Nachrichten Mai 2017


GESELLSCHAFT: Warum die Niederländer am Tag der Arbeit arbeiten müssen

Amsterdam. SB/VK/TROUW/NRC. 02. Mai 2017.

Die Börse in Amsterdam bleibt geschlossen und die Einkaufsstraßen in der Grenzregion sind voller als gewöhnlich. Höchstens daran merkt man, dass in den Niederlanden 1. Mai ist. Der Tag der Arbeit ist bei unseren Nachbarn nämlich kein bezahlter Feiertag, sowie in vielen andern Ländern der Welt. Auch sonst haben die Niederländer vergleichsweise wenig Feiertage. Allerdings wird, wie jedes Jahr, wenn sich das Ende des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden jährt, die Diskussion darüber wieder laut, den „Bevrijdingsdag“ am 5. Mai, zu einem nationalen und freien Feiertag zu erklären.

Während in Deutschland viele dem Ruf der Gewerkschaften zu Massenkundgebungen gefolgt sind und mit Spruchbannern in den Händen dem Nieselregen trotzen, Protestzüge nicht selten in Gewalt ausarten und in Hamburg und Berlin gar Autos brennen, geht in den Niederlanden alles seinen gewohnten Gang. In Amsterdam organisiert der FNV, der größte niederländische Gewerkschaftsbund, zwar am 1. Mai traditionell eine Kundgebung, aber Szenen, wie sie sich in Deutschland oder Frankreich am 1. Mai abspielen, kennen unsere westlichen Nachbarn nicht. In den Niederlanden hat der Tag der Arbeit weder als Kampf- noch als Feiertag je eine herausragende Rolle gespielt.

Seinen Ursprung hat der 1. Mai in den USA, wo die Gewerkschaften den Arbeitgebern im Jahr 1885 ein Ultimatum auferlegten. Bis zum 1. Mai 1886 sollten diese den 8 Stunden Arbeitstag einführen. Den 1. Mai hatten die Gewerkschaften deswegen gewählt, weil an diesem Tag in den Vereinigten Staaten traditionell die Arbeitsverträge erneuert wurden. Das Ultimatum lief ohne Reaktion der Arbeitgeber ab. Aus Protest darüber gingen in Chicago massenweise Arbeiter auf die Straße. Es kam zu blutigen Aufständen, in dessen Folge viele Menschen starben. Ab 1889, so erklärt der an der Universität Leiden beschäftigte Experte für die Geschichte des Sozialismus Dennis Bos, griffen die europäischen Sozialisten diesen Tag auf, um für dasselbe Ziel zu kämpfen.

Die blutigen Hintergründe sind heute längst nicht mehr allen bekannt. Auch in Deutschland macht sich ein großer Teil der Gesellschaft nichts aus dem traditionsreichen Tag. Öffentliche Parks sind voll mit feiernden Jugendlichen und andere genießen einfach nur ihren freien Tag. In den Niederlanden ist das geschichtliche Bewusstsein für den Tag der Arbeit allerdings noch unausgeprägter, vor allem weil diesem Tag hier kaum Bedeutung beigemessen wird. Aber wie kommt es, dass der 1. Mai den Niederländern so wenig bedeutet?
Zum Verständnis hilft ein Blick in die Vergangenheit. In den Niederlanden gab es kaum echte harte Konfrontationen zwischen den Gewerkschaften und dem Staat. Die Geschichte der kommunistischen und sozialistischen Parteien kannte in Ländern wie Frankreich und Russland viel mehr Opfer, wohingegen in den Niederlanden die Neigung zum „poldern“ viele Gegensätze friedlich auflöste.

