GESELLSCHAFT: Heftige Kritik für evangelikale Nashville-Erklärung

Den Haag, SF/Trouw/RD, 07. Januar 2019

Gemeinhin ist bekannt, dass Homosexualität in christlichen Kreisen kontrovers diskutiert wird. So auch in den Niederlanden. In dem Land, das im Jahr 2000 als erstes Land der Welt die Ehe für homosexuelle Paare öffnete, wurde gestern die sogenannte Nashville-Erklärung über biblische Sexualität veröffentlicht. Das Dokument, das ursprünglich aus den USA stammt und ins Niederländische übersetzt worden ist, wendet sich entschieden gegen Homo- und Transsexualität. Eine offizielle Liste der Unterzeichner steht zwar noch aus, bekannt ist bislang aber bereits, dass sich der Spitzenpolitiker und Abgeordnete der orthodox-kalvinistischen SGP, Kees van der Staaij, unter den Erstunterzeichnern befindet.

Ein „orthodoxes Anti-Homo-Manifest“ nennt die niederländische Tageszeitung Trouw die Nashville-Erklärung. Die Tageszeitung mit Redaktionssitz ins Amsterdam gilt selbst als christlich orientiert. Dennoch kritisiert sie die Veröffentlichung der evangelikalen Erklärung, die eine starke Meinung in Bezug auf Homosexualität transportiert. Bereits im ersten Artikel der Erklärung ist zu lesen: „WIR BESTREITEN, dass Gott die Ehe als homosexuelle, polygame oder polyamouröse Beziehung erdacht hat.“ Homosexualität, aber auch „Transgenderismus“ werden im Text als sündig bezeichnet. Dasselbe gelte für Menschen, die nicht monogam leben wollten. Die Geschlechtsmerkmale der Menschen seien überdies „integrale Bestandteile von Gottes Zweck für unser Selbstverständnis als Mann und Frau.“ Aus diesem Grunde sei es notwendig, „gegen ein Transgender-Selbstverständnis zu kämpfen und dieses falsche Selbstverständnis zu verleugnen.“

Die insgesamt 14 Artikel der Nashville-Erklärung entstammen der Feder von 150 US-amerikanischen Geistlichen und wurden in den Vereinigten Staaten von rund 22.000 Evangelikalen unterzeichnet. Die bisher bekannten Unterstützer aus den Niederlanden sind allesamt Männer. Für die niederländische Version des Textes wurde ein „pastorales Nachwort“ hinzugefügt, in dem die Sexualität als nicht essentiell für die menschliche Identität angesehen wird. Für Trouw ein Widerspruch zur Gesamtaussage des Textes: „Die gesamte Erklärung verweist auf das Gegenteil: eine totale Fixierung auf das, was sich zwischen den Beinen befindet.“

Bereits geoutet als Unterstützer der Nashville-Erklärung hat sich Kees van der Staaij, Frontmann der SGP. Die orthodox-kalvinistische Partei ist vor allem im Bibelgürtel der Niederlande erfolgreich und verfolgt einen theokratischen Kurs in der Politik. Kein Wunder, dass sich viele Abgeordnete der Zweiten Kammer über die Unterschrift ihres Parlamentskollegen bestürzt zeigen. Der linksliberale Rutger Schonis (D66) twitterte beispielsweise über Van der Staaij: „Ich kenne Sie als kundigen Kollegen. Darum entsetzt mich Ihre Unterstützung für die Nashville-Erklärung.“ Ingrid van Engelshoven, ebenfalls Parteimitglied von D66 und Bildungsministerin, greift auf Twitter zu barscheren Worten: „Das sind Rückschritte. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Emanzipation haben wir noch lange nicht erreicht.“

Auch Repräsentanten der protestantischen Kirche üben Kritik an der Nashville-Erklärung. Der bekannte Pastor aus Apeldoorn, Willem Smouter, begründete in den sozialen Medien seine Ablehnung für die Erklärung: „Früher sagten sie: ‚Du darfst es sein, aber es nicht tun.‘ Aber das ist noch schlimmer: ‚Du darfst es nicht sein. Du darfst dich selbst nicht als jemanden mit homosexueller Identität sehen.‘“ Er rät den Protestanten in den Niederlanden, sich von der Nashville-Erklärung zu distanzieren. Jeder sei in Gottes Haus willkommen, so Smouter. Peter Kwint, Abgeordneter der linken SP in der Zweiten Kammer, nimmt die Nashville-Erklärung dagegen mit Humor auf. Auf Twitter schreibt er: „Schon praktisch, so eine Liste mit Radikalisierten.“ Allerdings ist eine schlussendliche Unterstützerliste noch nicht online. Diese wird in den kommenden Tagen erscheinen.