BILDUNG: Die niederländische Bildung verliert ihre internationale Spitzenposition

Den Haag, TA/NRC/ 12. April 2018

Der Bildungsbericht Staat van Onderwijs (dt. „Bildungsstand“) zeigt, dass der Unterricht in niederländischen Grund- und  weiterführenden Schulen seine internationale Spitzenposition verliert. Die Ergebnisse im Rechnen, Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften sind in den letzten zwanzig Jahren allmählich schlechter geworden.

Weil immer weniger Kinder überdurchschnittlich abschneiden hat der Unterricht an niederländischen Grund- und weiterführenden Schulen seine internationale Spitzenposition verloren. Das ergibt sich zumindest aus dem Staat van het Onderwijs, dem jährlichen Bericht der Inspectie van Onderwijs ( „Bildungsinspektion“), die ein Kontrollorgan des Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft (ndl. Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap) ist.

Vor allem die Leistungen im Lesen gehen stark zurück. 2016 erreichten noch 76 Prozent der Schüler das angestrebte Niveau, während das im letzten Jahr nur noch bei 65 Prozent der Schüler der Fall war. Circa 3.500 Kinder gehen folglich mit einer schlechten Lese- und Schreibleistung von der Grundschule ab. Damit stieg die Zahl dieser Schüler seit 2015 von 1,4 auf 2,2 Prozent.  Beim Rechnen erreichte weniger als die Hälfte der Schüler das angestrebte Niveau. Sieben Prozent der Schüler verließen deswegen die Grundschule mit geringen Rechenfertigkeiten – sie verfügen eigentlich über zu wenig Kenntnisse der Mathematik um den Leistungsanforderungen der weiterführenden Schule zu entsprechen.
Diese fallenden Leistungen haben auch schon internationale Vergleiche wie z. B.  die IGLU-Studie aufgezeigt. Laut der Inspectie van Onderwijs verließen Schüler schon seit Jahren mit deutlichen Rechen- und Lesedefiziten die Schulen. Dennoch rufe das merkwürdigerweise  kein Gefühl der Dringlichkeit hervor.  „Ich mache mir wirklich Sorgen über die Leistungsabnahme des Unterrichts in Grund- und weiterführenden Schulen.“, sagt Monique Vogelzang, niederländische Generalinspekteurin der Bildung, im Gespräch mit der niederländischen Tageszeitung NRC. „Das beschert und als Gesellschaft Ärger. Schulunterricht ist die Basis unserer Bildungsgesellschaft.“

Zwischen den Schulen gibt es dabei große Leistungsunterschiede. Die Leistungen an Schulen, mit vielen Kindern von bildungsfernen Eltern oder mit einem nicht-westlichen Migrationshintergrund sind häufig schlechter. Andererseits gibt es auch Schulen mit vielen Schülern, auf die diese Merkmale zutreffen, die gerade sehr gute Leistungen zeigen. Und es gibt Schulen, die größtenteils von Kindern von Akademikern besucht werden und schlecht abschneiden. „Es liegt also wirklich an der Qualität“, sagt Vogelzang.

Sie sieht zu geringe Ambitionen seitens der Schulen als wichtigste Ursache für das Absinken der Resultate. Der Großteil der Lehrer und Direktoren ist mit dem Minimum der Qualitätsnormen zufrieden, steht im Bericht. Und längst nicht alle Schulen kennen überhaupt ihre Ergebnisse.  

Laut Paul van Meenen, Mitglied der Zweiten Kammer für die D66, habe sich die Politik lange mit den verkehrten Dingen beschäftigt. Zu viel habe man sich damit auseinandergesetzt, wie Lehrer Schulstunden geben sollten, obwohl sie das selbst viel besser wissen. Die Prüfen hätten zu sehr im Mittelpunkt gestanden..

Ein anderes Sorgenkind der Inspectie ist die zunehmende Segregation, die in den Niederlanden im Vergleich zu anderen Ländern noch hoch sei. Die Teilung ist immer mehr im Bildungssektor zu beobachten, da gebildeter Eltern ihre Kinder auf Schulen mit besonderen Unterrichtskonzepten schicken. Die ethnische Segregation nimmt aber ab, obwohl immer mehr Kinder auf islamische Grundschulen gehen.

Segregation ist auch im Hinblick auf die Schulform sichtbar. Schüler mit einem nicht-westlichen Migrationshintergrund gehen häufiger auf die niederländische vmbo (vorbereitende Berufsunterricht, siehe NiederlandeNet). Mädchen gehen verhältnismäßig häufiger auf die havo und vwo (vergleichbar mit Berufskolleg und Gymnasium, siehe NiederlandeNet).

Die zunehmende sozialökonomische Segregation hat bislang noch keinen Einfluss auf die Unterrichtsqualität, aber die Inspektion fürchtet, dass das in Zukunft geschehen könnte, da Schulen mit Schülern bildungsferner Eltern mehr Probleme dabei haben,  Lehrkräfte zu finden. So kann die Segregation die Chancenungleichheit verstärken.

Das Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft sagt in einem ersten Statement, dass die Qualität des Unterrichts „leider ein bekanntes und hartnäckiges Problem“ sei. Laut Minister Arie Slob (ChristenUnie), sei der Mindeststandard zum Ziel geworden. Damit wolle man sich nicht abfinden.


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