GESCHICHTE: Wer war der Autor dieses geheimnisvollen Buches der VOC?

Leiden, TA/VK 12. Juni 2018


Vor rund dreihundert Jahren leistete ein geheimnisvoller niederländischer Arzt bahnbrechende Feldarbeit im Inneren der Insel Sri Lanka und war damit seiner Zeit zweihundert Jahre voraus. Aber: Niemand weiß mehr, wer er war.

Im siebzehnten Jahrhundert war die Insel Sri Lanka, damals noch Ceylon genannt, zu Teilen unter der Verwaltung der Niederländischen Ostindischen Kompanie (VOC, niederländisch Vereenigde Oostindische Compagnie). Neben dem Errichten und Aufrechterhalten eines Handelsmonopols interessierte sich die VOC auch für die örtliche Flora als potentielle Quelle für Medizin. Die bijzondere collectie (deutsch „Sonderkollektion“ oder „Sondersammlung“) der Universitätsbibliothek in Leiden besitzt ein handgeschriebenes und mit Wasserfarbe koloriertes Manuskript, das vermutlich von einem Schiffsarzt der VOC verfasst wurde: Das Icones Plantarum Malabaricarum, adscriptis nominibus et viribus.

Es handelt sich dabei um ein dickes, weißes Buch, das in einen Umschlag aus Tierleder eingebunden wurde. Innen befinden sich steife Bögen Papier, die mit detailgenauen Zeichnungen von Pflanzen und einer auffallend ordentlichen Handschrift gefüllt wurden. Zum Beispiel: „Moelkiloewaij (…) is een soort van boom, welkens bast stild de verbrantheijt en tantpijn, en de overvloedige stonden bij de vrouwen." (deutsch in etwa „Moelkilowaij […] ist eine Art Baum, deren Bast Verbrennungen und Zahnschmerz stillt, und die überflüssigen Stunden bei der Frau“).

„Ich verstehe immer nur Bahnhof”, sagt Tinde van Andel, Professor für Botanikgeschichte, während sie das Manuskript betrachtet. „Wir haben probiert herauszufinden, wo der Kerl war. Aber er schreibt jedes Mal: Hier. Hier in Jaffna, hier in Colombo. Offensichtlich reiste er auf Sri Lanka herum, als er die Pflanzen in diesem Buch dokumentierte.“

Aber das Manuskript offenbart noch etwas viel bemerkenswerteres. Man merkt an den gegebenen Informationen, dass der Autor mit der lokalen Bevölkerung gesprochen hat, so Van Andel. „Er geht auf alle Details ein: Man muss die Pflanze ausgraben, kochen bis sie braun ist und dann auf die Wunde schmieren. Oder: Man muss für diese Pflanze einen guten Heiler suchen, damit man nicht zu viel benutzt. Man merkt, dass die lokale Bevölkerung ihn zu den Pflanzen mitgenommen hat, ihm Zubereitungen gezeigt hat, ihm über die Schulter geschaut hat, ob er auch wirklich gut gezeichnet hat.“

Und das war zu jener Zeit extrem ungebräuchlich, da man damals glaubte, dass diese Menschen nur zurückgebliebene Wilde waren. Dieser Arzt jedoch verrichtet ethnografische botanische Feldarbeit, zweihundert Jahre bevor Wissenschaftler zum ersten Mal wirklich ernsthaft der einheimischen Bevölkerung zugehört haben.

Auch Mart van Duijn, der die Kollektion der Bibliothek verwaltet, findet dieses Buch außergewöhnlich. „Wir haben viele schöne Exemplare in unserer Sammlung, aber die Geschichte, die hier hinter steckt, ist sehr spannend“.

Das Buch war lange Zeit in den Tiefen der Bibliothek verschollen und wurde offensichtlich noch nicht häufig betrachtet. „Ich mache dieselbe Arbeit wie der Kerl, ich weiß wie sorgfältig man der örtlichen Bevölkerung zuhören muss, bis sie dir Vertrauen schenken, dir Dinge erzählen. Er hat das geschafft. Aber offensichtlich hatte er nicht die richtigen Beziehungen. Zu einem Regent der VOC, oder einem Wissenschaftler wie Boerhaave.“, so Van Andel.

Darum wurde das Buch vollständig digital von der Universitätsbibliothek online gestellt und ins Englische übersetzt, sodass man es auch in Sri Lanka einsehen kann. „Das ist ein kulturelles Erbe der Menschen dort vor Ort. In etwa so, wie wenn in China ein dreihundert Jahre altes Tagebuch eines Bürgermeisters von Amsterdam auftauchen würde – dann sagen wir doch auch: Hier, wir wollen es sehen?“

Hätte der Arzt nur seinen Namen auf dem Umschlag hinterlassen. „Offenbar dachte er: Wenn ich tot bin, wissen sie sicher noch, wer das war“, so Van Andel. „Darum sage ich meinen Studenten immer: Wenn du etwas machst, schreibe deinen Namen drauf.“


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