KULTUR: Kritik an 'Dodenherdenking' am 4. Mai


Amsterdam, RH/VK/NRC 03. Mai 2018

Der Utrechter Aktivist Rogier Meijerink möchte während der nationalen Veranstaltung zur Dodenherdenking (deutsch „Totengedenktag“) am morgigen Freitag in Amsterdam als Zeichen des Protestes schreien. Dazu erhofft er sich heute vom zuständigen Richter die rechtliche Erlaubnis. Zusammen mit anderen Aktivisten möchte er sich Freitagabend unter die Menschen mischen und im Anschluss an das Erklingen der Trompete, die obligatorischen zwei Minuten Stille mit Schreien durchbrechen. 

Meijerink ist Sprecher der Aktionsgruppe Geen 4 Mei Voor Mij (deutsch „Kein 4. Mai für mich“), die die Veranstaltungen zur Dodenherdenking kritisch sehen und ihrer Kritik mit der Protestaktion Ausdruck verleihen wollen. Die Dodenherdenking in ihrer heutigen Form sei rassistisch und die Tatsache, dass beispielsweise Opfer, die die niederländische Armee nach der Befreiung in Niederländisch-Indien verursachte, nicht in die Erinnerung einbezogen seien, „Kriegsverbrecher“ – nämlich Niederländer, die eben dort Gewalt gegen die indonesische Bevölkerung einsetzten – aber durchaus Teil der Erinnerungskultur sind, sei nicht hinnehmbar. Das nationale Gedenken am 4. Mai bezieht sich auf die Erinnerung an alle niederländischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und jeden, der danach  in „Kriegssituationen und Friedensoperationen“ umgekommen ist. 

Bereits vorige Woche hatte die Aktionsgruppe die Pläne zur Demonstration angekündigt, woraufhin das Vorhaben durch den vorläufigen Bürgermeister Amsterdams Jozias van Aartsen verboten worden war. Begründet hatte van Aartsen seine Entscheidung damit, dass die Dodenherdenking ein heiliger Moment sei, dessen Störung unakzeptabel, respektlos und darüber hinaus strafbar sei. Das Nationaal Comité 4 en 5 mei (deutsch „Nationales Komitee für den 4. und 5. Mai“) teilt die Meinung des Bürgermeisters und hat die Aktionsgruppe für ihr Vorhaben ebenfalls kritisiert. Die Gemeinde Amsterdam wirft Meijerink zusätzlich Ruhestörung vor, falls er seine Pläne in die Tat umsetzen werde. „An 364 Tagen im Jahr darf er demonstrieren, aber während der Dodenherdenking nicht“, sagt Gemeindesprecher Sebastiaan Meijer. Rogier Meijerink sieht in dem Verbot allerdings eine Einschränkung seines Demonstrationsrechtes und hat daher den Schritt vor den Richter erwogen, dessen Urteil am heutigen Donnerstag gegen 13.30 Uhr erwartet wird.

Die für morgen angekündigte Aktion ist nicht der erste Protest gegen Inhalt und Durchführung der jährlichen Dodenherdenking am 4. Mai. Im Jahr 2016 gab es bereits einen digitalen Protest unter dem Namen ‚Geen 4 mei voor mij´(deutsch „Kein 4. Mai für mich“), bei dem Menschen unter Verwendung des Hashtags # Geen4meivoormij auf den sozialen Medien kundtun konnten, warum sie am 4. Mai nicht gedenken werden. Eine der Gründerinnen der damaligen Initiative schrieb auf ihrer Facebook-Seite: „Für mich hat der 4. Mai keinen Sinn, wenn wir den aufkommenden Faschismus und Hass auf Muslime in den Niederlanden einfach ignorieren und geschehen lassen.“ Auf kritische Nachfragen bezüglich ihrer Meinung zum 4. Mai antwortete sie damals stellvertretend für viele Unterstützer der Aktion: „Die Menschen sind sich ihrer Vergangenheit nicht bewusst und dadurch kann die Geschichte sich wiederholen und der Rassismus kann wachsen. Überall wird der Holocaust thematisiert, aber unsere koloniale Vergangenheit wird nur sehr wenig beleuchtet. Menschen aus den niederländischen Kolonien haben beispielsweise im Zweiten Weltkrieg auch gekämpft – aber davon hört man so gut wie nie. Wir gedenken in den Niederlanden nicht inklusiv.“ Damals gehörte besagter Hashtag zu den meistgebrauchten Hashtags rund um den 4. Mai und allein der Post der Gründerin wurde bei Facebook über 12.000 Mal geteilt.

Aber es gab nicht nur Zustimmung für die Protestaktion. Neben Drohungen über die sozialen Medien oder das Telefon, die die bereits genannte Gründerin als Reaktion auf ihre Initiative verkraften musste, wurde mit dem Hashtag #wel4meivoormij (deutsch „doch der 4. Mai für mich“) eine Gegenaktion gestartet, die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der jährlichen Dodenherdenking in den Fokus stellen wollte.

Rogier Meijerink ist nach eigenen Aussagen durch die Initiative Geen 4 mei voor mij inspiriert worden, was nicht zuletzt auch die Übernahme des früheren Namens für seine aktuellen Zwecke verdeutlicht. Dass Meijerink nicht alleine handele, hat er bereits mehrfach erwähnt, die Namen seiner Mitinitiativnehmer und weitere Details des Vorhabens nennt er aber aus „Selbstschutz“ nicht. Basierend auf den Facebook-Anmeldungen geht der Aktivist für Freitag von mehreren hundert Teilnehmern aus, die ein Indiz für die partielle kritische Haltung gegenüber der Dodenherdenking gesehen werden sollen. Meijerink geht davon aus, dass das Verbot des Bürgermeisters durch den Richter aufgehoben wird und er während der Veranstaltung demonstrieren darf. So oder so stehe er aber nach eigenen Aussagen am Freitag um 20.00 Uhr op de Dam, um zu schreien. Bezüglich der Auswirkungen seines Vorhabens auf Menschen, die die zwei Gedenkminuten Stille zum Gedenken nutzen wollen, hält er sich bedeckt. „Es geht mir nicht um persönliche Auslegung des Gedenkens, sondern darum, wie der Staat die Geschichte rein zu waschen versucht.“