GESELLSCHAFT: GroenLinks zum Tabuthema der „Überbehandlung“ von älteren Patienten


Den Haag,
LM/NRC 23. April 2018

Die niederländische Partei GroenLinks hat eine Debatte über medizinische Eingriffe bei geschwächten älteren Patienten angestoßen. GroenLinks will das Tabuthema der „Überbehandlung“ bei älteren Patienten durchbrechen. In einigen niederländischen Krankenhäusern werden Patienten, die über 70 Jahre alt sind, bereits mit einem Screeningverfahren in Bezug auf die Verletzlichkeit und die zu erwartenden Auswirkungen des Eingriffs überprüft.

GroenLinks hat am Montag einen Bericht veröffentlicht, der sich mit der „Überbehandlung“ von älteren Patienten und dem Screeningverfahren auseinandersetzt, das einige Krankenhäuser bereits einsetzen. Corinne Ellemeet von GroenLinks, Mitglied der Zweiten Kammer, wünscht sich, dass über die Nutzen von Operationen bei Menschen im höheren Alter gesprochen und dieses Thema nicht mehr tabuisiert wird. Der Bericht trägt den Namen „Lachend Tachtig“ (dt. „Lachend achtzig“) und präsentiert die Zukunftsvisionen der Partei in Bezug auf die Altersfürsorge.

In den vergangenen Monaten hat Ellemeet mit vielen Menschen gesprochen, die in diesem Sektor arbeiten. Diese Gespräche haben sie zu dem Urteil gebracht, dass man den älteren Patienten im Krankenhaus früher und offener mitteilen müsse, was die Folgen der Operation sein könnten. Manchmal sei es am besten, die Patienten nicht mehr zu behandeln. Aus diesem Satz werde Parteien und Politikern jedoch schnell ein Strick gedreht, so Ellemeet und es könne schnell jemand behaupten, dass GroenLinks auf Kosten der älteren Mitbürger sparen wolle. Doch gerade das Gegenteil sei der Fall: Viele Ältere wollten nicht mehr durch die Behandlungsmühle der Krankenhäuser gedreht werden.

Der Bericht zeichnet kein positives Bild von der Altersfürsorgesituation der über siebzigjährigen Patienten. 2012 wurde beschlossen, Pflegeheime zu schließen, sodass viele ältere Menschen länger zu Hause wohnen müssen. Ellemeet verweist auch auf die Notfallambulanzen, die durch den Zustrom älterer Patienten überfüllt sind. Eine Studie aus dem Jahr 2016 bestätigt diese Aussage. 70 Prozent der Notfallambulanzen sind überbelastet, worunter auch das Pflegepersonal leidet.
 
Um ältere Patienten vor Eingriffen, die ihre Lebensqualität voraussichtlich senken würden, zu schützen, wurde ein Screeningverfahren entwickelt, das die Verletzlichkeit bzw. die Gefährdung der Patienten offenlegen soll. Dieses Verfahren wird seit einem Monat im Krankenhaus LUMC in Leiden und im Haga-Krankenhaus in Den Haag bereits angewendet. Jedem Patient, der über siebzig Jahre alt ist, werden zuerst einige Fragen gestellt. Wie viele Medikamente nimmt der Patient ein? Kann er sich ohne Hilfe ankleiden? Kann er die Monate des Jahres rückwärts aufsagen? Die Antworten bestimmen die „Verletzlichkeit“ des Patienten. So kann der Arzt bestimmen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Patient nach dem Eingriff seine Selbstständigkeit verliert oder sogar stirbt. Auf diese Weise sollen Komplikationen vermieden werden und gleichzeitig soll beurteilt werden können, ob der Patient dazu fähig ist, alleine zu Hause zu wohnen.

Den Ausschlag für die Entwicklung des Screeningverfahrens gab eine Studie des LUMC Krankenhauses und weiterer Krankenhäuser die zeigte, dass 10 Prozent der über Siebzigjährigen, die in der Notfallambulanz aufgenommen wurden, innerhalb von drei Monaten starben. Von weiteren 20 Prozent hatte sich der Zustand innerhalb von 90 Tagen so sehr verschlechtert, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen konnten. Von denjenigen, die im Krankenhaus aufgenommen wurden, sind 20 Prozent nach drei Monaten verstorben und weitere 20 Prozent waren stark geschwächt. Diese Zahlen erschienen den Initiatoren der Studie sehr hoch, so Simon Mooijaart vom LUMC. Das Krankenhaus wies jedoch darauf hin, dass es nicht darum gehe Kosten zu sparen, sondern die älteren Patienten vor belastenden, medizinischen Eingriffen zu schützen.

Mooijaart erklärt, dass die Funktionalität des Gedächtnisses, die Mobilität und die Medikamentenmenge, die Patienten einnehmen, viel über die Gefährdung und die Verletzlichkeit eines Patienten aussagen können. Dabei gehe es aber nicht um das genaue Alter eines Patienten, so Mooijaart, denn ein 85-jähriger Patient könne viel vitaler sein als ein anderer. Stattdessen gehe es um die Verletzlichkeit des Patienten. Wie der Screeningtest in der Praxis aussieht, erklärt Mooijaart an einem Beispiel: Wenn er einen Patienten hat, der eine hohe Verletzlichkeitswahrscheinlichkeit habe, sage er ihm, dass er viele Beschwerden durch die Chemotherapie oder die Operation bekommen wird. Die Frage sei dann, ob der erhoffte Vorteil des Eingriffs die Risiken rechtfertigen würde. Manchmal seien Patienten sogar erleichtert, wenn sie die Prozedur der Operation und der Rehabilitation nicht durchleben müssen.

Sollte das Screeningverfahren in Leiden zu einer besseren Prognose für die Patienten und für weniger geschwächte Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt sorgen, soll er in vielen anderen Krankenhäusern angewendet werden, sagt Hanna Willems vom AMC in Amsterdam (dt. „Akademisches Medizinisches Zentrum“). Es sei das Ziel, dass Ärzte ältere Patienten aus einem anderen Blickwinkel betrachten können und von den gewohnten Richtlinien abweichen dürften, wenn ein Patient gefährdet ist. Auch Mooijaart ist der festen Überzeugung, dass es nicht die Pflicht eines Arztes sein sollte, auch bei älteren Patienten immer Eingriffe und Behandlungen vornehmen zu müssen. Wenn der Schaden durch einen Eingriff vermutlich größer sei, als der positive Effekt, dann sei es wichtig, diesen Eingriff erst gar nicht vorzunehmen.


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