FORSCHUNG: Laborfleisch in den Niederlanden darf nicht probiert werden


Amsterdam,
LM/NRC 22. Mai 2018

In den Niederlanden werden schon lange die Möglichkeiten von In-vitro-Fleisch erforscht. In-vitro-Fleisch ist im Labor gezüchtetes Fleisch. Dieses nachhaltige und artgerechte synthetische Fleisch wurde zu großen Teilen in den Niederlanden entwickelt. In diesem Jahr wollte die amerikanische Firma JUST In-vitro-Fleisch auf dem europäischen Markt und folglich auch in den Niederlanden einführen. Doch die niederländische Lebensmittelbehörde NVWA durchkreuzte die Pläne des amerikanischen Unternehmens und versiegelte die Pakete mit dem Laborfleisch. 

1999 erhielt Willem van Eelen ein Patent auf die Technik, mit der tierische Zellen zu Muskelgewebe gezüchtet wurden, ohne dass dafür Tiere geschlachtet werden mussten. In den letzten Jahren hat die niederländische Regierung viel in die Forschung über das künstliche Fleisch investiert, um die Entwicklung der möglichen Alternative zu normalem Fleisch voranzutreiben. 2013 wurde schließlich der erste Burger mit Laborfleisch von Professor Mark Post präsentiert. Der Professor aus Maastricht versucht mit der Firma Mosa Meat künstliches Fleisch zu züchten. Ein anderer Wissenschaftler im Bereich des Laborfleisches ist Koert van Mensvoort, der für das Next Nature Network, ein Forum für Natur und Technik, forscht. Er veröffentliche 2014 ein Kochbuch über Laborfleisch.

Doch wieso ist künstliches Fleisch ein so wichtiges Forschungsobjekt? Die Antwort liegt im Umweltschutz. Der übermäßige Fleischkonsum ist den Vereinten Nationen zufolge eines der größten Umweltprobleme der heutigen Zeit, da die Fleischproduktion einen Großteil der Treibhausgase verursacht. Wenn die Niederlande den Klimaschutz-Zusagen der Klimakonferenz von Paris nachkommen wollen, müssen die Viehbestände zwangsläufig reduziert werden. Allerdings ist nicht jeder dazu bereit, Vegetarier zu werden, während gleichzeitig der Fleischkonsum in Indien und China steigt. Alternativen werden also dringend benötigt.

Koert van Mensvoort vergleicht den Produktionsprozess von In-vitro-Fleisch mit dem Bierbrauen oder der Herstellung von Käse: bei beiden Produkten werden Zellkulturen angereichert. Ein großer Unterschied sei jedoch, dass Laborfleisch neu ist und deshalb vor allem etwas Unbekanntes darstelle. Trotzdem zeigten Umfragen, dass ungefähr vierzig bis siebzig Prozent der niederländischen Bevölkerung dem Laborfleisch offen gegenüber treten und es probieren würden. Viele sehen in dem Fleisch eine echte Alternative, die sie nutzen würden.

In-vitro-Fleisch ist nicht nur wegen der Entlastung der Umwelt interessant, sondern auch aufgrund des Umsatzes, den die forschenden Firmen damit machen könnten. Aus diesem Grund gibt es viele internationale Investoren, die die Forschung auf diesem Gebiet unterstützten und versuchen, Laborfleisch auf den Markt zu bringen. Die amerikanische Firma JUST ist eine dieser Firmen. Eigenen Aussagen zufolge hat die Firma bereits aus Entenzellen gezüchtete Nuggets, Chorizo und sogar Gänseleberpastete hergestellt. Der Vorstandsvorsitzende Josh Tetrick verfolgt den Plan, seine Produkte noch in diesem Jahr auf den Markt zu bringen.

Im letzten Jahr kontaktierte JUST Ira van Eelen, die Tochter von Willem van Eelen, um die Einführung des Laborfleisches in Europa voranzutreiben. JUST und van Eelen führten mit den niederländischen Ministerien für Landwirtschaft und Wirtschaft Gespräche und bekamen den Eindruck, gute Chancen auf eine Zulassung des Produktes in den Niederlanden zu erhalten. Allerdings wird In-vitro-Fleisch als „novel food“ eingestuft, als eine neue Nahrungsart, vergleichbar mit Insekten. Seit dem ersten Januar wird für solch innovative Nahrungsmittel eine Zertifizierung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit benötigt. Diese Zertifizierung erhielt JUST nicht, und so wurden die bereits importierten Fleischpakete, die von Spezialisten getestet werden sollten, von der niederländischen Lebensmittelbehörde versiegelt.

Die Lebensmittelbehörde will sicherstellen, dass das neue Produkt keine Risiken birgt und dass Konsumenten das Fleisch verzehren können, ohne davon krank zu werden. Bis diese absolute Sicherheit gegeben ist und die Produkte von JUST zertifiziert werden, können noch mehrere Jahre vergehen. Für van Eelen ist das eine große Enttäuschung. Jahrelang hätten die Niederlande in die Produktion von Laborfleisch investiert und jetzt werde die Chance dazu, ein Vorreiter auf dem Gebiet des In-vitro-Fleisches zu werden, verpasst. Der amerikanische Betrieb JUST versucht sein Glück jetzt außerhalb Europas.