GESELLSCHAFT: Neue Studien zum Rassismus in den Niederlanden veröffentlicht

Den Haag/Maastricht, SF/NOS/VK/GA, 30. August 2018

Tolerant, gastfreundlich, liberal – mit diesen Attributen schmücken sich die Niederlande gerne. Aktuelle Studien über rassistische Diskriminierung bringen dieses Bild nun ins Wanken. So beklagen laut einer Untersuchung der Universität Maastricht 24 Prozent der Berufsschüler mit Migrationsgeschichte, dass sie sich mindestens viermal bewerben müssen, bis sie einen Praktikumsplatz finden. Bei Niederländern ohne Migrationshintergrund ist der Anteil mit 11 Prozent nur halb so hoch. Die linksliberale Bildungsministerin Ingrid van Engelshoven (D66) findet für die neusten Zahlen deutliche Worte: „Ich bin gespannt, ob die Arbeitgeber begreifen, was sie damit anrichten: Sie zerstören Träume.“

Knapp 27.000 Berufsschüler nahmen an der Studie teil, die vom Research Centre for Education and the Labour Market durchgeführt worden war. Demnach gelingt es gut 70 Prozent der Niederländer, schon nach der ersten Bewerbung einen Praktikumsplatz zu ergattern. Dasselbe gilt für weit weniger als die Hälfte der Schüler mit Migrationshintergrund. Besonders stark von Diskriminierung betroffen sind Schüler, deren Eltern aus nicht-westlichen Ländern stammen. Sie berichten teilweise davon, mehr als 50 Bewerbungsschreiben versendet zu haben.

Ein häufiger Grund für die Absagen seien dabei nicht nur rassistische Stereotype und Vorurteile. Auch können migrantische Niederländer seltener auf ein engmaschiges Netzwerk bauen. Dies scheint sich zwar in eine positive Richtung zu verändern, doch gegenwärtig ergibt sich daraus noch ein unbeabsichtigter Nebeneffekt: Viele Schüler mit Migrationshintergrund werden von Arbeitgebern aufgefangen, die ebenfalls ausländische Wurzeln haben. Die Integrationsforscher sprechen momentan sogar von einem Parallelmarkt für Zugewanderte.

Die Wirtschaft reagierte sensibel auf die Studien. In einer Pressemitteilung bedauern Arbeitgeberverbände, dass Diskriminierung auf dem Praktikums- und Arbeitsmarkt vorkomme. Allerdings weisen die Arbeitgeber darauf hin, dass sich die betroffenen Berufsschüler oftmals für eine wenig aussichtsreiche Ausbildung, zum Beispiel in der Verwaltung, entscheiden. Die Verfasser der Studie aus Maastricht plädieren indes für Trainings, in denen Praktikumsgeber in Sachen Auswahlverfahren und Umgang mit ausländisch stämmigen Schülern geschult werden. Ministerin Van Engelshoven will das Diskriminierungsproblem zusammen mit Schulen, Unternehmen und Verbänden in den Griff bekommen.

So oder so: Fakt ist, dass Rassismus in den Niederlanden vorkommt. Halleh Ghorashi, Professorin für Diversität und Integration an der Freien Universität Amsterdam, fügt dieser Feststellung jedoch eine entscheidende Nuance hinzu: Oftmals sind sich diejenigen, die sich rassistisch verhalten, dessen nicht bewusst. Ausgrenzungsmechanismen funktionierten häufig unbeabsichtigt und unbewusst, für viele seien sie gänzlich unsichtbar.

Ob unbewusst oder unsichtbar: Die Ausgrenzung ist real. Insbesondere die sozioökonomische Benachteiligung von Niederländern ausländischer Herkunft spricht Bände. Kinder aus marokko-, türkei- oder surinamstämmigen Familien erhalten signifikant häufiger Empfehlungsschreiben für weiterführende Schulen, die ihren Leistungen nicht gerecht werden. Die Folge: Je höher das Schulniveau, desto geringer der Anteil an Schülern mit Migrationsgeschichte. Analysen des Bildungsministeriums, die die Zusammenstellung von Schulklassen der unterschiedlichen Schulformen auswerten, zeigen, dass sich diese Ausgrenzung in den letzten anderthalb Jahrzehnten kaum verändert hat.

Auch auf dem Arbeitsmarkt setzt sich die strukturelle Benachteiligung fort. Der Jahresbericht Integration des Zentralen Statistikamts weist aus, dass migrantische Hochschulabsolventen dreimal häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt darüber hinaus bei 22 Prozent, bei niederländischen Jugendlichen nur bei 9 Prozent. Niederländer nicht-westlicher Herkunft unterzeichnen zudem öfter unsichere Arbeitsverträge. Ihr Durchschnittsvermögen liegt bei gerade einmal 600 Euro, das von Niederländern ohne Migrationsgeschichte bei 38.400 Euro. Während die letztgenannte Gruppe im Schnitt 29.000 Euro pro Jahr verdient, müssen sich nicht-westliche Migranten mit 20.700 Euro im Jahr begnügen – was einer Einkommenslücke von fast 9.000 Euro entspricht.

Diese Lohnlücke ist sicherlich mit den unterschiedlichen Ausbildungsniveaus von Niederländern mit und ohne Migrationshintergrund zu erklären. Allerdings holen die Migranten der zweiten Generation bei der Bildung gerade auf. Dennoch: Die Einkommensungleichheit bleibt seit 2006 konstant. Jene „Bindestrich-Niederländer“ zwischen 20 und 30 begehren jetzt auf. Sie haben es satt, dass Mark und Willemijn schneller eine bezahlbare Wohnung finden als sie. Sie skandalisieren, dass Mädchen mit Kopftuch bei der Praktikumssuche benachteiligt werden. Unter dem Hashtag #ITooAmVU berichten Studierende der Freien Universität Amsterdam – ähnlich wie beim deutschen #MeTwo – vom Rassismus, den sie tagtäglich erleben. Die Skala reicht von vergleichsweise harmlosen Nachfragen wie „Du bist aber nicht ganz niederländisch, oder?“ bis hin zu Beleidigungen wie „Eigentlich bist du ganz okay für eine Negerin.“

In der Politik zeigen sich in den Niederlanden ebenfalls rassistische Ausfälle: Nachdem im vergangenen Jahr der Sozialdemokrat Ahmed Marcouch zum Bürgermeister Arnheims ernannt worden war, protestierte die rechte Partij voor de Vrijheid (PVV). „Kein Arnheimistan – Wir verlieren unser Land“ lautete die Parole der Protestierenden. Jetzt initiierte der PVV-Chef Geert Wilders einen Wettbewerb für Mohammed-Cartoons – und provozierte gleichsam heftige Reaktionen in der Islamischen Republik Pakistan. Ein Pakistaner, der mit dem Ziel in die Niederlande einreiste, Wilders zu ermorden, wurde inzwischen in Den Haag festgenommen.