die genaue Ermittlung der Sprecherzahlen des Dialekts ist schwierig, gibt Martijn Wieling, Professor für niedersächsische Sprache und Kultur an der Reichsuniversität Groningen, zu Bedenken. Vor einigen Jahren habe man in Groningen jedoch eine Sprecherzählung durchgeführt. Damals hätten ungefähr 300.000 Menschen Niedersächsisch gesprochen. Wieling zufolge umfasst der gesamte Sprachraum 5 Millionen Sprecher. Vor allem in Dörfern sei der Dialekt sehr lebendig, so Wieling. Hauptsächlich liege es jedoch an der Erziehung der Eltern. Viele Eltern würden sich leider gegen den Dialekt entscheiden, sodass immer weniger junge Menschen Niedersächsisch sprechen und das kulturelle Erbe verloren geht. Doch vielleicht bekommt der niedersächsische Dialekt durch die Anerkennung neuen Aufwind und mehr gesellschaftliche Anerkennung.