Nachrichten Mai 2017


WIRTSCHAFT: Immer weniger Arbeitnehmer erhalten eine Festanstellung

Den Haag. EF/Trouw/VK/NRC. 30. Mai 2017.

Lehrerin Big
Viele Berufseinsteiger beginnen zunächst mit befristeten Arbeitsverträgen, Im Gegensatz zu anderen Branchen führen befristete Arbeitsverträge im Bildungsbereich oftmals zu einer Festanstellung, Quelle: Thomas Unruh/CC BY-NC-SA 2.0

Am Montag veröffentlichte das Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) aktuelle Zahlen zum Thema befristete Arbeitsverträge in den Niederlanden. Das Institut hat untersucht, was aus insgesamt 686.000 Berufseinsteigern geworden ist, die im Jahr 2012 einen befristeten Arbeitsvertrag angenommen hatten. 3 Jahre später im Jahr 2015 befanden sich 26 Prozent von ihnen in einer Festanstellung, 20 Prozent von ihnen verfügten noch immer über einen zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag, 7 Prozent haben sich selbstständig gemacht und 49 Prozent sind derzeit arbeitslos.

Ein befristetes Arbeitsverhältnis, in den Niederlanden auch flexbaan genannt, ist eine zeitlich begrenzte Anstellung als Zeitarbeiter, Aushilfskraft oder Praktikant. Diese flexbanen wurden einst als Sprungbrett für eine Festanstellung angepriesen. Allerdings zeigen die Statistiken der letzten Jahre, dass das genaue Gegenteil der Fall ist, da die Anzahl der Festanstellungen kontinuierlich sinkt. Wer 2007 eine befristete Anstellung antrat, hatte drei Jahre später eine 35-prozentige Chance auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Für Berufseinsteiger aus dem Jahr 2012 liegt die Chance, drei Jahre später einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, bei nur 26 Prozent. Die Chancen sind allerdings von der Branche und von der Art der Ausbildung abhängig.

Aus den aktuellen Zahlen geht hervor, dass hochqualifizierte Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsstelle im Jahr 2012 zunächst mit befristeten Arbeitsverträgen antraten, im Vergleich zu geringqualifizierten Arbeitnehmern häufiger an eine Festanstellung gelangen. Allerdings hat auch diese Anzahl im Laufe der Jahre abgenommen. Von den Absolventen von Hochschulen und Universitäten, die 2007 einen befristeten Arbeitsvertrag erhielten, haben drei Jahre später rund 50 Prozent den Sprung zu einer Festanstellung geschafft. Im Zeitraum von 2012 bis 2015 schafften es nur 36 Prozent, ihre befristeten Arbeitsverträge durch eine Festanstellung zu ersetzen. Bei den geringqualifizierten Arbeitskräften sehen diese Zahlen noch deutlich finsterer aus. Lediglich 17 Prozent schafften im selben Zeitraum den Sprung von einem befristeten zu einem unbefristeten Vertrag. Die Anzahl der Arbeitnehmer mit einer Festanstellung sind demnach rückläufig. Keine positiven Aussichten für zukünftige Berufseinsteiger – vor allem, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte aller Arbeitnehmer mit befristeten Arbeitsverträgen drei Jahre nach ihrer ersten Einstellung in die Arbeitslosigkeit absinken. Besonders hart trifft es die geringqualifizierten Arbeitnehmer. 62 Prozent von ihnen sind nach drei Jahren befristeter Anstellung ohne Arbeit. Einen geringfügigen Unterschied gibt es darüber hinaus zwischen Männern und Frauen. Statistisch gesehen, verfügen mehr Frauen über eine Festanstellung als Männer. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass gerade junge Frauen oft höherqualifiziert sind als gleichaltrige Männer. Darüber hinaus erhalten auch Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund seltener einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Arbeitnehmer ohne Migrationshintergrund.

