Nachrichten Juni 2017


WIRTSCHAFT: NS-Streik in den Niederlanden verläuft ohne große Unannehmlichkeiten für Reisende - weitere Streiks können folgen

Zwolle. EF/VK/NRC/NOS. 20. Juni 2017.

Der erste Streik des Personals der niederländischen Eisenbahngesellschaft NS (Nederlandse Spoorwegen) in Zwolle und Den Haag hat entgegen aller Erwartungen am Montagvormittag  keinerlei Chaos verursacht. Es blieb bei einem überschaubaren Ausfall von rund 35 Zügen, nachdem Mitglieder der Gewerkschaft FNV Spoor ihre Arbeit in der morgendlichen Rushhour niedergelegt hatten. Am Abend allerdings wurde der Zugverkehr durch die Hitze ernsthaft behindert.

Der Grund für diesen Streik gründet in den als schlecht wahrgenommenen Arbeitsbedingungen. Die Demonstranten fordern von der niederländischen Eisenbahngesellschaft NS, alle doppelstöckigen Züge wieder mit jeweils zwei Schaffnern zu besetzen. Die Fahrzeugscheinkontrollen von nur einem einzigen Schaffner durchführen zu lassen, sei, laut Henri Janssen, Direktor der niederländischen Gewerkschaft FNV Spoor, unzumutbar. Schwarzfahrer hätten so die Möglichkeit, durch das schlichte wechseln der Stockwerke der Kontrolle zu entgehen. Hinzu kommt, dass das viele Treppensteigen in diesen doppelstöckigen Zügen schlecht für die Knie sei. „Mit zwei Mann, kann man das viel besser auffangen“, so Janssen. Der Einsatz eines weiteren Schaffners würde Arbeitsplätze, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Sicherheit am Arbeitsplatz gewährleisten.

Ein anderer Punkt, der den Mitgliedern dieser Gewerkschaft missfällt, ist das ständige Abstoßen von Geschäften und Restaurants in den Bahnhöfen selbst. Die Mitarbeiter von Bäckereien, Kiosken und Cafés, die sich im Bahnhof befinden, gehören ebenfalls der Gewerkschaft FNV an. Durch den Verkauf dieser Geschäfte stehen ihre Arbeitsplätze auf dem Spiel. Außerdem fordern sie, dass sich die Gesellschaft NS mehr um Konzessionen für regionale Linien bemüht. Zur Zeit deckt die staatliche Eisenbahngesellschaft nur das Hauptnetz ab. Für die regionalen Linien sind Arriva und Connexxion zuständig. Das Abstoßen der Geschäfte und die Weigerung, auch regionale Linien einzurichten, kosten viele Arbeitsplätze, so der FNV.

Um ihre Forderungen schließlich durchzusetzen zu können, kündigten Schaffner und Lokführer der Eisenbahngesellschaft an, am Montag, den 19. Juni zwischen 5:00 Uhr und 9:00 Uhr, ihre Arbeit an den Stationen Zwolle und Den Haag Centraal niederzulegen. Der Streik solle sich laut Pressesprecher des FNV auf diese beiden Bahnhöfe beschränken. Deswegen konnte auch nur  Personal streiken, welches am Montagvormittag mit einem Zug in Zwolle bzw. Den Haag Centraal abgereist oder angekommen ist. Hätte sich irgendwo auf diesen Linien ein Stau gebildet, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, dass auch noch nach 9:00 Uhr Folgen dieses Streiks spürbar gewesen wären. 

Bereits am vergangenen Wochenende kündigte die Gewerkschaft öffentlichkeitswirksam an, dass am Montagmorgen weniger oder sogar gar keine Züge aus Den Haag losfahren würden. Die NS musste daraufhin landesweite Folgen dieses Streiks befürchten. „Wir wissen nicht, wie groß die Unannehmlichkeiten für Reisende tatsächlich werden. Diese Handlungsweise kann auch an anderen Orten den Zugverkehr behindern“, las man auf der Website der NS. Das erwartete Chaos, welches Streiks im Allgemeinen mit sich bringen , blieb jedoch aus, da lediglich eine Gewerkschaft an dieser Aktion beteiligt war – nämlich der  FNV Spoor, eine Gewerkschaft mit rund 6.000 Mitgliedern. Ihnen zufolge legten in Zwolle lediglich 50 NS-Mitarbeiter ihre Arbeit nieder – in Den Haag waren es ebenfalls nur ein paar Dutzend Mitarbeiter. Bei dem streikenden Personal handelte es sich außerdem auch nicht nur um Schaffner und Lokführer. Auch Büroangestellte und Mitarbeiter aus dem Einzelhandel sind als Mitglieder der FNV unter den streikenden Mitgliedern zu finden. Ihr Streiken nahm aber einen Einfluss auf den Zugfahrplan. So kam es, dass insgesamt lediglich 35 Züge ausfielen – und auch die angekündigten Zugverspätungen hielten sich in Grenzen. Laut Christiaan Pelgrim und Joost Pijpker, beides Redakteure der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad, fahren an einem gewöhnlichen Montagmorgen 93 Prozent der Züge pünktlich ab. Am gestrigen Montag waren es immerhin 90 Prozent.

Ein anderer möglicher Grund für die geringe Störung des Fahrbetriebs könnte in der frühzeitigen Ankündigung des Streiks liegen. Das Dienstleistungsunternehmen und die Gewerkschaft hatten zuvor vereinbart, Streiks zum Schutze der Reisenden rechtzeitig anzukündigen. „Wir wollen Reisenden die Möglichkeit geben, sich darauf vorzubereiten. Und es gibt der NS die Chance, stellvertretendes Personal einzusetzen“, sagt Mariëtte van Dijk, Pressesprecherin des FNV. Die Eisenbahngesellschaft NS behauptet allerdings, dies nicht getan zu haben.

Dafür hatten die Reisenden allerdings am Abend mit einem anderen Problem zu kämpfen, die den Ausfall von Zügen und reichliche Verspätungen zur Folge hatte: der Hitze. „Der Zugverkehr wurde ernsthaft von technischen Problemen, die durch die Hitze verursacht wurden, gestört“, so das niederländische Eisenbahninfrastrukturunternehmen ProRail. Nach Möglichkeit wurden Busse eingesetzt. Der Zugverkehr rund um Zwolle kam durch eine hitzebedingte Stromstörung gänzlich zum Erliegen.

Für die FNV ist der Streik trotz aller Umstände erfolgreich verlaufen. „Sinn der Sache war es nicht, der NS oder dem Reisenden Schaden zuzufügen, sondern, ein deutliches Signal zu setzen“, sagte Van Dijk. Inwiefern Reisende in den Niederlanden nun mit weiteren Streiks rechnen müssen, ist zur Zeit noch nicht bekannt. Der FNV sieht den Streik am Montag als Beginn einer Serie von Streiks, die jeweils in anderen Städten stattfinden sollen, sofern die NS nicht auf die Forderungen der FVN eingeht. Wann und wo weitere Aktionen dieser Gewerkschaft stattfinden sollen, ist noch nicht bekannt. Weitere Informationen wird der FNV rechtzeitig preisgeben.