SOZIALES: Ein gerechteres Rentensystem für die Niederlande?

Den Haag, TA/NRC 31. Juli 2018




Den Niederländern steht eine Erhöhung des Renteneinstiegsalters auf 67 Jahre im Jahr 2021 bevor. Laut einer Studie des Nederlands Interdisciplinair Demografisch Instituut  (NIDI, deutsch „Niederländisches Interdisziplinäres Demografisches Institut“) ist das jetzige Rentensystem der Niederlande ungerecht. Deshalb stellt es  ein gerechteres, gestuftes Rentensystem vor.

Das Nederlands Interdisciplinair Demografisch Instituut veröffentlicht heute eine Studie, der zufolge ein gerechteres Rentensystem ohne große Kosten eingerichtet werden könnte. Menschen, die körperliche Arbeit verrichten, könnten davon profitieren. Der Schlüssel hierzu sei ein gestuftes Rentensystem, in dem verschiedene Berufsgruppen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Rente gehen. Je höher der Bildungsstand einer Person ist, desto länger soll sie arbeiten. Gut ausgebildete Personen sollen unter die geplante Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre im Jahr 2021 fallen. Der Anstieg des Rentenalters für Menschen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss soll sich aber verzögern.  

Laut den Demografen des NIDI sei das eine ehrlichere Lösung als das jetzige Rentensystem, in dem jeder Arbeiter gleich behandelt wird, obwohl die Anforderungen an verschiedene Berufe extrem unterschiedlich sind. Personen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss beginnen eher zu arbeiten, leisten oft körperlich schwerere Arbeit und haben dementsprechend eine kürzere Lebenserwartung.

Die Regierung will an der geplanten Steigung des Rentensystems jedoch am liebsten nichts ändern, da eine potentielle Anpassung des Systems schnell Milliarden Euro kosten würde. Der Druck von Seiten der Gewerkschaften nimmt jedoch zu. Sie könnten für ihre Kooperation einen verlangsamten Anstieg des Rentensystems fordern.

Joop de Beer, Forscher des NIDI, hält ein niedrigeres Renteneinstiegsalter, das für alle Niederländer gilt, jedoch für unnötig, da eine Erhöhung des Einstiegsalters für Personen mit einem hohen Bildungsabschluss nicht problematisch sei. In der Forschung des NIDI steht das Bildungsniveau zentral, da es objektiv und einfach festzustellen sei.

Berechnungen des NIDI haben ergeben, dass Personen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss deutlich eher in Rente gehen müssten, um dasselbe Verhältnis von Arbeits- und Rentenjahren zu haben wie Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss. Sie müssten 2021 schon mit 62,3 Jahren in Rente gehen, anstatt wie geplant mit 67 Jahren.

Das erscheint jedoch den Forschern selber nicht realistisch, da sich hieraus zwei Probleme ergeben. Erstens würde eine sofortige Anpassung des Rentenalters sehr teuer sein, da die Menge der ausgezahlten Beiträge plötzlich enorm steigen würde.  Zweitens würde es für eine kurze Zeit zu Ungerechtigkeit zwischen den Generationen führen, da bis jetzt jeder bis zu seinem 66. Lebensjahr arbeiten muss.

Allerdings würde eine langsame und kontinuierliche Verschiebung des Systems diese beiden Probleme lösen. Für Personen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss müsste das jetzige Renteneinstiegsalter von 66 Jahren beibehalten werden, und das solange, bis das vom NIDI berechnete Alter  die 66 überschreitet. Das führt zu einer allmählichen Anpassung des Systems und zu einem allmählichen Anstieg der Kosten.

Allerdings wäre auch diese Lösung des Renteneinstiegsalters nicht vollständig gerecht. Personen, die zwar einen hohen Bildungsabschluss haben, aber körperliche Arbeit verrichten, würden durch das vom NIDI vorgeschlagene System benachteiligt. Allerdings hätten sie die Möglichkeit, mehr und besser für eine verfrühte Rente zu sparen.

Minister Wouter Koolmees von der D66 warnt regelmäßig, dass ein Senken des Renteneinstiegsalters negative Folgen für Arbeitnehmer haben kann. Arbeitgeber könnten weniger die Notwendigkeit verspüren, älteren Mitarbeitern leichtere Aufgaben zu geben, um sie aufgrund ihres hohen Alters zu schonen. De Beer ist jedoch fest davon überzeugt, dass  ein Renteneinstiegsalter für jeden Niederländer nicht gerecht sei, da gerade Personen mit einem niedrigen Bildungsabschluss zurzeit am längsten arbeiten und kürzer leben. Daran ändern auch rücksichtsnehmende Arbeitgeber wenig.