Nachrichten September 2017


UMWELT: Niederländisches Sint Maarten stark getroffen von Hurrikan Irma

Sint Maarten/Den Haag Franziska Seufert/VK/NRC/NOS. 14. September 2017.


Die karibische Insel Sint Maarten wurde in den vergangenen Tagen stark von Hurrikan Irma getroffen. Sint Maarten ist ein zur Hälfte niederländisches Überseegebiet. Irma, ein Hurrikan der stärksten Kategorie (Stufe 5), traf am Mittwoch den 6. September auf die Insel und richtete schwere Schäden an: Etwa 70 Prozent der Häuser seien schwer beschädigt oder eingestürzt, heißt es in einem Onlineartikel der niederländischen Rundfunkanstalt NOS. Einige der Menschen dort haben alles verloren, von Kleidung bis zu ihrem Dach über dem Kopf. Vier Menschen starben im niederländischen Teil des Landes. Jetzt machen sich die Menschen an das Aufräumen und den Wiederaufbau ihrer Heimat. König Willem Alexander besuchte die betroffene Region am vergangenen Montag, um sich ein Bild von  der katastrophalen Lage machen zu können. Finanziell erhofft sich das Land Unterstützung durch die EU.

Die Insel ist Teil der Kleinen Antillen im Karibischen Meer und wurde offiziell 1817 zwischen Frankreich und den Niederlanden als Kolonialmächten aufgeteilt. Der südliche, niederländische Teil der Insel, mit seiner Hauptstadt Philipsburg, war danach ein Teil der Niederländischen Antillen. Seit Oktober 2010 ist es ein eigenständiges Land innerhalb des Königreichs der Niederlande.

Das Gebiet in der Karibik ist anfällig für tropische Stürme. Dass zum Beispiel Sint Maarten, Sint Eustatius und Saba öfter von Stürmen getroffen werden als die anderen Niederländischen Antillen (wie Aruba, Bonaire und Curaçao) hat mit ihrer geographischen Lage zu tun, erklärt Meteorologe Marco Verhoef. Bis jetzt war Luís im Jahr 1995 der schwerste Hurrikan auf Sint Maarten: Damals wurden 60 Prozent der Häuser verwüstet und es starben ebenfalls vier Menschen. Sint Eustatius und Saba sind unter Irma nicht unbeschadet geblieben, aber weniger stark betroffen als Sint Maarten. Irma folgte jetzt auf den Hurrikan Harvey, der nur eine Woche zuvor in Texas wütete und besonders Schäden in und um Houston anrichtete.  Auf Irma folgte noch (der schwächere) Hurrikan José, der Samstagnacht über die Insel zog.

Verhoef erklärte, dass Hurrikan Irma stärker und schneller war als Harvey, der zeitweilig fast über Houston hängen blieb, und Sint Maarten  der Katastrophe somit zumindest weniger lange ausgesetzt war. Auf ihrem Weg durch die Karibik und über Sint Maarten hinweg erreichte Irma dann Geschwindigkeiten von bis zu 350 Stundenkilometern. Sturm und starke Regenfälle haben die Insel enorm verwüstet, schreibt die niederländische Tageszeitung NRC Handelsblad zwei Tage nach dem Unwetter. Häuser sind zerstört, Funkmasten weggefegt und die Inselbewohner haben keinen Zugang zu Trinkwasser – selbst die Wassertanks sind zerstört. Der Zusammenfall von Kommunikationskanälen und Infrastruktur verlangsamte so zunächst auch den Beginn von Hilfsaktionen. Bis zum Wochenende waren schon ungefähr fünfhundert Soldaten des niederländischen Militärs auf der Insel und am Sonntagabend kündigte der niederländische Ministerpräsident Rutte in einer Krisensitzung in Den Haag an, mehr Militär zur Unterstützung ins Überseegebiet zu schicken. Zunächst brachte das Militär Hilfsgüter mit; vor allem Nahrungsmittel und Wasser, aber auch Lieferwagen, Räumungsmaschinen und Rettungswagen. Weiterhin half und hilft das Militär bei Evakuierungsfahrten zu Wasser und Land und hat die Aufgabe, für die Sicherheit auf der Insel zu sorgen und zum Beispiel gegen Kriminelle vorzugehen, die das Chaos für Plünderungen nutzen wollen.

