GESELLSCHAFT: Nach Unglück in Oss: Verkehrsministerin verbietet Stints

Oss, SF/NRC/NOS, 2. Oktober 2018

Am 20. September dieses Jahres ereignete sich auf dem Bahnübergang in der niederländischen Grenzstadt Oss ein furchtbares Unglück: Ein elektrisches Lastenrad mit Kindergartenkindern prallte mit einem Zug zusammen. Vier Kinder starben, ein Mädchen sowie die begleitende Erzieherin wurden schwer verletzt. Besonders entsetzlich: Die Erzieherin konnte das Unglück nicht verhindern, da die Bremsen nicht reagierten. Zunächst blieb die Unfallursache unklar, doch erste Untersuchungen weisen aus, dass Konstruktionsmängel am Lastenrad der Marke Stint für das Unglück verantwortlich sind. Jetzt zieht Verkehrsministerin Cora van Nieuwenhuizen (VVD) Konsequenzen aus dem Vorfall: Stints dürfen seit Mitternacht nicht mehr auf den Straßen der Niederlande fahren.

Bei einem Stint handelt es sich um ein elektrisches Lastenrad, das zum Beispiel von Kindergärten oder der Post zum Transport genutzt wird. Der Fahrer steuert das Rad mit einer Art Segway. Vor dem Steuer ist ein Korb angebracht, in dem die Kinder platznehmen können. Ein Stint kann auf bis zu 17 Stundenkilometer beschleunigen und ist seit 2012 für den Verkehr zugelassen. Jeder über 16 Jahren darf mit einem Stint fahren; einen Führerschein braucht es dazu nicht.

Genau einen solchen Stint fuhr die Erzieherin, deren Lastenrad in Oss verunglückte. Nach dem Unfall nahm die Polizei sofort gemeinsam mit dem Niederländischen Forensischen Institut (NFI) sowie der Aufsichtsbehörde für Umwelt und Transport (ILT) Untersuchungen auf. Durch die vorläufigen Ergebnisse kommt vor allem die Konstruktionsweise des Stints unter Beschuss. Sollte eine Stromstörung im Laufe der Inbetriebnahme des Stints im System auftreten, kann der Stint weiterhin auf bis zu 17 Stundenkilometer beschleunigen. Das Problem: In einer solchen Situation kann der Fahrer die Geschwindigkeit nicht mehr mit dem Gashebel regulieren. Auch die Handbremse erweist sich in der Untersuchung als zu schwach, um den Stint zum Stehen zu bringen. Die einzige Möglichkeit, die übrigbleibt, ist es, den Schlüssel im Schloss umzudrehen – eine völlig unnatürliche Handlung in einer Paniksituation, wie die Untersuchungsleiter konkludieren.

Dem vorläufigen Untersuchungsbericht zufolge können Stromstörungen auftreten, sobald die Hitze aus den Elektrizitätskabeln nicht ausreichend entweichen kann oder die Gasdruckfeder abbricht. Darüber hinaus werden immer mehr Vorwürfe an den Hersteller laut: So sei er im Jahr 2014 auf den Einbau leistungsstärkerer Motoren übergegangen, ohne das Verkehrsministerium darüber zu informieren. Und obwohl der Hersteller bei einer eigenen Prüfung der Stints ebenfalls technische Mängel feststellte, sei er nicht dazu bereit gewesen, die womöglich mangelhaften Fahrzeuge zurückzurufen.

Trotzdem kann der Firmenchef von Stint, Edwin Renzen, den Beschluss von Van Nieuwenhuizen nicht nachvollziehen: „Es wurde das Wrack untersucht. Bislang geht man nur hypothetisch davon aus, dass die Stints mangelhaft sind. Aber das ist noch lange kein Grund, alle Stints in der Öffentlichkeit zu verbieten“, so Renzen gegenüber der Rundfunkstiftung NOS. Zudem steht auch Ministerin Van Nieuwenhuizen in der Kritik: 2011 habe die zuständige Behörde für Verkehrssicherheit bereits auf etwaige Mängel bei den Stints hingewiesen, doch Van Nieuwenhuizen sah damals noch keinen Grund, die Fahrzeuge aus dem Verkehr zu nehmen.

Kindertagesstätten und Schulen, die Stints verwenden, müssen nun nach Alternativen Ausschau halten. Dasselbe gilt für die Post und Lieferbetriebe. Kleine Busse oder Autotransporte sollen jedoch nur eine Übergangslösung sein, weil weitere Belastungen im Straßenverkehr eigentlich vermieden werden sollen – das war bislang mit den Stints möglich. Trotz der erst einmal unübersichtlichen Lage reagieren die meisten Kinderbetreuungseinrichtungen mit Verständnis auf die Entscheidung von Van Nieuwenhuizen. „Wir haben immer gesagt: Wir warten die Untersuchungsergebnisse ab. Jetzt wo die ersten Resultate Anlass zum Zweifel geben, verstehen wir die Reaktion der Ministerin durchaus“, heißt es aus der Branchenvertretung der Kindertagesstätten.

In Oss selbst zeigen sich die Bewohner solidarisch mit den Angehörigen. Bürgermeisterin Wobine Buijs-Glaudemans besuchte am Tag nach dem Unglück die Familien der getöteten Kinder und sprach ihnen ihr Mitgefühl aus. Auch Premier Mark Rutte und das Königspaar Willem-Alexander und Máxima bekundeten ihr Beileid. Im Kondolenzbuch der Stadt Oss trugen sich rund 6.600 Menschen ein. Zudem hat die Bevölkerung mehr als eine Viertelmillion Euro an Spenden gesammelt, die für die Hinterbliebenen sowie den Umbau der Wohnungen des überlebenden Mädchens und der Erzieherin genutzt werden.