GESELLSCHAFT: Hausärzte bieten Test für Erbkrankheiten an

Groningen, TA/NRC/VK/Trouw 15. Mai 2018


Niederländer, die einen Kinderwunsch hegen, aber möglicherweise Träger einer vererbbaren Krankheit sind, können bei sechs Hausärzten im Norden des Landes nun einen DNA-Test durchführen lassen, und so die Möglichkeit einer Erbkrankheit bestimmen. Das ist eine internationale Premiere, da solche Tests bislang weltweit nur in Krankenhäusern durchgeführt werden.

Für 950 Euro bieten sechs Hausärzte der Provinzen Groningen und Friesland ab dieser Woche eine pränatale Untersuchung zur Feststellung von vererbbaren Krankheiten an. Der Test, der zwei Jahre lang vom  Universitätsklinikum Groningen (niederländisch Universitair Medisch Centrum Groningen, UMCG) überprüft und untersucht wurde, kann ungefähr 70 ernstzunehmende Erbkrankheiten erkennen. Es geht hierbei vor allem um Krankheiten, die viele Schmerzen verursachen oder schlecht bis gar nicht behandelbar sind. Manche dieser Krankheiten führen auch zu einem vorzeitigen Tod des Kindes. Eines von circa 600 niederländischen Kindern wird mit einer solchen Krankheit geboren.


„Jeder ist Träger von Erbkrankheiten,“ schreibt das UMCG. „Die meisten Menschen merken nur nichts davon, weil sich die Krankheit nicht offenbart.“ Wenn sich herausstellt, dass sowohl der zukünftige Vater, als auch die zukünftige Mutter das Gen einer bestimmten Krankheit in sich trägt, beträgt die Chance, dass ihr Kind diese Krankheit bekommt, 25 Prozent. „Der Test bietet die Möglichkeit, gut vorbereitet eine Schwangerschaft zu beginnen“, so die Genetikerin Phillis Lakeman des Universitätsklinikums in Amsterdam (niederländisch Academisch Medisch Centrum, AMC). Durch die Information, die die Eltern durch die Testergebnisse erhalten, könne verhindert werden, dass sie nach der Geburt plötzlich und vollkommen unerwartet mit einer sehr ernstzunehmenden Krankheit konfrontiert werden.  Im AMC wird der Test vorerst weiterhin nur im Krankenhaus angeboten. In Groningen und Friesland ist der Zugang zum Test durch das Angebot von Hausärzten jetzt so einfach und unbürokratisch wie noch nie.  Die sechs Ärzte sind vom UMCG für den Test geschult worden. Laut dem UMCG ist die Hemmschwelle von Eltern, diesen Test in einem Krankenhaus durchführen zu lassen, höher, als wenn sie einfach zu einem Hausarzt gehen können.


Den zukünftigen Eltern bieten sich nach einem solchen Test verschiedene Möglichkeiten. Die erste ist eine Embryoselektion. Dabei werden via In-vitro-Fertilisation mehrere Embryonen befruchtet und gesunde Embryonen werden dann mittels künstlicher Befruchtung in die Gebärmutter der Mutter verpflanzt. Eine weitere Möglichkeit für die Eltern ist eine natürliche Schwangerschaft, während der eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt wird, sodass mögliche Krankheiten erkannt werden können. Die Schwangerschaft kann dann abgebrochen werden. Eine weitere Option ist es auch, keine Kinder zu bekommen.


Für schwangere Niederländerinnen gibt es bereits verschiedene pränatale Tests, die die Gesundheit des ungeborenen Kindes überprüfen. Seit circa einem Jahr wird beispielsweise der Bluttest Nipt standardmäßig angeboten, bei dem keine Genmutationen untersucht werden, sondern die Wahrscheinlichkeit von Chromosomenabweichung berechnet wird, die z. B. für Trisomie 21 (Down-Syndrom) oder Trisomie 18 (Edwards-Syndrom) verantwortlich sind. Im September letzten Jahres haben circa 37 bis 40 Prozent der Schwangeren einen solchen Test durchführen lassen. In der zwanzigsten Schwangerschaftswoche bekommen Niederländerinnen darüber hinaus einen Ultraschall, der den Fötus auf Abweichungen wie etwa Spina bifida (ein Neuralrohrdefekt) untersucht. Die Resultate dieses Tests führen pro Jahr zu etwa 1000 Schwangerschaftsabbrüchen.

Wer den Erbkrankheitstest beim Hausarzt durchführen lassen möchte, bezahlt 950 Euro. Kritiker sehen vor allem diesen Preis als bedenklich, da er somit nicht allen Niederländern gleichermaßen zur Verfügung steht. Auch fürchten manche, dass solche Screenings zu Eugenetik führen könnten, bei der mit Hilfe der Wissenschaft versucht wird, perfekte Kinder zu kreieren.

„Wenn es eine Erbkrankheit in der Familie gibt, dann verstehen wir, dass Menschen sich testen lassen möchten.“, so Elise van Hoek, Managerin des größten niederländischen Patientenverbands NPV. „Aber einfach so zu testen ist etwas ganz anderes. Menschen müssen sich bewusst werden, dass das Leben nicht formbar ist. Wenn ein Test darauf hinweist, dass es eine Erbkrankheit gibt, dann kann man sich dafür entscheiden, nicht schwanger zu werden.“

Phillis Lakeman sagte 2016 in einem Interview mit der niederländischen Tageszeitung Trouw, dass genetische Untersuchungen nicht zum Ziel haben, Designerbabys zu erschaffen, sondern als Möglichkeit dienen, eine informierte und durchdachte Entscheidung zu treffen. Sie betonte damals, dass nur auf schwere Krankheiten getestet werde, die einen deutlich negativen Einfluss auf das Leben des Kindes und seiner Eltern hätten.


Newsletter

Tragen Sie sich hier in den E-Mail-Verteiler ein:


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: