GESELLSCHAFT: Immer mehr Studierende haben psychische Probleme


Amsterdam,
LM/VK 14. August 2018

Immer mehr niederländische Studierende haben psychische Probleme. Zu diesem Schluss kam die niederländische Tageszeitung De Volkskrant, nachdem sie mit mehreren Hausärzten von niederländischen Universitäten gesprochen hatte. Den Ärzten zufolge gebe es immer mehr Studierende, die unter Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und Angststörungen leiden. Manchmal kommen auch Drogen- und Alkoholprobleme oder Videospiel- und Pornosucht hinzu.

Angst, Unsicherheit, Panikattacken und Medikamentenmissbrauch sind häufig vorkommende Probleme bei den niederländischen Studierenden. Auf der einen Seite hat das mit der schwierigen Lebensphase zu tun, in der sich die Studierenden befinden – sie müssen das erste Mal auf eigenen Beinen stehen. Auf der anderen Seite spielen aber auch Stress, Leistungsdruck und Klausuren eine große Rolle. Maarten Goedhart, Arzt des Studentenwerks Groningen, berichtet, dass die Sprechstunden der Praktijkondersteuner (dt. „Assistenten der Hausarztpraxis“), die psychologische Hilfe anbieten, immer ausgebucht sind. Auch Cees Jansen von der Universität Twente erklärt, dass zwei Praktijkondersteuner, die auf Suchtbehandlungen spezialisiert sind, wöchentlich ungefähr zwanzig Studierende mit Suchtproblemen behandeln.

Jansen zufolge sind die Studierenden heute einem größeren Druck ausgesetzt, als je zuvor. Sie müssen genug Leistungspunkte erwerben, haben Nebenjobs, um ihr Studium finanzieren zu können, und wollen zusätzlich ein interessantes Privatleben führen. Im Leben der niederländischen Studierenden gebe es so gut wie keine Ruhe, fasst Jansen zusammen.

Peter Vonk, Hausarzt des Studentenwerks der Univeristeit van Amsterdam (UvA), spricht ebenfalls von einem höheren Druck. Zwar seien Studierende immer einem gewissen Druck ausgesetzt gewesen, doch habe dieser in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Eine Studie der UvA aus dem Jahr 2016 zeigt auf, dass 29 Prozent der Studierenden unter Konzentrationsproblemen leiden, 24 Prozent haben Versagensängste und ein Viertel aller Studierenden hat Selbstmordgedanken. Die Einnahmezahlen von konzentrationsfördernden Mitteln wie Ritalin haben sich seit 2011 verdoppelt.

Eine Studie der Hogeschool Windesheim, die sich mit der Gesundheit von Studierenden auseinandergesetzt hatte, kam zu ähnlichen Ergebnissen. Ein Viertel der Studierenden kämpfe mit Burnout-Symptomen. Außerdem sei der Alkoholkonsum bei neun von zehn Studierenden besorgniserregend. Jansen berichtet, dass er die Studierenden, die in seine Praxis kommen, meist fragt, wie viel Alkohol sie trinken. Regelmäßig würden Studierende dann antworten, dass sie ungefähr dreißig Gläser oder mehr pro Woche trinken.

Doch auch anderes Suchtverhalten resultiert aus dem hohen Druck. Saskia Schipper, die als Praktijkondersteuner in der Hausarztpraxis von Jansen arbeitet, berichtet von männlichen Studierenden, die übermäßig viel Zeit mit Videospielen verbringen oder pornosüchtig sind. Das habe meist nichts mit Sex an sich zu tun, sondern mit der Rauscherfahrung. Die Studierenden wollten kurz aus der Realität flüchten und keinen Druck erfahren.

Bei vielen Studierenden spielen finanzielle Sorgen eine große Rolle, so Schipper. Um studieren zu können, müssen viele Studierende einen Kredit aufnehmen, wodurch sie sich Sorgen machen, mit hohen Schulden aus dem Studium zu gehen. Aus diesem Grund haben viele Studierende Nebenjobs, die wiederum zusätzlichen Stress erzeugen. Gleichzeitig sei es für die meisten Studierenden wichtig, das Bild aufrechtzuerhalten, ein tolles, spannendes Leben zu führen. Die Studierenden müssten deshalb einen Instagramaccount haben, der zeigt, dass sie ein begehrenswertes Leben haben: Mit Fotos von leckerem Essen, Partys, vom Urlaub und fernen Reisen. Der Druck sei enorm, so Schipper.

Problematisch ist Vonk zufolge, dass sich viele Studierende nicht trauen würden, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Studie zeigt, dass die Hälfte der Studierenden, die angegeben hatte, Probleme zu haben, gleichzeitig keine Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Aus diesem Grund hat die UvA einen Gesundheitstest für Studierende ins Internet gestellt. Zusätzlich wird eine Online-Therapie angeboten. Damit sollen vor allem Studierende mit leichten psychischen Problemen aufgefangen werden. Trotzdem gibt es an vielen Universitäten immer noch zu wenig Psychologen, um dem Andrang gerecht werden zu können. Geertje Hulzebos, Vorsitzende des nationalen Studentenverbands, meint, es müssten mehr Psychologen eingestellt werden. Auch der Leistungsdruck müsse verringert werden, indem beispielsweise die Zulassungsvoraussetzungen für die Masterstudiengänge angepasst würden.