Nachrichten Mai 2017


GESELLSCHAFT: Protest rund um die Dodenherdenking

Amsterdam. EF/Trouw/NRC/VK. 04. Mai 2017.

Mit 3.000 weißen Papierkreuzen möchte der Amsterdamer Pastor und Menschenrechtler Rikko Voorberg heute am 04. Mai am Amsterdamer Rembrandtplein während des niederländischen Gedenktages, der nationalen Dodenherdenking, auch den Flüchtlingen, die auf ihrer Reise nach Europa umgekommen sind, gedenken. Damit stößt Voorberg allerdings auf jede Menge Protest.

Die nationale Dodenherdenking ist ein niederländischer Gedenktag für die niederländischen Opfer des Zweiten Weltkrieges.  Seit 1961 werden auch andere niederländische Kriegsopfer, die seit Beginn des Zweiten Weltkrieges umgekommen sind, mit in das Gedenken eingeschlossen. Im Rahmen dieses Gedenktages, der jedes Jahr am 04. Mai stattfindet, werden neben einer Gedenkfeier beim Nationalmonument auf dem Dam in Amsterdam zwei Schweigeminuten gehalten, die den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges gewidmet sind.

Die Idee zu dieser alternativen Auslegung des Gedenktages stammt von dem 36-jährigen Rikko Voorberg, einem Pastor und Menschenrechtler aus Amsterdam. Er selbst habe die aktuelle Notlage der Flüchtlinge mit eigenen Augen gesehen. Ebenso den Stacheldraht, mit dem man versuche, die Flüchtlinge von Europa abzuschotten. Durch den europäischen Umgang mit der Flüchtlingskrise, der vielen Flüchtlingen die Einreise nach Europa erschwere, fühle er sich mitverantwortlich für die Opfer, die auf ihrem Weg nach Europa gestorben sind.

Besonders viel Kritik erhält Voorberg seitens der Stiftung Cidi (Centrum voor Informatie en Documentatie Israël), einer Organisation, die von der jüdischen Gemeinschaft gegründet wurde. Die Mitglieder dieser Organisation sprechen sich eindeutig gegen eine Erweiterung des Gedenktages aus. Die Flüchtlingskrise gehöre schließlich nicht zum Zweiten Weltkrieg. Voorberg jedoch ist da anderer Meinung. Er habe nicht die Absicht, den Gedenktag auszuweiten. Ganz im Gegenteil. Das Flüchtlingsabkommen, mit welchem sich die verschiedenen Staaten aktuell stark auseinandersetzen,  entstand als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg. In seinen Augen gebe es eine direkte Verbindung zwischen den Opfern des Nationalsozialismus und den Menschen, die bei der Reise nach Europa ums Leben gekommen sind. In unserer heutigen Situation gehe es schließlich auch um den Umgang mit Menschen, die Frage nach Freiheit und die Verantwortlichkeit, die jeder einzelne in diesem Zusammenhang trägt. Seine Initiative richtet sich vor allem auf eine bestimmte Aussage, die nach dem Ende Zweiten Weltkrieg überall zu hören war: „Nie wieder!"

Dieser Gedanke trägt laut Voorberg einen Appell in sich. Man müsse sich nicht nur an die Geschehnisse, die sich damals zugetragen haben, erinnern, sondern auch zukünftig verantwortungsvoll mit diesen Erinnerungen umgehen und entsprechend handeln. Ein Gedenktag ist für Voorberg nicht nur passiv, sondern hat auch eine aktive Komponente. Dazu gehöre auch, dass man aktuelle Anlässe wie die Flüchtlingskrise mit in diesen Gedenktag einfließen lässt. Andere Initiatoren, die ein Gedenken an die umgekommenen Flüchtlinge am 04. Mai für richtig halten, sehen die Verbindung zu diesem Trauertag darin, dass die Menschen auf dem Weg in die Freiheit, von der die Niederlande bereits seit Ende des Zweiten Weltkrieges profitieren, verstorben sind.      

Für Jacques Grishaver, den Vorsitzenden des niederländischen Ausschwitz-Komitees, ist diese Initiative absolut unangebracht. „Die zwei Minuten am 04. Mai sind mir heilig. Der Gedanke, dass jemand versucht, Menschen von der Gedenkfeier auf dem Dam, in der Hollandsche Schouwburg, in der Apollohalle abzuwerben, damit kann ich nicht umgehen. Ich würde sagen, macht das am 02. Mai oder am 07. Mai”, so Grishaver. Für ihn sind die Opfer des Zweiten Weltkrieges absolut nicht mit den Opfern unter den Flüchtlingen vergleichbar. „Die Menschen, die zwischen 1940 und 1945 gefallen sind, erschossen oder vergast wurden, hatten keine einzige Chance. Menschen, die flüchten, haben diese schon. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es sind menschenunwürdige Zustände, in denen sie sich befinden. Wir müssen alles tun, um diesen Menschen zu helfen, aber man kann das nicht mit dem Holocaust vergleichen.“ 

Jisca Cohen, Redakteurin der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad, die selbst jüdische Vorfahren hat, vertritt eine ähnliche Ansicht. Zwar ist sie wie Voorberg der Meinung, dass man den umgekommenen Flüchtlingen einen Gedenktag zugestehen müsse, hält den 04. Mai aber auch für unangebracht. Voorberg aber ist der Meinung, dass sich gerade dieser bereits existierende Gedenktag, an dem bereits getrauert wird, besonders eignet. „Am 04. Mai trauern wir um jeden, der an unseren Grenzen stirbt.“ Trotz seiner deutlich formulierten Meinung, kann Voorberg seine Kritiker durchaus verstehen. Die Niederländer haben ihm zufolge Angst, den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs werde nicht mehr genug Aufmerksamkeit zuteil. Außerdem befürchten einige, dass Flüchtlinge die Freiheit der Niederländer gefährden könnten. Er ist allerdings der Auffassung, Freiheit sei ein Privileg, welches man mit anderen teilen muss. 

Nach reiflichen Überlegungen schien es zunächst so, als wolle Voorberg trotz aller Kritiken eine alternative Zusammenkunft zum Gedenken an die Opfer der Flüchtlingskrise abhalten. „Wir wollen die Gedenkfeier auf dem Dam in Amsterdam nicht missbrauchen. Wir werden nicht dort stehen und schreien. Wir sind einfach an einem anderen Ort still“, so Voorberg. Da der Rembrandtplein, auf dem die Gedenkfeier für Flüchtlinge stattfinden sollte, auf der Route des Schweigemarsches liegt, verlegte der Amsterdamer Bürgermeister Eberhard van der Laan (PvdA) sie aus Angst vor Unruhen und Tumulten auf den Nieuwmarkt.

Trotz aller Bemühungen seitens Voorberg wurde die Gedenkfeier für Flüchtlinge heute Vormittag vollständig abgesagt. Das bestätigte auch Voorberg selbst. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er: „Da böse Worte langsam zu bösen Taten übergingen, haben wir beschlossen, mit Schmerzen in unseren Herzen, unsere Initiative einzustellen.“ Obwohl sich die Kritiker letztendlich durchsetzen konnten, die Schweigeminuten allein für die niederländischen Opfer des Nationalsozialismus zu nutzen, werden vermutlich auch die Flüchtlinge durch den Medienhype in den Köpfen der gedenkenden Menschen kursieren.