Nachrichten Mai 2017


GESUNDHEIT: 12-jähriger Junge darf Chemotherapie verweigern

Alkmaar. EF/VK/NRC/Trouw. 15. Mai 2017.

Der 12-järige David aus Noord-Holland leidet an einem Gehirntumor, lehnt aber eine Chemotherapie zur Heilung ab. Doch kann ein Kind die Behandlung einer lebensbedrohlichen Krankheit einfach verweigern? Auch dann, wenn der Vater diese Behandlung einfordert? Ja, urteilte ein Richter in Alkmaar am Freitag.

Immer wieder liest man in den Zeitungen von schwer erkrankten Kindern, für die das Krankenhaus ein zweites Zuhause geworden ist. Es handelt sich um Kinder, die noch sehr jung sind, täglich um ihr Leben kämpfen und letztendlich einsehen müssen, dass das Ende immer näher rückt. Kinder, die an Krebs erkrankt sind, führen ein Leben, welches sich gesunde Gleichaltrige nicht einmal vorstellen können. Doch inwiefern prägt diese Lebenserfahrung das Urteilsvermögen eines Kindes?

In den Niederlanden gelten Kinder ab einem Alter von 12 Jahren als komplett zurechnungsfähig. Sie können einen Ausweis beantragen und für eine Straftat verurteilt werden. Außerdem dürfen sie über ihre medizinischen Behandlungen mitbestimmen. Ihre Stimme erhält nun rechtlich mehr Gewicht als zuvor. Doch wie ist es, wenn sich ein Teenager weigert, sich einer lebensrettenden Behandlung zu unterziehen? Im Falle des 12-jährigen Davids musste ein Richter darüber entscheiden, ob der Wille des Jungen anerkannt wird oder nicht.

David wurde bereits operiert, bestrahlt und hat sich einer Chemotherapie unterzogen. Ohne eine Fortsetzung der Behandlung habe er laut des Academisch Medisch Centrum (AMC) in Amsterdam eine 50-prozentige Überlebenswahrscheinlichkeit. Mit einer weiteren, mehrwöchigen Chemotherapie, könne sich seine Chance, zu überleben, um 25 bis 30 Prozent erhöhen. Doch der Junge verweigert eine Folgebehandlung – und das ist laut Gesetz in diesem Alter erlaubt. Er fürchtet schwere Nebenwirkungen wie Übelkeit und weitere Schädigungen seines Immunsystem sowie seines Hör- und Sehvermögens. Laut Aussagen seiner Mutter verfüge der Junge nur noch über 5 Prozent Sehkraft. Daher möchte er nun die Blindenschrift erlernen und habe Angst, dass die Chemotherapie das Gefühl in seinen Fingern angreifen könnte.

Davids Vater ist diesbezüglich jedoch anderer Meinung. Er glaubt, sein Sohn stünde unter dem Einfluss seiner Exfrau, die in alternativen Heilmethoden größeres Potenzial sieht. Sie vertraue eher natürlichen statt schulmedizinischen Heilmitteln. Außerdem sehe er widersprüchliche Signale in den Aussagen seines Sohnes. Schließlich wolle David auf der einen Seite nicht mehr gegen seine Krankheit ankämpfen, mache aber auf der anderen Seite Pläne für die Zukunft. Am Ende entschied ein Richter in Alkmaar, dass der Wunsch des Jungen respektiert werden müsse. Bereits im März erstellte ein Psychiater ein Gutachten bezüglich der Zurechnungsfähigkeit des Jungen und stellte fest, dass David in der Lage sei, die Folgen seines Handelns abzuwägen und seine Entscheidung diesbezüglich selbst zu treffen.

