Nachrichten März 2017


BILDUNG: Schulabgänger aufgepasst - Dezentrale Selektion statt Losglück bei der Studienplatzvergabe

Den Haag. SB/NOS/VK. 01. März 2017.

Seit einigen Jahren schon zieht es deutsche Schulabgänger zum Studieren in großer Zahl in die Niederlande. Kein Wunder, denn wo in Deutschland häufig die Abiturnote über die Studienplatzvergabe entscheidet, durfte man in den Niederlanden auf Losglück hoffen. Seit diesem Jahr hat sich das Prozedere bei unserem Nachbarn allerdings fundamental verändert. Statt einer zentral organisierten Auslosung, gibt es nun eine dezentrale Selektion, in der jede Uni ihre eigenen Vorgaben machen kann.

Numerus Fixus, so nennt man es in den Niederlanden, wenn es mehr Bewerber als Studienplätze gibt. Das kommt, wie in Deutschland auch, recht häufig vor. Vor allem bei beliebten Studiengängen wie beispielsweise Medizin und Psychologie. Anders als in Deutschland, wo in diesen Fällen gemäß dem Numerus Clausus die Abiturnote darüber entscheidet, wer als ordentlicher Student zugelassen wird, ging dies in den Niederlanden bis jetzt etwas schicksalhafter von statten. Solange die Bewerber die Grundvoraussetzungen erfüllten, durfte ein jeder bis zur Auslosung auf einen Platz hoffen. Das allerdings ist nun Geschichte. Seit 2017 ist die Einschreibung keine jährliche Lotterie mehr, sondern jede Universität selektiert nach eigenen Vorgaben selbst, welche Bewerber sie aufnimmt und welche nicht.

Der Hintergrund ist, auf diese Art und Weise nur Studierende aufzunehmen, die tatsächliche gute Chancen haben, das Studium positiv abzuschließen. Hohe Abbruchraten sollen so vermieden werden. Ob die neue dezentrale Selektion tatsächlich zu niedrigeren Abbruchraten führt, ist allerdings durchaus fraglich. Eine Ende Februar veröffentlichte Doktorarbeit an der Freien Universität Amsterdam, kam zu dem Ergebnis, dass das neue Prozedere zumindest mit Blick auf die medizinischen Studiengänge wenig bringen würde, da die Selektionsmaßnahmen sehr teuer seien und die Abbruchrate bei diesen Studiengängen bereits jetzt sehr gering sei.

Deutsche Studienbewerber müssen sich allerdings nicht sorgen. Im Gegensatz zum deutschen Numerus Clausus, selektieren viele niederländische Universitäten auf etwas breiterer Grundlage als nur auf der Abiturnote. So werden neben den Noten beispielsweise an manchen Unis auch außerschulische Aktivitäten mit einbezogen, Motivationsgespräche geführt oder verschiedene Tests von den Studieninteressierten abgenommen.

Die Chancen, für einen der begehrten Studienplätze angenommen zu werden, werden also nicht automatisch kleiner, aber es bedeutet mehr Arbeit für die Bewerber. Die Nachhilfeindustrie in den Niederlanden hat schnell geschaltet. Anbieter in diesem Sektor offerieren bereits eine Reihe von Intensivkursen zur Vorbereitung auf die Selektion oder bieten Hilfe bei dem Verfassen von Motivationsschreiben an.

Trotz der aufwendigeren Bewerbung haben sich dieses Jahr entgegen aller Erwartungen überdurchschnittlich viele Schüler für Numerus-Fixus-Studiengänge beworben. 46.542 Anmeldungen stehen 19.608 Plätzen gegenüber. Damit gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal seit drei Jahren wieder doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze. In manchen Studiengängen sind es gar viermal so viele Anmeldungen, wie es Plätze gibt.
Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen dürfen sich Studenten ab diesem Jahr für zwei Numerus-Fixus-Studiengänge einschreiben anstatt nur für wie bislang einen und zum anderen endete die Deadline für die Bewerbung dieses Jahr schon Mitte Januar anstatt wie sonst Anfang Mai. „Es gibt sicherlich Studenten, die noch über ihre Studienwahl nachdenken, aber sich zur Sicherheit schon mal angemeldet haben“, so Rianne Kouwenaar von der Universitäten-Vereinigung VSNU.

Besonders beliebte Studiengänge sind dieses Jahr „International Business Administration“ an der Erasmusuniversität in Rotterdam und das HBO-Studium (höhere Berufsausbildung) „Fashion & Textile Technologies“ an der Hogeschool Amsterdam. In Rotterdam gibt es 2.299 Bewerber gegenüber 575 zu vergebenden Plätzen. In Amsterdam gibt es 1.290 Anmeldungen gegenüber 410 freien Plätzen.
Auch diese beiden Studiengänge sind populär bei ausländischen Studierenden. In Rotterdam sind die niederländischen Bewerber gegenüber deutschen, französischen und italienischen Studenten bereits in der Minderheit. Trotzdem: von 300 niederländischen Bewerbungen werden 200 angenommen, der Rest sei international, so Studiendirektor Adri Meijdam. Jarmo Berkhout, Vorsitzender des Studierendenbundes LSVB, sagte: „Internationalisierung ist schön und gut, aber Universitäten und Hochschulen müssen aus den richtigen Gründen ausländische Studierende anziehen. Denn Studiengänge dürfen für Studierende von außerhalb der EU größere Kosten veranschlagen. Manchmal werden diese als Milchkühe missbraucht.“

All diejenigen die sich fristgerecht um einen Studienplatz beworben haben, müssen noch bis zum 15. April aushalten – dann gibt es die Ergebnisse der Bewerbungen.