ARBEITSMARKT: Immer mehr Lehrkräfte aus dem Ausland unterrichten in den Niederlanden

Den Haag, SF/VK/rijksoverheid.nl/fnv.nl/aob.nl, 06. September 2018

Niederländische Schulen haben mit Lehrermangel zu kämpfen. Dieses Problem ist bereits seit Jahren bekannt. Zum Glück möchten aber immer mehr ausländische Lehrkräfte in den Niederlanden unterrichten. 2015 meldete die niederländische Zentralstelle für Ausbildungsförderung und die Vergabe von Studienplätzen (DUO) Anfragen von 742 Lehrern, die ihre Lehrerlaubnis für den Schuldienst in den Niederlanden anerkennen lassen wollten. Letztes Jahr lag die Zahl bei 1.062 Anfragen – und auch für dieses Jahr ist die Tausender-Marke längst überschritten. Damit der Trend weiterhin positiv bleibt, möchten Schulen jetzt mehr Lehrkräfte aus dem Ausland anwerben. Vor allem für die Fächer Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch.

Das Problem des Lehrermangels in den Niederlanden ist teilweise dramatisch. Dies ist unter anderem auf den demografischen Wandel zurückzuführen, der sich in unserem Nachbarland ebenfalls abspielt. Mehr und mehr Lehrer gehen in Pension und gleichzeitig entscheiden sich immer weniger Studierende für den Lehrberuf. Der demografische Wandel bewirkt zwar auch, dass die Anzahl an Schülern abnimmt, jedoch wächst die Schülerschaft in Boom-Regionen wie der Randstad enorm. Parallel dazu steigt dort der Bedarf an Lehrern. Der niederländische Staat schätzt, dass der Lehrermangel in Amsterdam beispielsweise von 3,4 Prozent auf 8,4 Prozent ansteigen wird, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Zudem prognostizieren die Behörden, dass bis 2027 niederlandeweit rund 1.200 Lehrerinnen und Lehrer in den weiterführenden Schulen fehlen werden. Die Lage in den Grundschulen ist weitaus tragischer: Für den Grundschulsektor wird ein Minus von fast 11.000 unbesetzten Stellen in den nächsten zehn Jahren vorhergesagt.

Schon jetzt sind die Auswirkungen des Lehrermangels in den niederländischen Schulen deutlich zu spüren. Auf der Website lerarentekortisnu.nl sind Lehrerinnen und Lehrer landesweit dazu aufgerufen, von den Missständen an ihren Schulen zu berichten. Die Meldungen werden tagtäglich aktualisiert. Die Kampagne erhofft sich mit der Skandalisierung mehr Aufmerksamkeit für die Probleme an den Schulen. Indes müssen die Lehrer die Misere selbst in den Griff bekommen – mit teilweise kreativen Lösungen: Klassen werden beispielsweise aufgeteilt und die Schüler anderweitig unterrichtet. Im Fall der Fälle springen auch pensionierte Lehrkräfte, Eltern mit einer Lehrerlaubnis oder Quereinsteiger ein, im Zweifel sogar ungeschultes Personal. In Zaanstad mussten rund 50 Grundschulen zu einer Verzweiflungsmaßnahme greifen: Dort wurde die Vier-Tage-Woche für den Fall eingeführt, dass eine Grippewelle die Stadt in der Provinz Nordholland heimsucht und weitere Personalengpässe verursacht.

Für die Schulen ist das wachsende Interesse ausländischer Lehrer ein Segen – aber noch lange keine Lösung. „Natürlich ist es toll, einen Muttersprachler im Fremdsprachenunterricht als Kollegen zu haben“, sagt Stephan Meershoek, der sich für die Internationalisierung in der Bildung engagiert, gegenüber de Volkskrant. Gerade an der Grenze werden Lehrer angeworben, die zum Unterrichten aus Belgien oder Deutschland in die Niederlande pendeln. In der Provinz Zeeland werden zum Beispiel Lehrer aus Flandern mit Anzeigeblättern und Werbeflyern angeworben. Mit Erfolg: Die Zahl an flämischen Lehrkräften steigt. Darüber hinaus wünschen sich die Schulen eine engere Zusammenarbeit mit Flandern. Studierenden aus Belgien soll es etwa möglich werden, in Zeeland ein Lehrpraktikum zu absolvieren.

Lehrer aus dem Ausland sind durchaus gerne gesehen. Sie brauchen eine Lehrbefugnis und müssen die niederländische Sprache beherrschen, wenn sie in den Niederlanden unterrichten möchten. Dennoch ist für die öffentliche Verwaltung der Grundschulen eines klar: Lehrkräfte zu importieren, kann auf Dauer keine Lösung darstellen. Der Staat plant gleichzeitig Gegenmaßnahmen, um die Personallücke zu schließen: Der Maßnahmenkatalog umfasst etwa vereinfachte Quereinstiege in den Lehrberuf oder eine verbesserte Personalpolitik. Zudem will der Staat stille Reserven mit Ruheständlern und ehemaligen Lehrern anlegen. Belohnungssysteme und bessere Karrieremöglichkeiten an den Schulen sollen ebenfalls Personal anziehen. Auch an die Studierenden ist gedacht: Die Studiengebühren für angehende Lehrer sollen für die ersten beiden Studienjahre halbiert werden. Das soll das Lehramtsstudium ansprechender gestalten.

Der Verwaltungsrat der Grundschulen sieht jedoch einen ganz anderen Schlüssel zur Lösung des Personalmangels: höhere Gehälter. In vergleichbaren Berufen in der Wirtschaft würden Grundschullehrer im Schnitt 14 Prozent mehr verdienen, errechnete das Wirtschaftsforschungsinstitut SEO im letzten Jahr. Zum Vergleich: Bei den Kollegen an den weiterführenden Schulen liegt die Lohnlücke bei nur 1 Prozent. Daneben ist im Moment eine Rekordanzahl von Stellen auf dem Arbeitsmarkt unbesetzt (NiederlandeNet berichtete). Dies animiert durchaus zu einem Wechsel in die Wirtschaft. Hinzu kommen Lohnunterschiede zwischen Lehrerkräften an Grund- und weiterführenden Schulen. Zwar stimmte eine Mehrheit der Zweiten Kammer im April noch gegen die Schließung der Lohnlücke, doch seit dem 1. September gilt ein neuer Tarifvertrag für Grundschullehrer, der ein Gehaltsplus von 2,5 Prozent und eine Einmalzahlung von 750 Euro vorsieht. Insgesamt will der Staat 270 Millionen Euro in die Gehälter investieren; 900 Millionen sollten es aber sein, wenn es nach den Grundschullehrern geht.

Für die Gewerkschaften, die den Tarifvertrag mit ausgehandelt haben, geht der Kampf für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingen an den niederländischen Grundschulen weiter. Für den 12. September rufen Grundschullehrer aus Südholland und Zeeland zum Streik in Rotterdam auf. Anders als in Deutschland haben Lehrer in den Niederlanden nämlich durchaus das Recht zu streiken. In vielen Grundschulen werden die Klassenzimmer dann wohl leer bleiben.