Obwohl dieser Fall ungewöhnlich klingt, ist er nicht einzigartig. In den letzten Jahren haben Richter schon öfters den Willen von ernsthaft erkrankten Minderjährigen akzeptieren müssen, denn laut Gesetz sind Kinder, die mindestens 12 Jahre alt sind, immerhin alt genug, um derartige Entscheidungen selbst zu treffen. Allerdings werden auch hier psychiatrische Gutachten hinzugezogen. So kam es, dass ein 15-jähriger Junge aus Amsterdam, der ebenfalls an einem Hirntumor litt, nach einem Berufungsverfahren Recht bekam, da er laut Psychiater als zurechnungsfähig gelte. Ein 12-jähriger Krebspatient aus Den Haag allerdings musste sich den Behandlungen unterziehen, da er laut psychiatrischem Gutachten nicht in der Lage gewesen sei, seine Optionen ausreichend abzuwägen, um die Frage nach seiner weiteren Behandlung wohlüberlegt zu beantworten.

„Es kommt nur selten vor, dass sich Eltern und Kinder über eine tiefgreifende Behandlung oder über das Aussetzen einer Behandlung uneinig sind“, so Paul Brand, Kinderarzt des Isala-Krankenhauses in Zwolle. Darüber hinaus werden solche Entscheidungen auch nicht leichtfertig gefällt, sagt der Kinderarzt Hugo Heymans, ehemaliger Direktor des Emma-Kinderkrankenhauses. Der Satz ‚Ich will das nicht mehr‘, formt den Abschluss eines Monate, wenn nicht sogar Jahre andauernden Leidensweges, auf dem der behandelnde Arzt sowohl das Kind als auch seine Eltern allmählich kennengelernt hat.

Im Endeffekt ist es der Arzt, der beurteilen muss, inwiefern die Aussagen der Kinder mit berücksichtigt werden. Dieses Urteil lässt sich aber nur schwer aufgrund objektiver Fakten fällen. Meistens handelt es sich um eine gefühlsbasierte Entscheidung. „Ich versuche, herauszufinden, ob ein Kind sorgfältig über die Vor- und Nachteile nachgedacht hat und wie tiefgreifend dieser Wunsch von einem Kind empfunden wird. Man muss sicherstellen, dass ein Kind sagt: „Das ist es, was ich will“. Aber es gehören auch Argumente dazu“, so Brand. Der Kinderlungenarzt Kors van der Ent ist der Meinung, dass niemand wirklich wissen kann, ob ein Kind sich darüber im Klaren ist, was es eigentlich will. Kein Mensch könne ihm zufolge objektiv sein, auch ein Arzt nicht. Aber wenn man alle subjektiven Gefühle des ganzen Teams, welches mit dem Kind zu tun habe, zusammennehme, gemeinsam mit den Eltern darüber rede und dem Kind gut zuhöre, dann käme man so nah wie möglich an eine objektive Entscheidung heran. Ob diese jedoch richtig sei, könne man niemals mit Sicherheit sagen.

Bei Vorfällen wie diesen stellen sich Experten immer wieder die Frage, ob ein schwerkrankes Kind erst ein Alter von 12 Jahren erreicht haben muss, bevor Ärzte seine Meinung mit einbeziehen dürfen. Natürlich nicht, sagen Kinderärzte. Die Altersgrenze sei vollkommen willkürlich. Schließlich hantieren andere Länder wie selbstverständlich mit völlig anderen Altersgrenzen: 14 Jahre in Portugal und in Deutschland und 15 Jahre in Dänemark. „Das juristische System fordert einen Eichpunkt. Darüber gibt es allerdings viele Diskussionen“, so Eduard Verhagen, Professor für Kinderheilkunde an der UMCG in Groningen und Direktor des Beatrix-Krankenhauses. Gerade im Bereich der Euthanasie gibt es immer wieder viele Diskussionen darüber, ob ein erkranktes Kind im Laufe seines Leidensweges genügend Reife gewinnen konnte, um diesbezügliche Entscheidungen wohlüberlegt zu treffen. Im Grunde genommen ist nur eines gewiss und zwar, dass schwerkranke Kinder ein Stück ihrer Kindheit verlieren.