KULTUR: Genderproblematik beim Boekenweekgeschenk


Amsterdam,
LM/NRC/VK 17. Juli 2018

In den Niederlanden findet jährlich die sogenannte Boekenweek statt, die Bücherwoche. Kauft man in dieser Woche in einem Buchladen ein Buch, erhält man ab einem bestimmten Warenwert das Boekenweekgeschenk dazu, ein kostenloses Buch, das von einem niederländischen Autor oder einer niederländischen Autorin geschrieben wurde. Die Bücherwoche soll die niederländische Literatur bewerben und wird von der Stichting Collectieve Propaganda van het Nederlandse Boek (dt. „Stiftung Kollektive Werbung für das Niederländische Buch“), kurz CPNB, organisiert. Nach der Bekanntgabe des Themas und der Autoren für die Bücherwoche 2019 erntete die CPNB viel Kritik, denn erneut wurden zwei Männer für das Boekenweekgeschenk und das Boekenweekessay ausgewählt.

Das Thema der Bücherwoche 2019 wurde vom gleichnamigen Gedicht von Martinus Nijhoff inspiriert und lautet „De moeder de vrouw“ (dt. „Die Mutter die Frau“). Der erfolgreiche Autor Jan Siebelink, der vor allem für seinen Roman „Knielen op een bed violen“ bekannt ist (auf Deutsch unter dem Namen „Im Garten des Vaters“ erschienen), wird das Boekenweekgeschenk schreiben. Murat Isik, der in diesem Jahr den Libris Literaturpreis gewonnen hat, wird das Boekenweekessay schreiben. Folglich setzen sich zwei Männer mit dem Thema „De moeder en de vrouw“ auseinander. Diese Wahl sorgte in der Literaturszene für Empörung, denn die Stellung von Schriftstellerinnen ist seit einigen Jahren ein viel diskutiertes Thema.

Vor kurzem promovierte Corina Koolen mit einer Arbeit über die Wahrnehmung von Frauen in der Literatur. Ihre Ergebnisse zeigten, dass Autorinnen noch immer weniger Anerkennung erfahren als männliche Autoren. Auch der Autor und Kritiker Herman Stevens veröffentliche einen Sammelband mit dem Titel „Het sterke geslacht. Over vrouwen in onze literatuur.“ (dt. „Das starke Geschlecht. Über Frauen in unserer Literatur“). Auch die Autorin Niña Weijers wies in ihrer Kolumne darauf hin, dass der Kolumnist der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad in seiner wöchentlichen Kolumne meist nur über verstorbene, männliche Autoren schreibt.

Dass die Literaturszene die Wahl der CPNB kritisierte, war deshalb fast zu erwarten. Ungefähr dreihundert weibliche und männliche Schriftsteller, Dichter, Kritiker, Verleger und Literaturwissenschaftler unterzeichneten einen offenen Brief an die CPNB. Sie beanstandeten, dass die Stiftung „die Frau“ unzeitgemäß mit der Mutterschaft gleichsetze und dass darüber nicht ausschließlich Männer schreiben sollten.

Die CPNB reagierte auf den offenen Brief mit einem Text mit dem Titel „Moeder aan het roer, niet achter het fornuis“ (dt. „Mutter am Steuer, nicht am Herd“). Die Absicht des CPNB sei es gewesen, die starke Frau in den Fokus zu rücken, die Vermittlung eines konservativen oder traditionellen Rollenbildes der Frau sei niemals beabsichtigt worden. Das Bücherwochenthema sei von dem Titel des gleichnamigen Gedichts von Martinus Nijhoff inspiriert worden, in dem der Dichter eine Frau am Steuer eines Schiffs sieht. Zusätzlich verweise das Thema auf zwei Romane von Renate Dorrestein zum Thema Mutterschaft. Des Weiteren sei die CPNB darüber verwundert, dass auch die Auswahl von Murat Isik kritisiert wurde, denn dieser habe in seinen Romanen starke Mutterfiguren gezeichnet. Es zeuge doch von Emanzipation, dass man ein Essay zum Thema „Mutter“ nicht zwangsläufig von einer Mutter oder einer Frau schreiben lasse, sondern von einem Mann.

Der niederländische Autor Arjen van Veelen unterschrieb den offenen Brief nicht. Seiner Meinung nach versetze man sich in der Literatur in jemand anderen hinein, in den Leser, in den Protagonisten. Beim Lesen und Schreiben sei es befreiend, dass man für eine kurze Zeit in jemand anderen schlüpfen könne. Somit sei es eine engstirnige Literaturanschauung, wenn man meine, dass nur Frauen etwas zum Thema „Mutter“ zu sagen hätten.

Manon Uphoff, eine der Initiatoren des offenen Briefs, stellte jedoch klar, dass das nicht das Problem sei, um das es gehe. Natürlich könne ein Mann über das Thema „Mutter“ schreiben. Es gehe vielmehr darum, dass die CPNB, die bis vor zwei Jahren vierzehn Jahre lang keine einzige Frau für das Boekenweekgeschenk ausgewählt hat, auch dieses Thema wieder an zwei Männer vergibt. Es fühle sich wie eine Provokation an. Vor allem jetzt, wo es verschiedene Untersuchungen und Publikationen zur Stellung der Frau in der Literatur gebe. Sie habe sich gefragt, ob die CPNB denn keine Zeitung lese.

Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Autoren, die das Boekenweekgeschenk in den letzten zwanzig Jahren geschrieben haben, ist unausgeglichen. Während siebzehn Männer das Boekenweekgeschenk geschrieben haben, wurde es nur drei Mal von Frauen geschrieben. Von den zwanzig letzten regulären Boekenweekessays wurden nur vier Essays von Frauen geschrieben.

Die Stiftung und die Verfasser des offenen Briefs haben sich schließlich zusammengesetzt, um gemeinsam eine Lösung zu finden. In den nächsten Jahren sollen das Boekenweekgeschenk und das Boekenweekessay genauso oft von einer Frau wie von einem Mann geschrieben werden. Es sei noch immer möglich, dass in einem Jahr das Geschenk und das Essay von zwei Männern oder Frauen geschrieben werden, doch insgesamt soll das Verhältnis in den nächsten fünf Jahren ausgeglichen sein.