Raymond Gradus, Vorsitzender des College financieel toezicht Curaçao en Sint Maarten (Cft, eine niederländische Aufsichtsbehörde über Staatsgelder auf beiden Inseln), schätzt die finanzielle Lage schlecht ein. Seiner Meinung nach schafft Sint Maarten es nicht, den Millionenschaden, den es durch Hurrikan Irma erlitten hat, selber auszugleichen. Er erklärte schon zwei Tage nach der Katastrophe, dass die ersten Schadenersatzforderungen eingegangen wären. Priorität sei es jedoch zunächst den Hafen, den Flughafen und die Hotels wieder herzustellen, sodass der Tourismus wieder aufgenommen werden kann. Man weiß, dass wenn die Branche ihre Tätigkeiten mit Beginn der Tourismussaison im November bzw. Dezember nicht wieder aufnehmen kann, der finanzielle Schaden noch viel größer wird, weil die Einwohner ihr Einkommen verlieren. Sint Maarten ist zu 80 Prozent abhängig von den Einkünften aus dem Tourismussektor.

Alberto Romero, Direktor der Centrale Bank van Curaçao en Sint Maarten (Zentralbank), glaubt, dass vorerst genug Kapital vorhanden ist, um privaten und betrieblichen Schadensersatzforderungen nachzukommen. Außerdem glaubt er, dass ersten Einschätzungen zufolge die Kosten verhältnismäßig geringer ausfallen werden als 1995, denn seitdem hätte man dazugelernt und einigen Schäden vorbeugen können. Romero weiß jedoch auch um Probleme wie Schäden, die durch Plünderungen entstehen und nicht von Versicherungen gedeckt werden. Auch gab es zunächst noch keinen Topf mit Geldern für den Wiederaufbau der Infrastruktur. Ob die EU mit finanzieller Unterstützung für Sint Maarten aufkommt ist noch unklar. Frankreich kann für Saint Martin, den nördlichen, französichen Teil der Insel, Gelder in Brüssel beantragen und bekommen, weil es ein offizieller (Übersee-)Teil des Landes ist. Seit seiner Unabhängigkeit vor sieben Jahren ist Sint Maarten hingegen nur noch Teil des Königreiches, nicht jedoch des Staates der Niederlande und hat somit keinen Anspruch auf Hilfe der EU. Niederländische Europarlamentarier hoffen, dass auch Sint Maarten für etwaige Hilfszahlungen in Betracht gezogen wird, da es um hilfsbedürftige Menschen geht, mehr als um Regeln.

Gradus, von der finanziellen Aufsichtsbehörde, denkt, dass Sint Maarten viel finanzielle Unterstützung und günstige Kapitalanleihen braucht. Er sagt: „Gerade so wie 1995 nach Hurrikan Luís muss zusammen mit den Niederlanden geguckt werden, wie der Sanierungsplan aussehen kann.“ Die gegenseitige Bereitschaft zu helfen bestehe schon immer, jetzt müssten die Niederlande und die Politiker nur konkret werden. Erste Solidarität zeigte schon König Willem Alexander, der der betroffenen Region seines Königreiches einen Besuch abstattete. Zusammen mit Ronald Plasterk, Minister für Inneres und Überseegebiete, machte Willem Alexander sich ein eigenes Bild der Lage und traf Opfer der Naturkatstrophe. Am Montag ging es, mit Zwischenstop am Sonntag in Willemstad (Curacao), nach Sint Maarten und Dienstag reisten sie nach Saba und Sint Eustatius. „Das übersteigt jegliche Vorstellung. Überall wo man guckt sieht man Zerstörung, sieht man Erschütterung“, sagte der König bei seinem Besuch.

Frankreich unternimmt ähnliche Maßnahmen auf dem französischen Teil der Insel. Die militärische Einsatzstärke ist vergleichbar mit der der Niederlande und auch Präsident Macron besucht das Überseedepartement Frankreichs. Frankreich und die Niederlande kooperieren bei dem Einsatz und tauschen Ressourcen aus. Auch König Willem Alexander bemerkte bei seinem Besuch den Zusammenhalt der Einwohner: „Man sieht, dass die Menschen sehr damit beschäftigt sind alles aufzuräumen. Sie sagen: wir stehen zusammen, Schulter an Schulter bauen wir die Insel wieder auf. Man glaubt an die Zukunft.“