[UPDATE] JUSTIZ: Niederländischer Staat nicht verantwortlich für den Tod der Geiselnehmer

Den Haag, TA/NRC/VK 26. Juli 2018




1977 fanden in den Niederlanden Geiselnahmen in einem Zug und einer Grundschule statt. Immer wieder tauchten vermeintliche Beweise auf, die auf eine unnötige Exekution der Geiselnehmer hinwiesen. So beispielsweise im Mai dieses Jahres, als neue Zeugen auftauchten, die mitbekommen haben wollen, dass die Geiselnehmer nicht überleben sollten (NiederlandeNet berichtete). Am gestrigen Mittwoch hat das Gericht in Den Haag geurteilt, dass  die Gewalt, die damals gegen die Geiselnehmer eingesetzt wurde, nicht ungerechtfertigt war.

Wer einen Zug mit Menschen kapert, der könne erwarten, dass hart gegen ihn vorgegangen werde, so die Kernaussage des Urteils. Nur wenn ein Gegner eine Gefahr darstellt, dürfen Soldaten in einer solchen Situation schießen. Dennoch hat ein Soldat den Geiselnehmer Papilaja erschossen, der schwerverwundet und unbewaffnet unter einer Decke lag. Auf den ersten Blick also ein Verstoß gegen internationales Recht. Das Gericht in Den Haag urteilte jedoch, dass der betroffenen Soldat nicht sicher ausschließen konnten, dass Papilaja keine Gefahr darstellen würden. Er habe unter der Decke eine verdächtige Bewegung gemacht, woraufhin im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung getroffen werden musste. Darüber hinaus war die Sicht im dem Zugabteil durch Dunkelheit und Rauch eingeschränkt. Daher war die Entscheidung zu Schießen laut Gericht falsch, aber aufgrund der Umstände konnte der Soldat diese Situation nicht richtig einschätzen.  

Aber vor allem wurde die Situation durch die Soldaten als bedrohlich wahrgenommen, da in einer früheren Zuggeiselnahme Passagiere und der Zugführer getötet wurden. Und die Täter im Jahre 1977 handelten aus denselben politischen Motiven. Darum seien die tödlichen Schüsse der stürmenden Soldaten als gerechtfertigt anzusehen.

In dem Prozess meldeten sich auch Zeugen zu Wort, die einen Befehl an die stürmenden Soldaten mitbekommen haben wollen. Dieser Befehl habe sie angewiesen, die Geiselnehmer nicht überleben zu lassen. Das sei jedoch nicht zu beweisen, so das Gericht gestern. Aussagen, die sich vom „Hörensagen“ herleiten, seien laut der Meinung des Gerichts nicht ausreichend. Außerdem wiegten die Aussagen des Sturmtrupps schwerer als die der neu aufgetauchten Zeugen. Und alle Soldaten des Sturmtrupps haben ausgesagt, einen solchen Befehl nie bekommen zu haben.

Des Weiteren wurde angemerkt, dass der Sturmtrupp beeinflusst worden sei und zu dieser Aussage bewegt wurde. Das war jedoch laut Meinung der Richter nicht der Fall, da die Aussagen der Soldaten sich teilweise zu stark voneinander unterschieden, als dass sie aufeinander abgestimmt sein könnten.

Das Gerichtsverfahren wurde 2015 aufgenommen, als Hinterbliebene von zwei der getöteten Geiselnehmer  wegen ungerechtfertigter Tötung und unnötiger Gewalt bei der Befreiung des Zuges klagten. Die Geiselnehmer, die einen unabhängigen südmolukkischen Staat forderten, zogen die Notbremse, ließen 40 Passagiere gehen und behielten weitere 54 beinahe drei Wochen lang in Geiselhaft. Während der Stürmung des Zuges kamen neun Geiselnehmer und zwei Geiseln ums Leben. Drei überlebende Geiselnehmer bekamen Gefängnisstrafen von sechs bis neun Jahren. Die Geiselnahme des Zuges 1977 fügt sich in eine Reihe von Aktionen ein, durch die Molukker die Anerkennung ihres Heimatlandes durch die niederländische Regierung erreichen wollten.