GESELLSCHAFT: Wie geht es weiter mit dem Feuerwerk?

Den Haag, SF/NRC/VK/OM/stadtenschede.de, 08. Januar 2019

56.525 Kilogramm. Diese Zahl kursiert dieser Tage durch die Niederlande. Denn so viele illegale Feuerwerkskörper wurden 2018 von der Polizei in Beschlag genommen. Jedes Jahr verletzen sich mehrere Hundert Niederländer durch den Gebrauch von Feuerwerkskörpern. In der Silvesternacht 2018/2019 kamen sogar zwei Menschen ums Leben: im friesischen Morra und in der Grenzstadt Enschede, die 2000 durch die sogenannte Feuerwerkskatastrophe internationale Bekanntheit erlangte. Damals starben bei den Explosionen 23 Menschen und fast 1.000 Menschen wurden verletzt. Nach dem Jahrwechsel kommen jetzt Vorschläge auf, die Feuerwerkstraditionen stärker zu regulieren.

Jedes Jahr stirbt eine Person in den Niederlanden beim Gebrauch von Feuerwerkskörpern. Vor allem durch Böller und Leuchtkerzen werden die meisten Verletzungen verursacht. Die Zahl der Geschädigten beläuft sich jedes Jahr auf mehrere Hundert. Auch hat die Polizei am Silvesterabend alle Hände voll zu tun: Rund 10.000 Vorfälle werden jährlich in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar registriert. Lärmbelästigung und Umweltverschmutzung sind bei einer Gefahrenstudie, die 2017 vom niederländischen Sicherheitsrat erhoben wurde, noch gar nicht eingerechnet. Vor allem Tiere haben unter den Feuerwerken zu leiden. Für den Sicherheitsrat ist die Sache daher klar: Um ein nationales Verbot auf besonders gefährliche Feuerwerkskörper wie Böller und Leuchtkerzen kommt die niederländische Regierung nicht herum.

Die Koalition in Den Haag ist aber gänzlich anderer Meinung. Justizminister Ferdinand Grapperhaus (CDA) positionierte sich in einer Parlamentsdebatte im Sommer 2018 gegen ein nationales Feuerwerksverbot. Nach seiner Auffassung sei es Aufgabe der Städte und Gemeinden, feuerwerksfreie Zonen an Silvester einzurichten. Unterstützung erfuhr er unter anderem von der oppositionellen sozialistischen Partei SP. Nur GroenLinks und die Tierschutzpartei bekannten sich zum nationalen Verbot gefährlicher Feuerwerkskörper. Die Empfehlungen aus dem Bericht des Sicherheitsrats wurden infolgedessen mehrheitlich abgelehnt. Einzig in Bezug auf härtere Maßnahmen gegen illegale Feuerwerkskörper konnte sich das Parlament einigen. Die Linksliberalen von D66 stellten indes heraus, dass dabei eine europäische Strategie vonnöten sei. D66-Politikerin Monica den Boer hob in der Aussprache hervor, dass die illegalen Feuerwerkskörper andernfalls aus anderen EU-Staaten in die Niederlanden gelangen könnten.

Nach den diesjährigen Vorkommnissen an Silvester entbrannte erneut eine gesellschaftliche Debatte um die Feuerwerkstraditionen. Besonders erschreckend waren die Szenen, die sich am Strand der beliebten Touristendestination Scheveningen abspielten. Das alljährlich zu Silvester entzündete Freudenfeuer geriet durch einen Sturm völlig außer Kontrolle. Das fliegende Feuer fegte wie ein Tornado über den Strand und steckte Autos, Fahrräder, Kiosken, Gärten und sogar eine Wohnung in Brand. Ein Funkenregen über Scheveningen verursachte zusätzliche Schäden an Gebäuden und Straßen. Bis in die Morgenstunden war die Feuerwehr im Einsatz, um die Brände zu löschen. Dass bei dem Feuer kein Mensch ernsthaft verletzt wurde oder ums Leben kam, grenzt an ein Wunder, schreibt NRC Handelsblad. Bürgermeisterin Pauline Krikke (VVD) steht seitdem in der Kritik. Sie habe keine ausreichende Sicherheit für das Freudenfeuer am Silvesterabend garantieren können, heißt es.

„Steigern Feuerwerke unseren Wohlstand im weiten Sinn?“ Diese Frage stellt sich Frank Kalshoven in Anbetracht der Zerstörungen in einer Kolumne für die Tageszeitung De Volkskrant. In seiner Argumentation geht er nicht moralisch, sondern ökonomisch vor. „Man muss dieser Tradition einen hohen Wert einräumen, wenn man die Kosten und Einnahmen in ein positives Saldo bringen will“, räsoniert er. Konkret gesagt: Zwar könne man sich an Silvester ein kostenfreies Feuerwerk ansehen, aber die negativen Effekte wie Luftverschmutzung oder Angstzustände bei Mensch und Tier seien viel weitreichender als ein kurzweiliges Vergnügen. Verletzungen kämen dem Steuerzahler, der das Gesundheitssystem finanziert, zudem teuer zu stehen. Und die Versicherungsschäden beliefen sich allein bei den Privathaushalten auf 15 bis 20 Millionen Euro pro Jahr. Kalshovens Fazit: Eine ordentliche Feuerwerkssteuer müsse her, um die jährlichen Schäden zu finanzieren und das Konsumverhalten effektiv zu beeinflussen.

Mark Lievisse Adriaanse drängt im NRC Handelsblad die Politik zu deutlicheren Standpunkten in der Feuerwerksdebatte. Sie sei ohnehin in jedem Jahr ein Thema, insbesondere jetzt, wo die Polizei am Neujahrstag 2019 einen Anstieg der Gewalt auf den Straßen vermeldete. 2018/2019 eskalierte die Situation im Dorf Veen in Nordbrabant: Dort wurde eine Pkw auf offener Straße von Feierwütigen abgefackelt. Ob mehr Polizeipräsenz da noch helfe, sei Adriaanse zufolge fragwürdig. Er kritisiert zudem den Ton der Debatte: Bürger auf dem Land und in der Stadt sprächen zwar von Traditionen, Normen und Werten, doch letztendlich sei die Silvesternacht zu einer Gelegenheit verkommen, um gegen den Staat zu rebellieren. Nicht zuletzt seien die Polizei und die Feuerwehr häufige Zielscheibe der Gewaltexzesse. Dass die Feuerwerksdebatte zu einer zweiten Zwarte-Pieten-Diskussion stilisiert würde und die Politik vor vermeintlichem Paternalismus kusche, sei enttäuschend.