GESELLSCHAFT: Orale Flüssigkeitseinnahme statt Injektion bei Sterbehilfe

Amsterdam, LM/NOS/Trouw, 18. September 2018

Die orale Einnahme einer flüssigen Arznei könnte bald eine zuverlässige Alternative für die sonst übliche Injektion sein, mit der in den Niederlanden die Sterbehilfe geleistet wird. Zu diesem Schluss kamen zwei Forscher, die ihre Ergebnisse in der Niederländischen Zeitschrift für Medizin veröffentlichten. Die orale Einnahme eines Mittels, die vom Patienten selbst durchgeführt werden kann, stellt vor allem für die behandelnden Ärzte eine Entlastung dar.

Der emeritierte Professor für Angewandte Psychologie, Pieter Jan Stallen, und der ehemalige Hausarzt Michiel Marlet haben mehr als 200 Fälle der Sterbehilfe untersucht, die durch die orale Flüssigkeitseinnahme durchgeführt wurden. Für die Sterbehilfe wurden in den letzten Jahren häufig Injektionen benutzt, die meistens zuverlässig innerhalb von zehn Minuten zum Tod führten. Vor 1998 war auch die Einnahme einer flüssigen Arznei durch den Patienten eine gängige Methode. Mittlerweile wird diese Methode jedoch nur noch bei 4 Prozent der Patienten angewendet, wohingegen es 1998 noch 30 Prozent waren. Auch die aktuellste Sterbehilferichtlinie des Berufs- und Handelsverbands niederländischer Apotheker (KNMP) aus dem Jahr 2012 hat ihren Teil zu dem Rückgang der oralen Methode beigetragen, denn dort wurde sie aufgrund des nicht vorhersagbaren Sterbeverlaufs nicht empfohlen.

Die praktizierenden Ärzte hatten mit der aktiven Flüssigkeitseinnahme schlechte Erfahrungen gemacht. Einige Patienten haben das Medikament erbrochen, sodass die Dosierung nicht mehr stimmte. Manchmal trat der Tod erst nach vielen Stunden ein. Annemieke Horikx, Mitglied der Arbeitsgruppe für Sterbehilferichtlinien, erinnert sich daran, dass der Tod nach der Einnahme des Mittels vor fünfzehn Jahren manchmal erst nach acht Stunden eintrat.

Mittlerweile gibt es andere Richtlinien zur Nutzung des Mittels. Die Arznei wird höher dosiert und zur Sicherheit wird immer eine Infusion gelegt, sodass nach maximal zwei Stunden nachträglich eine Injektion gegeben werden kann. Oftmals wird mit dem Patienten abgesprochen, diesen Schritt schon früher einzuleiten. Zusätzlich wird die orale Methode nicht bei Patienten angewendet, die Magen-Darm-Probleme haben. Präventiv wird den Patienten vor der Einnahme des Mittels ein Medikament zur Verhinderung des Erbrechens verabreicht. Die Studie, die in der Medizinzeitschrift veröffentlicht wurde, verdeutlicht, dass die orale Flüssigkeitseinnahme mittlerweile als zuverlässig angesehen werden kann: Bei sechs von sieben Patienten führte die Einnahme innerhalb einer halben Stunde zum Tod – nahezu ohne Komplikationen.

Vor allem für die Ärzte birgt die orale Flüssigkeitseinnahme Vorteile. Dadurch, dass sie das Mittel nicht aktiv injizieren müssen, sondern der Patient die tödliche Handlung selbst ausführt, ist die Methode moralisch und psychisch weniger belastend. Auch für die Angehörigen der Patienten ist es oftmals ein positiveres Bild, wenn der Patient die Handlung selbst ausführt, da sie den Entschluss des Patienten verdeutlicht.

Dass die Einnahme der Flüssigkeit etwas langsamer wirkt, als die Injektion, ist Zaat, einem Hausarzt aus Purmerend zufolge, ein Vorteil. Nach der Injektion trete der Tod sehr schnell ein, das käme sowohl für den Patienten als auch für die Angehörigen oftmals unerwartet. Die flüssige Arznei zur Einnahme ließe dahingegen Raum für einige Sätze des Patienten, so würden manche Patienten die Stimmung mit einem kleinen Witz auflockern. Allerdings könne ein ruhiges Einschlafen nicht immer garantiert werden, erklärt Hausärztin Marjolijn Seebregts. Oft würden die Patienten noch eine Art Würgereflex haben, doch darauf bereite sie die Patienten vor. Zaat möchte in Zukunft häufiger die orale Methode anwenden, da man als Arzt die Last der Sterbehilfe so ein klein wenig besser ertragen könne.