JUSTIZ: Neue Zeugen im Prozess über die Zugentführung der Molukker von 1977


Den Haag,
LM/VK/NRC 08. Mai 2018

1977 fanden in den Niederlanden eine Geiselnahme in einer Grundschule und die Entführung eines Zuges statt, die von Molukkern durchgeführt wurden. Bei der Beendigung der Geiselnahmen durch das niederländische Militär wurden sechs Geiselnehmer erschossen. Die Hinterbliebenen der Geiselnehmer führen jetzt einen Prozess gegen den niederländischen Staat. Bei dem Prozess geht es um die Frage, ob  mindestens zwei der Geiselnehmer vom Militär erschossen wurden, obwohl sie verwundet und unbewaffnet waren. Das würde im Widerspruch zu den Genfer Konventionen stehen.  Laut der  niederländischen Tageszeitung De Volkskrant gibt es jetzt drei neue Zeugen. Vor der Stürmung des Zuges und der Schule hatten die Soldaten laut diesen Zeugen den Befehl erhalten, dass die Molukker die Befreiungsaktion nicht überleben sollten.

Bei dem Prozess über die Zugentführung von 1977 in der Nähe des niederländischen Dorfes De Punt gibt es drei neue Zeugen. Sie behaupten, dass die Soldaten, die den Zug damals stürmen mussten, den Befehl bekommen hatten, dass die Entführer die Befreiungsaktion nicht überleben sollten. Diese Aussage hatte im vergangenen Jahr bereits ein ehemaliger, anonymer Offizier getroffen.  Den neuen Zeugen zufolge habe ihnen ein Kommandant während der Befreiungsaktion mehrmals mitgeteilt, dass die Geiselnehmer nicht gefangen genommen werden sollten, da es „nicht die Absicht war, dass die Entführer vor dem Gericht erscheinen würden.“.

Der Kommandant leitete damals die Befreiungsaktionen des Zuges und der Schule, die gleichzeitig stattfanden und als eine gemeinsame, militärische Operation angesehen wurden. Einer der Zeugen behauptet, der Kommandant habe es „moralisch verwerflich“ gefunden, die Entführer in der Grundschule zu erschießen. Deshalb seien die Geiselnehmer der Grundschule der Justiz übergeben worden. Die sechs Entführer des Zuges hingegen wurden erschossen.

Der Befehl, dass die Entführer nicht überleben sollen, soll laut den Zeugen vom damaligen Justizminister Dries van Agt gekommen sein. Dieser kann sich laut eigener Aussage nicht an diesen Befehl erinnern. Jetzt antwortete er auf Nachfrage, dass das „unmöglich“, „undenkbar“ und „ausgeschlossen“ sei. Die Rechtsanwältin Liesbeth Zegveld, die in dem Prozess die Hinterbliebenen der Entführer vertritt, will nun den ehemaligen Minister van Agt sowie vier Kommandanten der Befreiungsaktion und den ehemaligen General Henk van den Breemen unter Eid aussagen lassen.
 
Im Dezember des vergangenen Jahres wurde öffentlich, dass Anwältin Zegveld eine Anzeige wegen Beeinflussung der Zeugen erstattete. Die Zeugen seien von verschiedenen Beamten und vom Verteidigungsministerium beeinflusst worden. Die Vernehmungen hatten offenbart, dass die Offiziere bei verschiedenen Treffen auf ihre Vernehmungen vorbereitet worden waren und dass ihnen nahegelegt wurde, was sie auf bestimmte Fragen antworten sollten. Mittlerweile hat sich die Rijksrecherche, die Untersuchungen in Fällen von Korruption bei staatlichen Behörden durchführt, eingeschaltet, wodurch das Zivilverfahren eine strafrechtliche Note bekommt.

Die Soldaten, die im Prozess gegen den Staat angehört wurden, bestreiten nachdrücklich, dass sie die Geiselnehmer gezielt exekutiert haben. Am 29. Mai wird der Prozess fortgeführt.