GESELLSCHAFT: Die Zeit ist reif für eine dritte Option in der Geburtsurkunde


Roermond, TA
/NRC/VK/ Trouw 23. Mai 2018


Eine Niederländerin aus der Nähe von Roermond darf nun in ihre Geburtsakte aufnehmen lassen, dass kein Geschlecht bei der Geburt festgestellt werden konnte. Das hat das Gericht in Roermond gestern entschieden. Damit darf sich erstmals ein niederländischer Bürger als geschlechtsneutrale Person registrieren lassen, da aufgrund der gesellschaftlichen und rechtlichen Entwicklungen die Zeit reif sei für das Einführen eines dritten Geschlechts, schreibt das Gericht in seinem Urteil.

Laut Brand Berghouwer, Vorsitzender des Transgender Netwerk Nederland (TNN, deutsch „Transgendernetzwerk Niederlande“) ist das Urteil revolutionär. Die Kammer des Familien- und Jugendrechts des Gerichts Roermond, die aus mehreren Richtern bestand, erlaubte der 1961 geborenen Person, den Eintrag ihres Geschlechts in der Geburtsurkunde ändern zu lassen. Ihre Eltern hatten damals „männlich“ als Geschlecht angegeben, da dies „einfacher für das Kind“ sei. Während der Pubertät kam jedoch das Gefühl auf, sich nicht als Mann zu identifizieren, weshalb das Geschlecht in „weiblich“ geändert wurde. Letztendlich passte jedoch auch diese Kategorie nicht.

Um eine Registrierung als derde gender (deutsch „Drittes Geschlecht“ oder „Drittes Gender“) zu ermöglichen, ist allerdings eine Gesetzesänderung notwendig. Darum hat man sich vorläufig für die Variante mit dem nicht bestimmbaren Geschlecht entschieden. Das Gericht forderte die Gesetzgeber auf, Regelungen zu erlassen, die allen genderneutralen Personen entgegenkommen. Es sei „ein Eingriff in das Privatleben, das Selbstbestimmungsrecht und die persönliche Autonomie“ wenn eine genderneutrale Registrierung nicht möglich ist, so der Gerichtsvorsitzende.   

In der niederländischen Gesellschaft wird immer häufiger auf Genderneutralität geachtet. So werden Fahrgäste der Nederlandse Spoorwegen (NS, deutsch „Niederländische Eisenbahn“) seit Dezember genderneutral adressiert. Zuvor war schon die Geschlechtsangabe bei OV-chipkaarts  (Chipkarten zum Zahlen im öffentlichen Nahverkehr) gelöscht worden. Es gibt immer mehr genderneutrale Toiletten und die niederländische Warenhauskette HEMA hat letztes Jahr angekündigt, genderneutrale Kinderkleidung verkaufen zu wollen. Die Gemeinde Amsterdam hat darüber hinaus einen Ratgeber für ihre Beamten zusammengestellt, um deren Sprachgebrauch genderneutraler zu machen.

Berghouwer bezeichnet das Urteil der Richter als „sehr gute Neuigkeiten“, da laut TNN circa 6 Prozent der niederländischen Bevölkerung nicht eindeutig männlichen oder weiblichen Geschlechts seien. In Ländern wie Nepal, Indien oder Australien gibt es die Möglichkeit des dritten Geschlechts bereits. „Die Zeit ist reif für einen Stufenplan zur Abschaffung der Geschlechtsregistrierung“, so Berghouwer. „Dein Geschlecht ist deine Angelegenheit, nicht die des Staates.“

Für eine Gesetzesänderung diesbezüglich bietet die Europäische Menschenrechtskonvention Möglichkeiten, so der Richter. Die Konvention schreibt vor, dass es eine „faire Balance“ zwischen den Rechten der Einzelnen und der Gesamtheit  geben müsse. Und diese Balance ist laut dem Richter nicht gegeben, wenn sich jemand nicht als genderneutral registrieren lassen kann. Außerdem wiege die Selbstbestimmung der Personen schwerer, als das Befolgen des Gesetzes. Das Gemeinwohl werde nämlich nicht dadurch gefährdet, dass sich jemand weder als „männlich“ noch als „weiblich“ registrieren lasse.  

Nun bleibt abzuwarten, ob Den Haag diesem Aufruf des Gerichts in Roermond folgt. Im Koalitionsabkommen steht lediglich, dass die „unnötige Registrierung des Geschlechts“ so gut wie möglich eingegrenzt werden soll,

Interessenverbände hoffen, dass das Transgendergesetz, das 2014 dafür sorgte, dass der Eintrag des Geschlechts ohne eine vorherige Sterilisierung der betroffenen Person geändert werden darf, so erweitert wird, dass jeder seinen Eintrag ändern darf. Ohne Vermittlung oder Einmischung durch einen Arzt, Richter oder Psychologen.