Nachrichten März 2017


WAHLKAMPF: Niederländische Politiker sind im Stemtrein auf der Suche nach jungen Wählern

Roosendaal. EF/Trouw/NRC/NOS. 09. März 2017.

Gestern Vormittag um 11.31 Uhr fuhr der Stemtrein am Bahnsteig 4b des Bahnhofs in Roosendaal ab. Ballons, Flaggen, Tontechnik und jede Menge Kameras wurden in das letzte Zugabteil gestopft. Vier Spitzenkandidaten sind der Reihe nach eingestiegen, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Alexander Pechtold (D66) war der erste. Das Ziel dieser Aktion ist es, den Kontakt zwischen jungen Menschen und Spitzenpolitikern herzustellen und sie auf diese Weise zum Wählen zu ermutigen. Schließlich ist die Wahlbeteiligung unter den jungen Menschen traditionell die geringste. Etwa 850.000 Menschen dürfen bei der diesjährigen Wahl der Tweede Kamer zum ersten Mal teilnehmen.

Vor rund einem Monat entstand auf Twitter die Idee, die Initiative des Stembus ins Leben zu rufen mit dem Ziel, so viele junge Menschen wie möglich davon zu überzeugen, am 15. März wählen zu gehen. Unter der Leitung von Tim Hofman (28), ein niederländischer Filmemacher der Rundfunkanstalt BNN-Vara, bildeten Video-Blogger, YouTuber und andere Menschen aus der Medienbranche ein Kollektiv. Innerhalb weniger Wochen hatten sie sowohl genügend Geld und Menschen zusammen als auch einen Bus, um damit an diversen Berufsschulen, den MBOs, und Hochschulen entlang zu fahren. Letztendlich wurde auch ein Zug organisiert, der einmalig von Roosendaal über Rotterdam, Den Haag, Leiden und Amsterdam nach Utrecht fahren sollte. Dafür reichte ein Anruf bei der niederländischen Eisenbahngesellschaft NS. 

Unter großem Applaus betrat Alexander Pechtold, Parteiführer der niederländischen Partei D66, gestern das überfüllte Zugabteil, in dem es vor jungen Menschen wimmelte. „Und ich hatte noch gehofft, dass jemand für die Älteren aufstehen würde!“,  sagte Pechtold. Als ein blondes Mädchen dies tun wollte, antwortete er rasch mit „Nein, nein!“ Im gesamten Zug gab es keinen einzigen freien Platz mehr. Kameraleute versuchten angestrengt, noch einen Platz zu erhaschen. Ein Angestellter des Zug-Catering fragte Pechtold, ob er Kaffee wolle und versuchte sich schließlich, ausgestattet mit Kaffee und Milch, einen Weg durch die Mengen zu bahnen.

Das Thema, über das die Zuginsassen mit Pechtold sprechen wollten, war vor allem das Thema Bildung. Denn wie könne es sein, dass die ‚Bildungspartei‘ die Grundförderung für Studenten abschaffen möchte und ein System befürwortet, in dem Studenten ihr Studium durch günstige, staatliche Kredite finanzieren? Pechtold, der seine Partei noch immer für die ‚Bildungspartei‘ hält, erklärte daraufhin, dass das Geld, das nun durch die Einführung des sogenannten leenstelsel zur Verfügung stehe, der Qualität der Ausbildung zugutekomme. Darüber hinaus habe man die zusätzlichen Beihilfen erweitert, wodurch jungen Menschen aus ärmeren Familien der Zugang zur Universität erleichtert werde. Die Angst vor Studienkrediten, die junge Menschen womöglich vom Studieren abhalten könnte, würde die Partei D66 dennoch weiterhin im Auge behalten, so Pechtold.

„Guten Tag! Wie läuft es hier?“ Am Bahnhof in Den Haag HS angekommen, gesellte sich auch Mark Rutte (VVD) dazu. In Anwesenheit der Spitzenkandidaten der VDD und D66 stellte plötzlich jemand die Frage, ob beide auch etwas Nettes über die jeweils andere Partei sagen könnten. Rutte äußerte daraufhin seine Bewunderung für die Standpunkte der D66 bezüglich der Organspende und der Sterbehilfe. Pechtold wiederum lobte das liberale Gedankengut der VVD. „Wie kaufe ich nach einem Studium ein Haus, wenn ich doch massenweise Schulden habe?“, fragte der Jurastudent Ibrahim El-Harbachi (24). Die VVD wolle Banken dazu anregen, bei der Bereitstellung von Hypotheken besser über die Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten junger Menschen nachzudenken, so Rutte. Pechtold nickte zustimmend.

Nur ein Viertel der Strecke fuhr der Premierminister mit dem Stemtrein mit. Am Hauptbahnhof in Leiden machten beide Politiker Platz für Marianne Thieme von der Partij voor de Dieren. Und auch Thieme wurde mit Fragen überhäuft. „Wir werden nicht als gleichwertige Gesprächspartner angesehen, wenn wir mit Politikern an einem Tisch sitzen.“, äußerte sich Jurastudent Claudius McGill (24) gegenüber Thieme. „Können wir kein Ministerium für die Angelegenheiten Jugendlicher gründen, um jungen Menschen eine Stimme zu geben?“. Thieme antwortete darauf, dass sie sicher darüber nachdenken werde, ob das eine Möglichkeit sei, um junge Menschen in die Politik mit einzubeziehen. Sie könne sich jetzt allerdings nicht dadurch beliebt machen, indem sie verspreche, dass so ein Ministerium kommen werde.

In Amsterdam nimmt der Spitzenkandidat der ChristenUnie Gert-Jan Segers den Platz von Thieme ein. Am Hauptbahnhof von Utrecht angekommen, verbleibt er noch eine halbe Stunde auf dem Bahnsteig, um Fragen junger Menschen zu beantworten. 

Vor allem die Zuginsassen, die zwischen den Haltestellen Roosendaal und Rotterdam im Stemtrein saßen, machten durchaus den Eindruck, in der kommenden Woche wählen gehen zu wollen. Sie waren darüber hinaus politisch auch sehr interessiert. Statt persönliche Fragen zu stellen, wurden echte politische Themen wie Bildung, Einwanderung und Klima besprochen. Pechtold (D66) wurde ab und zu von Hofman unterbrochen, der sicherstellen wollte, dass jeder verstehe, worum es geht. Pechtold jedoch gab sehr klare Antworten – als es um das leenstelsel ging, auch Antworten die nicht jeder hören wollte. Thieme (Partij voor de Dieren) bemerkte ebenfalls die vielen politikinteressierten Menschen. Sie hofft, dass diejenigen, die zuvor noch nicht wussten, ob sie überhaupt wählen gehen sollen, sich von diesem Enthusiasmus mitreißen lassen und am 15. März ihre Stimme abgeben. Das sei schließlich auch das Ziel dieser Initiative.

Am Ende der Zugfahrt ist Hofman sehr stolz über diese Aktion: „Wir setzen damit die Stimme der jungen Menschen auf die Tagesordnung. Und so kam es, dass selbst der Ministerpräsident heute Vormittag in unseren Zug gestiegen ist.“ Die jungen Menschen bekamen gestern die Chance, Politikern in die Augen zu blicken und ihnen ihre Probleme zu schildern und das sei laut Hofman sehr wichtig.