JOURNALISMUS: Auto fährt in Redaktionsgebäude der niederländischen Tageszeitung De Telegraaf


Amsterdam,
LM/NRC/VK 27. Juni 2018

Montagnacht ist ein Auto in das Redaktionsgebäude der niederländischen Tageszeitung De Telegraaf in Amsterdam gefahren. Durch De Telegraaf freigegebene Bilder zeigen, wie das Fahrzeug durch eine Lücke zwischen Blumenkübeln in die Fassade des Gebäudes manövriert wurde. Der Wagen setzte zurück, um erneut die Fassade zu rammen. Daraufhin stieg der Fahrer des Fahrzeugs mit einem Kanister aus, den er hinten in den Wagen stellte. Schließlich warf er etwas in den Innenraum - eine Explosion folgte und das Auto brannte aus. Die Täter stiegen in ein anderes Fahrzeug und flüchteten. Bei der Tat entstanden Sachschäden, es gab keine Verletzten. Die Polizei geht von einer vorsätzlichen Tat aus, die vermutlich von zwei Tätern begangen wurde, die auf der Flucht sind.

Die Blumenkübel hatte die Redaktion der Tageszeitung als Sicherheitsmaßnahme aufgestellt, nachdem die Anschläge auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo ausgeübt worden waren. In den letzten Tagen wurden Arbeiten an dem am Gebäude angebrachten Schriftzug ausgeführt, wodurch die Blumenkübel teils verschoben wurden und zeitweise eine Lücke entstand. Diesen zusätzlichen Raum nutzten die Insassen des Fahrzeugs aus, um gegen die Fassade des Gebäudes zu fahren. Der Chefredakteur Paul Jansen gab zu bedenken, dass man die Sicherheitsvorkehrungen jetzt erneut infrage stellen müsse.

Jansen weiß nicht, welche Motive die Täter gehabt haben könnten: „De Telegraaf ist eine besondere Zeitung mit sehr guten Enthüllungsjournalisten, vor allem auf dem Gebiet der Kriminalität. Es ist kein Geheimnis, dass leider immer wieder Drohungen in unsere Richtung und die Richtung bestimmter Journalisten ausgesprochen werden.“ Ein Journalist stehe unter Polizeischutz, und natürlich habe man sich in kriminellen Kreisen einige Feinde gemacht. Bisher sei allerdings nicht geklärt worden, ob die Tat damit in Zusammenhang stehe.

Man sei zwar einiges gewöhnt, so Jansen, doch diese Situation hinterlasse natürlich Eindruck bei den Mitarbeiten. Gleichzeitig könne er eine deutliche Entschlossenheit bei ihnen erkennen. Man lasse sich nicht einfach den Mund verbieten oder sich einschüchtern. Mark Rutte und weitere Politiker sowie der Amsterdamer Gemeinderat bezeichneten die Tat gegen De Telegraaf als einen Anschlag auf die Pressefreiheit.

Thomas Bruning von der Niederländischen Journalistenvereinigung (NVJ) sprach von einer Attacke gegen die Demokratie, die äußerst alarmierend sei. Im letzten Jahr habe zudem eine Untersuchung gezeigt, dass Journalisten immer öfter bedroht würden. Auch der Anschlag auf die Redaktion der niederländischen Zeitschrift Panorama, die in der vergangenen Woche mit einem Panzerabwehrgeschütz beschossen wurde, sei ein deutliches Zeichen gewesen. In Verbindung mit dem Anschlag auf die Redaktion von Panorama wurde ein Mitglied des Motorradclubs Caloh Wagoh Main Triad festgenommen. Ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Anschlägen gibt, kann die Polizei bisher nicht sagen.

Die Gemeinde Amsterdam will die Gebäude, in denen sich die Redaktionen von De Telegraaf, Panorama, Nieuwe Revu, AT5, Het Parool, de Volkskrant, Trouw und NRC befinden, mit Kameras zur Überwachung ausstatten lassen. Auch sollen strengere Polizeikontrollen durchgeführt werden.

Das Auto, mit dem die Täter vor dem Redaktionsgebäude von De Telegraaf geflüchtet sind, wurde mittlerweile in Amsterdam-Noord gefunden. Es handelt sich um einen ausgebrannten, schwarzen Audi. Ein Polizeisprecher bezeichnete das Auto als „stark beschädigt“. Das Finden von möglichen Spuren der Täter wird den Ermittlern somit erschwert. Für die Motive der Tat gibt es weiterhin keine Hinweise, die Polizei will sich hierzu noch nicht äußern.