Für qualifizierte Fachkräfte kann eine zunächst befristete Anstellung durchaus ein Sprungbrett für eine Festeinstellung sein. Und auch die Arbeitslosenquote fällt unter ihnen mit 33 Prozent deutlich geringer aus. Der Grund für die erfolgreicheren Jobchancen resultiert vor allem aus dem universitärem Werdegang. Schließlich handelt es sich hierbei oft um Menschen, die eine Ausbildung an einer Hochschule oder an einer Universität absolviert haben, durchaus gewillt sind, zu arbeiten und aufgrund ihrer fachlichen Kompetenzen schwerer durch andere Arbeitskräfte zu ersetzen ist. Das macht sie zu attraktiven Arbeitskräften, die zwar zunächst einen zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag erhalten, der aber durchaus die Aussicht auf eine Festeinstellung beinhaltet. Geringqualifizierte Arbeitskräfte werden hingegen eher als Aushilfskräfte eingesetzt, die jederzeit auf Abruf bereit stehen müssen.  

Die Anzahl der vergebenen Festanstellungen ist jedoch auch branchenabhängig. Die meisten unbefristeten Arbeitsverträge werden im Bildungsbereich vergeben. Aber auch hier verbleiben die meisten Menschen in befristeten Verträgen. Nicht einmal die Hälfte aller Arbeitnehmer erhält hier einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Andere Bereiche, in denen ebenfalls verhältnismäßig viele unbefristete Arbeitsverträge vergeben werden, sind zum Beispiel das Gesundheitswesen und der Verwaltungs- oder Kommunikationssektor. Dies sind auch die Bereiche, in denen oft mit hochgebildeten Arbeitskräften gearbeitet wird. In Bereichen, in denen eher mit geringqualifizierten Arbeitnehmern gearbeitet wird, wie beispielsweise in der Landwirtschaft, der Vermietungsbranche oder in der Gastronomie sind die Aussichten auf eine Festanstellung alles andere als gut. Fast niemand darf sich in dieser Branche als Festangestellter bezeichnen.  Es ist also kein Wunder, dass die Anzahl an Arbeitnehmern mit einem unsicheren Arbeitsverhältnis zunimmt.

Zwischen 2003 und 2017 stieg die Anzahl der Aushilfskräfte, Leiharbeiter und Arbeitnehmer mit zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnissen von rund 1,1 Millionen auf etwa 1,9 Millionen Menschen an. Von den geringqualifizierten Arbeitnehmern, die überhaupt Arbeit haben, verfügen lediglich 60 Prozent über eine Festanstellung. Die übrigen 40 Prozent befinden sich in einem zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnis. Diese Anzahl ist im Vergleich zu den hochqualifizierten Fachkräften, von denen 80 Prozent einer zeitlich unbegrenzten Arbeit nachgehen, eher niedrig.

Um geringqualifizierten Arbeitnehmern eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu bieten und ihnen eine Festanstellung zu ermöglichen, wurde unter Sozialminister Lodewijk Asscher (PvdA) das niederländische Gesetz Wet werk en zekerheid (WWZ) eingeführt, das im Jahr 2015 in Kraft trat. Das Gesetz sieht vor, dass ein Arbeitgeber nach zwei Jahren in einem befristeten Arbeitsverhältnis keinen weiteren befristeten Vertrag anbieten darf – wohl aber einen unbefristeten. Ob das WWZ nun aber dazu beigetragen hat, den Trend rund um befristete Arbeitsverträge zu stoppen, wird sich bald zeigen. Schließlich müssten die ersten Effekte dieses Gesetzes langsam sichtbar werden. Wenn man verschiedenen Experten glauben schenken kann, ist allerdings fast niemand mehr davon überzeugt, dass dadurch die Anzahl der Festanstellungen steigen werde. Arbeitgeber fordern jetzt, dass die Regelung, kranke Mitarbeiter über einen Zeitraum von maximal zwei Jahren durchbezahlen zu müssen, angepasst werden muss. Schließlich sei diese Tatsache für viele Betriebe ein Grund, Festanstellungen möglichst zu vermeiden, so niederländische Arbeitgeberverbände. Niederländische Gewerkschaften fordern hingegen die gleichen Unkosten für Arbeitnehmer mit befristeten und unbefristeten Verträgen, wie zum Beispiel eine transitievergoeding – eine Vergütung, die nach einer Kündigung einen finanziell reibungslosen Übergang zu einer nachfolgenden Arbeitsstelle ermöglichen soll. Des Weiteren fordern Gewerkschaften eine Regelung, die Unternehmen mit prozentual vielen festangestellten Mitarbeitern mit Steuererleichterungen oder Prämien honoriert.