Nachrichten Mai 2017


GESELLSCHAFT: Mit dem Internet zurück in die Steinzeit - 143 Frauen gegen den Onlinesexismus von Geenstijl

Amsterdam. SB/VK/NOS/NRC. 10. Mai 2017.

Am Ende der vergangenen Woche haben die überregional erscheinenden Tageszeitungen de Volkskrant und  NRC Handelsblad einen Aufruf von 143 medienschaffenden Frauen veröffentlicht. Darin wenden sich die Frauen gegen den Weblog Geenstijl und die dazugehörige Medienwebsite Dumpert, die in den letzten Jahren immer wieder wegen stark frauenfeindlichen, rassistischen und homophoben Inhalten aufgefallen sind. Die Unterzeichnerinnen wendeten sich in ihrem Appel direkt an Firmen, die sich überlegen sollten, ob sie auf einer solchen Website inserieren wollen. Anlass war ein nahezu unfassbarer Aufruf von Geenstijl an seine User.

„Ich würde sie quer durch alle Löcher vögeln. Schön langsam vollpumpen. Um danach ihren Mund knallhart über meinen knüppelharten Schwanz zu ziehen. Ihren Kopf hart drücken. Würgend bekommt sie mein warmes Sperma. Hmm.“
Es sind Kommentare wie diese, die massenhaft unter dem Foto der Volkskrant Journalistin Loes Rijmer stehen, die bereits im März nach einem kritischen Bericht über Nacktfotoskandale  zur Zielscheibe vom Weblog GeenStij wurde. Unter dem Foto hat Geenstijl die Frage gepostet: „Würdest du sie nehmen?“ (Zou u haar doen“?) und an die Frage die Aufforderung an seine User verknüpft darunter gerne nur mit sexistischen „Komplimenten“ zu antworten. Keiner dieser Kommentare wurde von den Betreibern entfernt.

Seit 14 Jahren gibt es Geenstijl. Die Macher haben es sich auf die Fahnen geschrieben, die „political correctnes“, die manch einem heute als Schimpfwort gilt, mutwillig zu überschreiten. Geenstijl heißt übersetzt kein Stil. Aber mit dieser Aktion überschreitet Geenstijl mehr als nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch klar juristische Grenzen. „Der Aufruf ist offensichtlich ein Einbruch in die Privatsphäre von Reijmer“, sagt der Medienanwalt Christiaan Alberdingk Thijm von bureau Brandeis. Außerdem seien ihr guter Ruf und ihre Ehre mutwillig in den Dreck gezogen worden und das, so der Jurist weiter, sei strafbar. Deswegen findet er auch die gesellschaftliche Aufregung, die mittlerweile rund um die Affäre ausgebrochen ist, völlig gerechtfertigt.

143 Frauen hatten diese endgültige Grenzüberschreitung von Geenstijl und der Videoplattform Dumpert als Gelegneheit am Freitag beim Schopf gepackt und einen Aufruf gestartet, der sich vor allem an Firmen richtet, die auf den fraglichen Websites Werbung geschaltet haben. Geenstijl gehört zur Telegraaf Media Groep, einer der größten Medienanstalten in den Niederlanden. In ihrem Apell kritisieren die Unterzeichnerinnen, dass die TMG sich in den letzten Jahren anscheinend nicht für publizierte Inhalte verantwortlich gefühlt habe und drückten gleichzeitig ihre Hoffnung aus, dass sich das nun mit dem neuen Eigentümer, dem Vlaamse Mediahaus (Lesen Sie hier mehr über das Mediahuis), ändert. Geenstijl hat der Volkskrant zu folge fast zwei Millionen einmalige Besucher im Monat und 88 Followers auf Twitter. Damit sei die Seite ein nicht zu unterschätzender Player in der öffentlichen Arena. Das erklärt auch den Umstand, warum sich unter den Inserenten große Namen finden. So haben beispielsweise McDonalds, ANWB, Rabobank, Jumbo, Bol.com und sogar staatliche Einrichtungen wie das Finanzamt hier schon inseriert. Und das möglicherweise, so ist es in dem Aufruf zu lesen, ohne es selbst zu wissen: „Vielleicht wissen Sie nicht einmal, dass sie mit einem Banner auf dieser Webseite stehen. Sie beauftragen eine Medienagentur für Sie eine Annonce zu schalten und diese Wählen dann die Seite mit der größten Reichweite unter der Zielgruppe aus.

