FORSCHUNG: Talentabwanderung auf dem Forschungsgebiet der künstlichen Intelligenz


Amsterdam,
LM/NRC, 28. August 2018

Niederländische Universitäten müssen mit Bedauern dabei zusehen, wie ausländische Unternehmen die niederländischen Talente und Fachkräfte auf dem Forschungsgebiet der künstlichen Intelligenz abwerben. Die niederländische Tageszeitung NRC Handelsblad hat mit vier Universitäten gesprochen und alle waren sich einig: Die Talentabwanderung führt zu Defiziten in der Forschung und Lehre und vergrößert den Rückstand, den Europa in Bezug auf die KI-Forschung bereits hat.

Der Vorstandsvorsitzende von Google, Sundar Pichai, bezeichnet die Technik der künstlichen Intelligenz als das wahrscheinlich Wichtigste, woran die Menschheit je gearbeitet hat. Die Bedeutung von selbstlernenden Computern und ähnlichen Technologien wird von den Großmächten USA und China sowie Topunternehmen in der letzten Zeit immer wieder hervorgehoben. Doch in den Niederlanden ist gerade ein sogenannter Braindrain zu verzeichnen: eine Talentabwanderung auf dem Forschungsgebiet der künstlichen Intelligenz.

Immer wieder wird von Spezialisten darauf hingewiesen, dass Europa im Gegensatz zu China und den USA einen immer größeren Rückstand bei der Erforschung der künstlichen Intelligenz hat. Noch in diesem Jahr hat die Europäische Kommission einen Bericht veröffentlicht, der den Forschungsrückstand mit Zahlen belegte: Fast die Hälfte der wichtigen neuen KI-Patente sind chinesisch, ein Drittel ist amerikanisch und nur ungefähr 15 Prozent sind europäisch. Derweil arbeite China daran, 2030 „die neue Weltmacht auf dem KI-Gebiet“ zu sein. Auch die USA wollen alles daran setzen, die Forschung zu intensivieren.

In den letzten Jahren wurden zahlreiche vielversprechende europäische Unternehmen von amerikanischen und chinesischen Firmen übernommen. Ein Beispiel stellt die britische Firma DeepMind dar, die mithilfe einer KI den weltweit besten Spieler im komplexen Spiel Go schlagen konnte. DeepMind gehört mittlerweile zu Google. Doch langsam scheint Europa aus der Lethargie zu erwachen, und etwas gegen den Forschungsrückstand unternehmen zu wollen. Die Europäische Kommission hat die künstliche Intelligenz zu „einer der strategischsten Technologien des 21. Jahrhunderts“ erklärt. Aus diesem Grund müsse die EU bis 2020 mindestens 20 Milliarden Euro in dieses Forschungsgebiet investieren, um den Rückstand aufzuholen. Bekannte Wissenschaftler haben in einem Brandbrief darauf gedrungen, ein europäisches Topinstitut zur KI-Forschung zu errichten, so wie es auf dem Gebiet der Teilchenphysik das CERN-Institut gibt.

Die Talentabwanderungen in den Niederlanden zeigen jedoch, dass die Maßnahmen vielleicht schon zu spät kommen. Holger Hoos, Professor an der Universität Leiden, äußert, er habe sowas in den letzten zwanzig Jahren der KI-Forschung noch nicht erlebt. Auch Cees Snoek von der Universität von Amsterdam (UvA) bestätigt die Talentabwanderung: Immer mehr hochkarätige Forscher würden von Firmen abgeworben. Mark Mietus vom Data Science Center der Technischen Universität Eindhoven berichtet, dass es acht Stellen vom Dozent bis zum Professor gebe, die nur mit Mühe und Not besetzt werden könnten. Genaue Zahlen zur Talentabwanderung gibt es nicht, da die Fakultäten nicht dokumentieren, bei welchen Firmen die ehemaligen Studierenden und Mitarbeiter schließlich arbeiten.

Hoos gibt zu bedenken, dass der Wettlauf auf dem Forschungsgebiet der KI und der damit einhergehende Wettstreit um Talente auf die Kosten der öffentlichen Wissensbildung in den Niederlanden und im Rest Europas gehe. Auch britische Universitäten hatten sich bereits im letzten Jahr über den Braindrain beklagt. In Leiden seien es vor allem amerikanische Technologie-Unternehmen, die Talente aktiv abwerben würden. Es seien bekannte Firmen wie Google, DeepMind, Google Brain, Amazon, Facebook, Microsoft, IBM und Nvidia. Snoek bestätigt dies, auch in Amsterdam seien es vor allem die genannten Firmen, doch auch deutsche Firmen wie Bosch und Volkswagen seien mitverantwortlich für den Braindrain.

Google gibt zu, dass eine große Konkurrenz zwischen den Firmen herrsche und diese sich natürlich in der Suche nach geeigneten Talenten widerspiegeln würde. Pressesprecherin Cindy Penders zufolge sei man jedoch nicht auf Universitäten spezialisiert, sondern würde breitflächig abwerben. Außerdem würde man jährlich 250 akademische Forschungsprojekte subventionieren und viele Doktoranden finanziell unterstützen. Auch Facebook kooperiere dem Pressesprecher zufolge mit Universitäten und finanziere Promotionsstellen an europäischen Universitäten.

Mit dem Gehalt, das von den großen Firmen gezahlt wird, können Universitäten natürlich nicht mithalten. Doch bieten die Großunternehmen meist auch bessere Arbeitsbedingungen: Google und Facebook besitzen riesige Datenmengen, die für die KI-Entwicklung wichtig sind. Diese Datenmengen kann eine Universität nicht vorweisen. Um mithalten zu können, kooperieren immer mehr Universitäten mit ausländischen Firmen. Die UvA kooperiert auf dem Forschungsgebiet der KI beispielsweise mit der amerikanischen Firma Qualcomm und der deutschen Firma Bosch. Holger Hoos arbeitet an der Universität Leiden an der Errichtung eines Netzwerks von europäischen Top-Instituten. Während die Europäische Kommission und der französische Präsident Macron ankündigten, Pläne und Strategien gegen die Talentabwanderung und zur Aufholung des Forschungsrückstands zu entwickeln, gibt es dafür in den Niederlanden auf politischer Ebenen noch keine Bestrebungen.