KULTUR: KCO entlässt Chefdirigenten Gatti


Amsterdam,
LM/VK/NRC 07. August 2018

Das niederländische Koninklijk Concertgebouworkest (kurz KCO, dt. „Königliches Konzertgebäude-Orchester“) hat den Chefdirigenten Daniele Gatti entlassen. Dem italienischen Dirigenten wird ein unangemessenes Verhalten gegenüber weiblichen Orchestermitgliedern vorgeworfen. Gatti weist die Anschuldigungen zurück und spricht stattdessen von einer Hetzkampagne, die gegen ihn geführt werde.

Vor zwei Wochen wurde in der amerikanischen Tageszeitung Washington Post ein Artikel veröffentlicht, für den Journalisten der Zeitung Gespräche mit fünfzig Musikern zum Thema „sexuelle Übergriffe in der Welt der klassischen Musik“ geführt hatten. Zwei Sängerinnen bezichtigten Gatti bei diesen Gesprächen der sexuellen Belästigung. Die Übergriffe hätten den Musikerinnen zufolge 1996 und 2000 stattgefunden. Die Sopranistin Alicia Berneche erklärte der Washington Post, Gatti habe sie für ein Coaching in seine Umkleide eingeladen. Als sie schließlich dorthin ging, um einen Termin auszumachen, habe er ihr Gesäß angefasst und sie versucht zu küssen. Die andere Sopranistin, Jeanne-Michéle Charbonnet, berichtete von einem ähnlichen Vorfall, der sich vier Jahre später in Bologna ereignet haben soll.

Die Leitung des Concertgebouw-Orchesters teilte in einer Pressemitteilung mit, mehrere Kolleginnen des Concertgebouw-Orchesters hätten nach der Veröffentlichung des Artikels der Washington Post Fälle von sexueller Belästigung durch Daniele Gatti gemeldet. Am 2. August veröffentliche das Orchester ein Statement und erklärte die Entlassung des Chefdirigenten wie folgt: „Die Anschuldigungen gegenüber Gatti und seine Reaktion haben für viel Aufregung unter den Musikern, dem Führungsstab und Beteiligten im In- und Ausland gesorgt. Darüber hinaus haben einige Musikerinnen des Orchesters nach der Veröffentlichung des Artikels der Washington Post von Verhaltensweisen von Gatti berichtet, die für einen Chefdirigenten unangebracht sind. Dies hat der Beziehung zwischen dem Orchester und dem Dirigenten einen irreparablen Schaden zugefügt.“

In der Geschichte des 130 Jahre alten Orchesters ist die Entlassung des italienischen Dirigenten ein Ausnahmefall. Das Orchester ist stolz auf die äußerst langen Beschäftigungen der Chefdirigenten. Die Violinistin Leonie Bot, die den Vorsitz der Vereinigung des Concertgebouw-Orchesters innehat, erklärte am vergangenen Mittwoch, dass die Musiker „hinter dem Beschluss der Leitung und allgemein auch hinter dem Leiter Jan Raes stehen“. Raes selbst wollte sich nicht weiter zu der Entlassung Gattis äußern.

Im Internet zirkulieren Gerüchte, das Orchester habe die #MeToo-Beschuldigungen als willkommenen Grund aufgegriffen, um die Beschäftigung Gattis vorzeitig zu beenden. Der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad zufolge sind diese Beschuldigungen jedoch haltlos. Gatti habe nur einen Vertrag bis 2020 gehabt und hätte deshalb auch ohne juristischen Streit in weniger als zwei Jahren das Orchester verlassen können. Außerdem stehe das Concertgebouw-Orchester durch die plötzliche Entlassung Gattis vor großen Problemen, da in zwei Wochen die Proben für die Europäische Orchestertournee beginnen, die am 23. August in Amsterdam startet. Außerdem hätte Gatti im letzten Trimester des Jahres 27 Konzerte leiten sollen. Eine Tournee durch die USA und Vorstellungen von Debussys Pelléas et Mélisande in der Nationaloper der Niederlande stehen ebenfalls auf dem Terminplan. Um der Reputation des Orchesters nicht zu schaden, muss möglichst schnell ein adäquater Ersatz gefunden werden. Allerdings haben gerade andere große Orchester (New York, Berlin, London) neue Chefdirigenten eingestellt; folglich stehen nur noch wenige potentielle Nachfolger zur Verfügung.

Der Artikel der Washington Post blieb auch für andere Persönlichkeiten in der Welt der klassischen Musik nicht folgenlos. Violinist William Preucil, Konzertmeister des Orchesters in Cleveland, wurde suspendiert. Der französische Opernregisseur Bernard Uzan hat seine Karriere beendet.  

Emile Wennekes zufolge, der Professor für Musikwissenschaften in den Niederlanden ist, hänge das untragbare Benehmen vieler Dirigenten mit den Machtverhältnissen innerhalb eines Orchesters zusammen. „Das Musizieren auf einem hohen Niveau ist ein intimes Erlebnis. In der militärischen Hierarchie eines Orchesters steht der Chefdirigent an der Spitze. In solchen Machtgefügen ist es einfach, Grenzen zu überschreiten. Das sieht man auch in der Film- und Theaterwelt. Die Parallelen zur Weinstein-Affäre, die die #MeToo-Bewegung ins Rollen gebracht hat, ist deutlich.“

Jetzt ist es an der Leitung des KCO, möglichst schnell einen geeigneten Ersatz für die anstehenden Termine des Orchesters zu finden.