Die öffentliche Warnung stößt bei Geenstijl auf großen Wiederstand. Die Betreiber empfinden die Aktion von Volkskrant und dem NRC Handelsblatt als Beschneidung der Redefreiheit. Die Kolumnistin und ehemalige Geenstijl Redakteurin Annabel Nanninga, sagte: „Geenstijl ist ihnen schon 14 Jahre lang ein Dorn im Auge und muss zerstört werden. Dieses Mal mit ‚Sexismus‘ als Entschuldigung.“ Tatsächlich werden die Redakteure von Geenstijl mittlerweile von einigen als Hüter der freien Meinungsäußerung gesehen.

Am Wochenende hatten sich die Ministerinnen Bussemaker (Bildung) und Schultz van Haegen (Infrastruktur) positiv über den Aufruf in den Zeitungen geäußert. Sie gaben an, dass auch sie den Apell unterschrieben hätten, wenn sie darum gebeten worden wären. Auch einige Firmen haben bereits auf den Eklat reagiert und ihre Anzeigen zurückgezogen. Das Verteidigungsministerium hatte Breits Ende vergangener Woche beschlossen, die Anzeigen vorerst auszusetzen. Gestern hatte Lodeewijk Asscher in der Tweede Kamer angekündigt, dass auch das Finanzamt jetzt keine Inserate mehr dort schalte: „Das Amt hat in diesem Moment kein Bedürfnis danach auf dieser Seite zu inserieren. Nicht so sehr wegen des generellen sexistischen Charakters, sondern wegen des Grenzen verletzenden Aufrufes bezüglich der Volkskrant-Journalistin.“
Die PVV ist der Meinung, dass der Staat mit diesem Schritt viel zu weit geht. „Grachtengürtelfeminismus, linke Menschen, die eine Abneigung gegen Freiheit haben, wollen eine politisch unkorrekte Seite zerstören“, sagte Kamerabgeordneter Martin Bosma. Er präsentierte auch Beispiele. So zeigte er ein Foto vom „schönsten Po Brasiliens“ einst veröffentlicht im NRC Handelsblad und fragte: „Wo liegt die Grenze? Welcher Medienbetrieb muss weg und welcher darf bleiben?“ Minister Asscher (PvdA) sah das allerdings anders: „Die freie Meinungsäußerung wäre in Gefahr, wenn ich bestimmen würde, ob Pobacken abgebildet werden dürfen, oder nicht. Der Staat muss sich unbedingt zurückhalten beim Verbieten oder unmöglich machen von unliebsamen Meinungen. Die Freiheit der Meinungsäußerung soll zu allererst ein Schutz vor dem Staat sein. Aber du darfst als Staat durchaus darüber nachdenken, ob du in einem bestimmten Kotext inserieren willst. Die freie Meinungsäußerung beinhaltet keine Pflicht alle Meinungen durch Inserate zu finanzieren.

Die Diskussion in der Tweede Kamer lässt erahnen, dass die Affäre bereits auf einem höheren gesellschaftlichen Niveau angelangt ist. Es geht unter anderem darum, Wege zu finden, wie man auch im Internet gegen Sexismus vorgehen kann und wie man durch Einschüchterungen und Aktionen wie die von Geenstijl verhindern kann, dass sich Journalisten und Journalistinnen aus Furcht zunehmend selbst zensieren.