KRIMINALITÄT: Die Niederlande sind Top-Produzent synthetischer Drogen


Amsterdam,
LM/NRC/VK/Politieacademie.nl, 30. August 2018

Am vergangenen Wochenende hat die niederländische Politieacademie einen Bericht zur Produktion synthetischer Drogen in den Niederlanden veröffentlicht. Das Ergebnis ist erschütternd: Die Niederlande gehören zu den weltweit führenden Produzenten synthetischer Drogen und haben 2017 synthetische Drogen mit einem Verkaufswert von 18,9 Milliarden Euro produziert. 614 Millionen Gramm Amphetamin und 972 Millionen XTC-Pillen seien im letzten Jahr hergestellt worden. Im Bericht wird vor allem die als zu nachlässig bezeichnete Bekämpfung der Drogenkriminalität kritisiert und ein Umdenken der Regierung gefordert.

Die Politieacademie ist das Bildungs- und Forschungsinstitut der niederländischen Polizei. Das Hauptziel des Forschungsteams war es, den Umfang der Drogenproduktion in den Niederlanden zu bestimmen. Fast täglich wird in den Niederlanden von der Polizei ein Drogenlabor entdeckt, doch trotzdem fehlt ein zusammenhängendes Gesamtbild der landesweiten Produktion. Zum ersten Mal wurde berechnet, wie viel Geld in den Niederlanden mit synthetischen Drogen verdient wird. Zur Berechnung hat das Forschungsteam die Mengen der vorgefundenen Grundstoffe, Chemikalien und fertig produzierten Produkte verwendet. Allerdings, so das Forschungsteam, handele es sich bei den Ergebnissen trotzdem um Schätzungen. Man habe sich jedoch auf die vorsichtigsten Schätzungen von Experten bezogen, sodass das präsentierte Ergebnis auch als Minimum angesehen werden könne.

Als Grund für die tonangebende Rolle, die die Niederlande im weltweiten Drogenhandel spielen, nennen Forschungsleiter Pieter Tops und seine Kollegen die „niederländische Dreieinigkeit“: Preis, Qualität und die geringe Wahrscheinlichkeit, gefasst zu werden. Die niederländische Drogenindustrie liefere gute Ware und sei ein Garant für zuverlässige Lieferungen. Die Drahtzieher der Drogenindustrie könnten oftmals eine jahrelange Erfahrung und ein riesiges Netzwerk vorweisen.

Außerdem seien die Strafen in Ländern wie Australien, China und den USA deutlich härter als in den Niederlanden. „Warum also sollte jemand das Risiko auf sich nehmen, wenn ein Anruf bei einem niederländischen Kriminellen genügt?“, lautet die rhetorische Frage des Forschungsteams. Für den niederländischen Drogenhandel bringe das deutliche Vorteile mit sich. Während die Produktion einer XTC-Pille ungefähr 20 Cent koste, könne man sie in Australien für knapp 18 Euro verkaufen. Bei dieser Marge lassen sich leicht andere Unternehmen einspannen. So würde beispielsweise ein befreundeter Betrieb engagiert, der weltweit Traktoren verkauft. Die australischen Kunden würden dann einen Traktor kaufen, in dem die Drogen versteckt sind. Der Kunde behalte die Drogen und schicke den Traktor wieder zurück, da er nicht den Anforderungen entspreche, und dort, wo vorher die Drogen versteckt waren, befinde sich nun das Geld.  

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Drahtzieher des Drogenhandels erwischt würden, sei sehr gering, so das Forschungsteam. Meistens seien sie der Polizei und Justiz bekannt, doch es fehle an Personal, Geld und Ermittlungsbefugnissen, um ihnen wirklich auf die Schliche zu kommen. In den Laboren treffe man nie die Schlüsselfiguren an, sondern immer nur kleine Fische. Außerdem seien die kriminellen Gruppierungen gut miteinander vernetzt. Das Zusammenspiel zwischen dem Amsterdamer Untergrund und den ländlich wohnenden Kriminellen aus Brabant und Limburg sei ein Grund für den internationalen Erfolg im Drogenhandel.
 
Ein großer Faktor für die erfolgreiche Drogenproduktion ist dem Bericht zufolge die nachlässige Drogenbekämpfung in den Niederlanden. Der Kampf gegen die Drogen habe für die niederländische Regierung keine Priorität, sodass durch die Drogenindustrie ein großer Wirtschaftszweig des Untergrunds mit Verbindungen zur Außenwelt entstanden sei, der Begleiterscheinungen wie Drohungen, Erpressungen und Liquidierungen mit sich bringe. Doch würden die vielen Gefahren, die die Drogenwelt mit sich bringe, auf politischer Ebene oftmals ignoriert. So sei beispielsweise das Narkosemittel Ketamin eine verbreitete Partydroge. In Belgien, Deutschland und England stehe das Mittel auf der Liste verbotener Substanzen. In den Niederlanden hingegen sei das nicht der Fall. Ein  Polizist beschreibt die Vorgehensweise der entscheidungstragenden Kommissionen wie folgt: Bei einer Substanz wie Ketamin würde man zuerst beobachten, welche Auswirkungen die Droge habe. Wenn es kaum zu Zwischenfällen komme, keine Krankenhausaufenthalte und Todesfälle verzeichnet würden und keine gesellschaftliche Unruhe entstehe, setze man die Substanz nicht auf die Liste. Oftmals laute das Motto dann: Lieber Ketamin als eine andere Substanz, bei der wir nicht wissen, welche Auswirkungen sie hat. International werde diese Einstellung jedoch kritisiert, denn die Niederlande seien schließlich nicht alleine auf der Welt. Im Bericht wird dieses Verhalten als einer der Gründe für den erfolgreichen niederländischen Drogenhandel angeführt: Wenn es darauf ankomme, müsse die Bekämpfung der Drogenkriminalität immer zurückstecken.

Am Ende des Berichts übt das Forschungsteam harsche Kritik: „Die Menschen, die sich täglich mit der Kriminalität in Bezug auf synthetische Drogen auseinandersetzen, haben oft das Gefühl, einen „doppelten Kampf“ führen zu müssen: den gegen die Kriminellen, aber auch den gegen die unzureichenden Gesetze, gegen die Bürokratie in ihren eigenen Organisationen und gegen das unzureichende Dringlichkeitsverständnis innerhalb der Ministerien in Den Haag. Den zweiten Kampf finden sie oft mühsamer, als den ersten.“