Trotzdem der sowieso schon mangelnden Tradition konstatiert Dennis Bos, dass der 1. Mai in den letzten Jahren in den Niederlanden noch mehr an Bedeutung verloren habe. Das liege vor allem am Niedergang der großen Gewerkschaften und der Abkehr von den ideologischen Wurzeln der PvdA in den 90er Jahren.
Zwar organisieren fast alle lokalen Zweigstellen der Sozialdemokratischen Partei noch Feiern zum Tag der Arbeit, aber wenn in Utrecht der Chor „Stem des Volkes“, einem der letzten Arbeiter-Gesangsvereine, „die Internationale“ gesungen wird, müssen vorher Liedtexte verteilt werden: „Es ist ein bisschen wie bei Het Wilhelmus. Man sieht zwar, dass sich die Münder mitbewegen, aber ich weiß nicht wie viele Leute den Text eigentlich wirklich noch kennen.“, so der Chorleiter Ries Adriaansen. Selbst bei der sozialistischen SP ist der Tag der Arbeit kein großes Thema. In Amsterdam läuft die lokale Abteilung zwar mit bei der Gewerkschaftskundgebung, aber in den meisten anderen Zweigstellen passiert nichts. Immerhin haben die Abgeordneten der SP am Tag der Arbeit, wie übrigens auch die Beamten frei. Der Rest muss arbeiten gehen.

Wie sich der 1. Mai in den Niederlanden weiterentwickelt, bleibt nach Bos abzuwarten. Er selbst beobachte zurzeit mehr Aktivismus unter den Jüngeren: „Es könnte durchaus auf einmal eine neue, große Bewegung entstehen.“ Und immerhin: „Aktivisten stehen darauf, historische Bezüge herzustellen.“

Anscheinend schauen viele Niederländer mit Neid auf die Länder, in denen der 1. Mai ein bezahlter Feiertag ist, denn in großen Tageszeitungen wie der Volkskrant wurde sogleich die Frage aufgeworfen, wie viele Feiertage die Niederlande im Vergleich zu anderen Ländern eigentlich haben. Und es zeigte sich, die Niederländer stehen auf der Liste der offiziellen Feiertage mit nur 8 freien Tage im Vergleich zu anderen Europäern sehr weit untern. In Deutschland sind es 9, in Frankreich 11 und bei Spitzenreiter Schweden sogar 14. Auch was die Mindestzahl der gesetzlichen Urlaubstage betrifft, landen die Niederländer mit 20 Tagen weit hinten. Auch in Deutschland gibt es nur 20, in Schweden, Frankreich und Portugal aber sind es aber beispielsweise 25 vorgeschriebene Urlaubstage.

Und wenn die Niederländer doch mal einen ihrer raren Feiertage haben, dann sind diese bis auf den KoningsdagKönigstag und dem Neujahrstag allesamt christlich geprägt. 70 Prozent der Niederländer allerdings würden ihre Feiertagsbilanz gerne um einen weiteren weltlichen Feiertag ergänzen. Gemeint ist der Bevrijdingsdag am 5. Mai, an dem die Niederländer traditionell die Befreiung aus der deutschen Besatzung feiern. Seit 1990 ist der Bevrijdingsdag zwar ein nationaler Feiertag, aber eben kein verpflichtend freier Tag. In vielen Arbeitsverträgen ist festgelegt, dass alle 5 Jahre am Bevrijdingsdag ein freier Tag für den Arbeitnehmer ist, aber wenn es nach Gerdi Verbeet, der Vorsitzenden des Komitees zum 4. und 5. Mai geht, reicht das nicht aus. Sie meint, ein solcher Tag würde sich anbieten, um sich dem demokratischen Rechtsstaat bewusst zu werden und zu erkennen, wie wertvoll dieser ist. Auch die Soziologin Sabrina de Regt von der Uni Utrecht denkt, dass dem Bevrijdingsdag so mehr Bedeutung verliehen werden könne: „Jetzt ist es widersprüchlich. Der 5. Mai ist ein nationaler Feiertag, ergo die findet der Staat diesen Tag wichtig, aber dann wieder nicht wichtig genug, um den Menschen jedes Jahr freizugeben.“ Und auch, wenn die Menschen nur zu den überall im Land stattfindenden „Befreiungsfestivals“ gingen, um Musik zu hören und Spaß zu haben, wäre das gut, denn immerhin: „Dreiviertel der Befragten gaben an, sich während eines solchen Festivals mit Freiheit zu beschäftigen. Bereits seit 36 Jahren liegt der Tweede Kamer ein Antrag vor, den 5. Mai zu einem freien Tag zu erklären. Ob der Antrag jemals tatsächlich behandelt wird, bleibt wohl abzuwarten.