Nachrichten Mai 2017


INFRASTRUKTUR: Wird das Tempolimit in den Niederlanden bald weiter gedrosselt?

Den Haag. EF/VK/NRC/Trouw. 02. Mai 2017.

Die Niederlande waren bislang bezüglich ihrer Verkehrssicherheit eines der sichersten Länder der EU. Damit befinden sich die Niederlande zwar noch immer in den Top Ten der verkehrssichersten EU-Mitgliedstaaten, der Abwärtstrend der jährlichen Verkehrstoten ist jedoch vorbei. Bereits seit zwei Jahren nimmt die Anzahl der Verkehrstoten zu. Das gilt im Besonderen für die Provinzen Zeeland, Drenthe und Noord-Brabant. Nun fordern Experten neue Maßnahmen, um den Unfällen entgegenzuwirken. Dabei spielt das Tempolimit eine große Rolle. 

Im letzten Jahr verzeichneten die Niederlande insgesamt 629 Verkehrstote – 8 mehr als noch im Jahr 2015. Darunter fallen 231 Autofahrer, 189 Fahrradfahrer, 51 Fußgänger, 45 Motorradfahrer, 41 Moped- und Mofafahrer und 38 Rollerfahrer. Der bislang stetige Rückgang der Todesopfer, der in den Niederlanden bereits seit 40 Jahren kursiert, hat damit sein Ende gefunden. Zum ersten Mal hat das CBS, das die Anzahl der Verkehrstoten seit 1996 aufzeichnet, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren einen Anstieg feststellen müssen. Im Jahr 2015 nahm die Anzahl der Opfer im Vergleich zum Vorjahr sogar um 51 Personen zu.

Wenn dieser Trend anhält, wird die Regierung ihre Pläne für 2020 stark abändern müssen. Vor rund einem Jahr schrieb Melanie Schultz van Haegen (VVD), die niederländische Ministerin für Verkehr und Infrastruktur, in einem Brief an die Tweede Kamer, dass die Anzahl der Verkehrstoten bis 2020 auf 500 reduziert werden müsse.

Um die hohe Anzahl der Verkehrstoten zu minimieren, wurden bereits viele einfach umzusetzende Maßnahmen ergriffen: Die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit, das Verbot von Alkohol am Steuer, der Sicherheitsgurt und der Airbag haben in den vergangenen Jahren die Anzahl der Todesopfer bereits drastisch reduziert. Schließlich musste man in den 1970er Jahren mit rund 3.000 Verkehrstoten rechnen. Nun aber ist die Anzahl wieder gestiegen. Um weiteren Verkehrsunfällen vorzubeugen, fordern Experten nun neue Gegenmaßnahmen.

Zu diesen Maßnahmen gehört in jedem Fall, da sind sich diverse Professoren für Infrastruktur einig, das Herabsetzen der Höchstgeschwindigkeit. Dies gilt insbesondere für Landstraßen, die mit 80 km/h befahren werden dürfen. Hierbei handelt es sich meist um zweispurige Straßen – eine Fahrspur in jede Richtung. Entgegenkommende passieren sich dementsprechend mit 80 km/h oder 100 km/h. Ein Fehler bei einem Überholmanöver kann in diesem Fall schnell tödlich enden. Das gleiche gilt auch für einen Zusammenstoß mit einem Baum. Bei einer hohen Geschwindigkeit ist die Überlebenschance sehr gering. Bert van Wee, Professor für Verkehrspolitik in Delft, weist darauf hin, dass ein großer Geschwindigkeitsunterschied zum Problem werden kann. Bei einer Geschwindigkeit von 130 km/h, wie sie auf Autobahnen erlaubt sind, ist die Chance, einen Fahrfehler zu machen, größer als bei einem geringeren Tempo – vor allem, da sich auf Autobahnen auch LKWs befinden, die sich mit 80 km/h fortbewegen. Je höher der Geschwindigkeitsunterschied, desto schwerwiegender kann ein Zusammenstoß werden. Neben den Landstraßen und Autobahnen können auch Straßen, die sich Fahrrad- und Autofahrer teilen müssen bzw. auf denen sich ihre Wege kreuzen, zum Verhängnis werden. Um die Gefahr zu verringern, wäre eine Herabsetzung des Tempolimits eine gute Option. Experten sprechen davon, die Höchstgeschwindigkeit innerorts auf 30 km/h zu reduzieren. Auf Landstraßen wären ihnen zufolge 60 km/h angemessen.

