WIRTSCHAFT: Starkes Wachstum – aber mit Risiken


Den Haag,
SF/CPB/NRC/CBS/taz 16. August 2018

Der niederländischen Wirtschaft geht es momentan gut. Zu diesem Schluss kam die Zentrale Planungsbehörde (CPB) in ihrem makroökonomischen Bericht, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Allerdings mahnt das CPB trotz des Wirtschaftswachstums zur Wachsamkeit.

Für 2018 wird ein Wachstum von 2,8 Prozent erwartet und auch im folgenden Jahr soll das Wachstum mit 2,5 Prozent weiter steigen. Damit wächst die Wirtschaft in den Niederlanden deutlich schneller als in der Eurozone: Für Deutschland wird ein Plus von 2 Prozent prognostiziert, Belgien liegt bei nur 1,3 Prozent. Stärker wachsen nur noch die Volkswirtschaften in Osteuropa, die allerdings nicht in der Eurozone liegen: Polen kann auf satte 5 Prozent hoffen und Ungarn steht mit einem Plus von 4,4 Prozent ebenfalls gut da. Einzig das hoch verschuldete Italien mit seiner EU-skeptischen Regierung könnte nach Auffassung der CPB-Ökonomen für Wirbel in der Eurozone sorgen.

Der Grund für das beachtliche Wachstum in den Niederlanden besteht im Kern aus der positiven Kaufkraftentwicklung. Zwar steigen die Investitionen in den Unternehmen und auch der Export kann ein leichtes Plus verzeichnen, doch maßgeblich wird die Wirtschaft vom Binnenkonsum angetrieben. Bereits seit vier Jahren steigt die Binnenkaufkraft kontinuierlich und auch in den ersten beiden Quartalen 2018 sind die Ausgaben der Verbraucher um 2 Prozent gewachsen, insbesondere für Autos, Elektronik und in Gaststätten. Hinzu kommt, dass die Erwerbstätigkeit zunimmt und die Löhne steigen. All das kurbelt die Kaufkraft – und damit die niederländische Wirtschaft insgesamt – kräftig an.

Allerdings weist der vorläufige Wirtschaftsbericht des CPB auch auf Risiken hin: Obwohl die Kaufkraft der Haushalte durchschnittlich um 1,3 Prozent wächst, darf laut CPB die Spreizung hinter diesem Durchschnitt nicht vergessen werden. Konkret bedeutet das: Vor allem Sozialhilfe-Empfangende und Arbeitnehmer mit geringem Einkommen müssen Kaufkraftverluste hinnehmen. Das Wirtschaftswachstum kommt bei insgesamt 7 Prozent aller Haushalte nicht an.

Zudem: Das CPB musste frühere Schätzungen nach unten korrigieren. Trotz aller erfreulichen Wirtschaftsdaten stellt sich die Frage, ob sich die Niederlande der Spitze der Hochkonjunktur nähern. Die Botschaft des CPB an die Politik ist aus diesem Grund deutlich: „Schon im März dieses Jahres gab das CPB (…) an, dass die bisherigen Kaufkraftdaten zu einer zu starken Fixierung auf die Korrektur der durchschnittlich statistischen Kaufkraft führen“, heißt es in der Pressemitteilung. In anderen Worten: Die Politik soll näher auf die Abweichungen und Ausnahmen eingehen. Deshalb verweist das CPB mit Nachdruck auf die Kaufkraftspreizung.

Doch nicht nur im eigenen Land sieht das CPB Risiken für die niederländische Wirtschaft. Auch Spannungen im Ausland könnten die Stimmung im Land beeinflussen. Handelskonflikte könnten sich etwa zu Handelskriegen ausweiten. Diese Warnung richtet sich auf das Vorgehen von US-Präsident Donald Trump, der regelmäßig damit droht, europäische Stahlerzeugnisse mit Zöllen zu belasten, um den eigenen Markt vor Importen zu schützen. Auch wenn die EU Deals mit Trump aushandelt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass der sprunghafte Präsident diese ohne Weiteres aufkündigt.

Ein anderes Problem sieht das CPB im Brexit. Die Verhandlungen über einen EU-Austritt laufen, Premierministerin Theresa May steht im Vereinigten Königreich unter Druck, doch eine endgültige Lösung ist bisher noch nicht gefunden. Dennoch mahnt das CPB zur Wachsamkeit: Ein hard Brexit hätte möglicherweise gravierende Folgen für die niederländische Wirtschaft. Die niederländisch-britischen Wirtschafsbeziehungen gelten traditionell als gut: 2017 exportierten die Niederlande Waren und Dienstleistungen im Wert von 22,7 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich – das entspricht 3,1 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts. An dem Export hängen darüber hinaus 218.000 Arbeitsplätze in den Niederlanden. Nach der Bundesrepublik ist das Vereinigte Königreich somit der wichtigste Handelspartner für die Niederlande.

Schließlich verweisen die CPB-Ökonomen auf die Situation in der Türkei. Die türkische Wirtschaft befindet sich in der Krise: Der Wert der Lira befindet sich im freien Fall, die Preise haben sich teilweise verdreifacht. 12 Millionen Menschen sind von Armut bedroht, weitere 3 Millionen finden keine Arbeit. Darüber hinaus belastet Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit kostspieligen Bauprojekten den Staatshaushalt. Hinzu kommen die schwerwiegenden Wirtschaftssanktionen von den USA, die die Wirtschaft der Türkei weiterhin belasten. Finanziell ist die Türkei im großen Maße von ausländischen Investoren abhängig, die das Land nun zunehmend meiden, da die türkische Zentralbank in ihren Augen nicht genug gegen die Inflation der Lira unternimmt. All das könnte sich negativ auf die Eurozone auswirken.