Großen Handlungsbedarf sieht Van Wee im Anlegen und in der Instandhaltung von Fahrradwegen. Die meisten Todesfälle bei Fahrradunfällen resultieren aus Problemen in der Infrastruktur. Dazu gehören unerwartete Pfosten, Löcher im Asphalt oder auch sehr weicher Boden oder Grünstreifen. Radfahrer brauchen, so Van Wee, eine eigene Fahrspur. Darüber hinaus hält er auch eine strikte Trennung zwischen Fahrradwegen und Straßen für sehr sinnvoll.

Ein anderes Problem stellt neben den noch unsicheren Fahranfängern die ältere Bevölkerung im Straßenverkehr dar. Immer mehr Menschen, die über 65 Jahre alt sind, bewegen sich mit dem Auto fort. Doch wer älter wird, reagiert langsamer, ist nicht mehr so aufmerksam wie jüngere Generationen und hat immer mehr Schwierigkeiten mit dem Einschätzen von Situationen. Die Stiftung SWOV (Stichting Wetenschappelijk Onderzoek Verkeersveiligheid) warnt aber davor, diese Gruppe voreilig zu verurteilen. Aus den Zahlen sei nicht ersichtlich, dass ältere Menschen eine größere Gefahr für den Straßenverkehr seien, so Pressesprecher Patrick Rugebregt. Allerdings fallen die Überlebenschancen deutlich geringer aus, als bei jüngeren Menschen. Van Wee ist der Meinung, dass die Alterung der Bevölkerung durchaus zu unsicheren Situationen im Straßenverkehr führt und warnt im gleichen Atemzug vor älteren Fahrern von E-Bikes: „Diese bieten große Vorteile, haben aber auch größere Risiken beim Fahrradfahren zur Folge. Denn umso höher die Geschwindigkeit, desto gravierender die Folgen, wenn etwas schief geht.“

Karel Brookhuis, Professor für Verkehrspsycholgie an der Rijksuniversität Groningen, sieht ein großes Sicherheitsrisiko in dem Umgang von Verkehrsteilnehmern mit Smartphones. Man müsse Fahrradfahrern und Fahranfängern bewusst machen, wie schlecht man funktioniere, wenn man das Smartphone während des Fahrens gebraucht, so Brookhuis. Ein Verbot von Smartphones, wie es Schultz van Haegen vorgeschlagen hatte, mache ihm zufolge nur dann Sinn, wenn die Polizei dies auch kontrolliere. Darüber hinaus müsse die Polizei mehr Aufmerksamkeit auf die Überwachung des Straßenverkehrs richten und sich im Allgemeinen sichtbarer präsentieren. „Wer keine Polizei auf der Straße sieht und niemals angehalten wird, verhält sich weniger verantwortlich“, so Brookhuis.

Einen großen Fortschritt im Bereich der Verkehrssicherheit könne laut Ben Immers, Professor für Verkehr und Infrastruktur an der TU Delft und der KU Leuven, mit der Einführung von selbstfahrenden Autos erreicht werden. Schließlich könne man auf einer Straße mit einer maximalen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h nicht schneller 50 km/h fahren. Somit würde das Tempolimit von jedem Verkehrsteilnehmer eingehalten. „Trotz erfolgreicher Testfahrzeuge wurde es noch immer nicht eingeführt, so Immers, für den diese Technik nicht nur für Autos, sondern auch für getunte Roller bestens geeignet scheint.

Diese Maßnahmen könne man laut Van Wee durchaus umsetzen. „Über den Sicherheitsgurt und den Rollerhelm wurde anfangs auch gemeckert. Nun aber, nachdem wir sie eingeführt haben, möchten wir auch nicht mehr zurück.“ Es bleibt nun abzuwarten, inwieweit die Niederlande weiterhin agieren und ob wir uns demnächst an ein neues Tempolimit auf niederländischen Straßen gewöhnen müssen.