Nachrichten Juni 2017


KULTUR: Pinkpop - Ein Festival wie ein Flickenteppich

Landgraaf. SB/VK/NRC 06. Juni 2017.

Am Pfingstwochenende fand in den Niederlanden das Pinkpop-Festival statt. Dieses Jahr sind die Veranstalter in Sachen Line-Up einmal einen etwas anderen Weg gegangen. Justin Bieber und DJ Martin Garrix sollten für eine Verjüngung des Publikums sorgen, aber ist dieser Plan auch aufgegangen?

Juni: Die Festivalsaison hat begonnen. Überall in Europa sprießen auf sonst eher ruhigen Plätzen belebte Zeltstädte aus dem Boden. Auch in den Niederlanden finden während der Sommermonate einige größere Musik-Festivals statt. Das bekannteste unter ihnen ist das Pinkpop-Festival, das jedes Jahr in der Gemeinde Landgraaf in der Provinz Limburg stattfindet. Hier spielen die ganz Großen und das schon seit 1970. Das Pinkpop ist damit das älteste jährlich stattfindende Musikfestival der Welt. Seinen Namen verdankt das Festival übrigens nicht der Farbe „pink“, sondern dem üblichen Datum an dem es stattfindet. Denn wenn es geht, findet das Pinkpop immer am Pfingstwochenende statt. Pfingsten heißt auf Niederländisch pinksteren: Also pink für pinksteren und pop für die Musikrichtung Pop. Trotzdem ist die Farbe Pink ikonisch geworden. Viele der Festivalbesucher verarbeiten die Farbe Pink in ihrer Kleidung und ihren Festival-Accessoires.

Was einmal als kleines, lokales Festival, initiiert von Hans van Beer, Wim Wennekes, Jan Smeets und Frits van Reysen, begonnen hat, ist heute ein Mega-Festival, das auch international große Bekanntheit genießt. Erst vor drei Jahren spielten hier die Urgesteine des Rock n Roll, die Rolling Stones und im Jahr 1998 hat die Band Primus das Publikum dermaßen zum Springen animiert, dass die Erde wackelte – und das im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Richterskala wurde ein Erdbeben der Stärke 1,3 gemessen. Gestern Nacht endete das 47. Pinkpop-Festival. Zeit, um eine Bilanz zu ziehen.

Die Veranstalter des Pinkpop hatten dieses Jahr einen schlechten Start. Der frühe Zeitpunkt und viele konkurrierende Festivals machten die Programmplanung zu einer echten Herausforderung. So mussten sie es hinnehmen, dass man viele Acts bereits im Vorfeldvon der Wunschliste streichen musste: Radiohead, Pearl Jam und die Foo Fighters zum Beispiel. Dafür kamen viele bekannte Gesichter, darunter Kings of Leon, die Kaiser Chiefs und Green Day zurück auf eine der vier Bühnen des Pinkpop-Festivals. Altbewährt muss natürlich nicht unbedingt schlecht sein, aber Amanda Kuyper und Peter van der Ploeg, die für die niederländische Tageszeitung NRC Handelsblad über das Festival geschrieben haben, bescheinigen dem Festival durch diesen Umstand eine gewisse Trägheit und fehlendes Flair. Insgesamt fällt die Berichterstattung des NRC im Gegensatz zur Tageszeitung De Volkskrant viel negativer aus. „Es war ein Festival, was man schnell wieder vergessen wird. Nicht, weil es per se schlecht war. Überhaupt nicht. Aber es gab wenig, was es sich zu merken wert wäre.“, so fasst das NRC Handelsblad Samstag, Sonntag und Montag zusammen. De Volkkrant hingegen schreibt: „Spannend und stellenweise überragend: Bieber und Garrix sorgten für ein historisches Pinkpop-Fest.“

Den Nichtkennern des Pinkpop sei an dieser Stelle gesagt, dass der kanadische Superstar und Teenie- Schwarm Justin Bieber, wie auch der 21-jährige DJ Martin Garrix, nicht das typische Pinkpop Line-Up verkörpern. Sie nach Limburg zu holen, sollte ein Geniestreich sein, um das Festival zu verjüngen. Denn, will das Festival weiterhin erfolgreich sein, müssen es die Veranstalter schaffen, auch die nachwachsenden Generationen programmatisch anzusprechen.
Damit musste das Festival dieses Jahr einen überaus schwierigen Spagat schaffen. Die Festivalgänger der ersten Stunde, häufig alternative Rockfans, sahen das Booking von Justin Bieber als Kniefall vor der Kommerzialisierung des Festivals: Was die Jungen wollen, ist für die Alten ein No Go. Das ist das ganze Dilemma. Der Musikredakteur der Volkskrant, Robert van Gijssel, schätzt die Entscheidung, Bieber auf das Festival zu holen, als mutigen Schritt ein, den man durchaus honorieren könne. Er denkt aber, dass auch ein Ed Sheeran es vermocht hätte, die Jungen anzulocken, gleichzeitig wäre Sheeran mit seiner Gitarre aber auch kompatibler für die Älteren und die Liebhaber alternativer Musik gewesen. 

Nun ist das Festival vorbei und nicht Sheeran, sondern Bieber und Garrix waren da. Haben die Macher erreicht, was sie erreichen wollten? Trotz einer wenig überzeugenden Performance von Justin Bieber, der bekanntermaßen einige Songs vom Band abspielt und gegenüber seinem Publikum nicht nur Wärme an den Tag legt, muss man diese Frage wohl mit ja beantworten. Am ersten Tag des Festivals kamen 61.000 Menschen auf das Gelände geströmt – Ausverkauft. Lange schon hatte das Pinkpop nicht mehr so ein junges Publikum gesehen. Sonntag und Montag, die programmatisch weniger umstrittenen Tage, waren bei Weitem nicht ausverkauft.

Ein Festival wie eine Flickendecke, für jeden Geschmack etwas dabei. Was das diesjährige Pinkpop aber nach einhelliger Meinung wirklich besonders machte, waren die niederländischen Acts. Mit Feuer und Konfettiregen brachten die Jungs aus Haarlem „Chef‘ Special“ und die Rocker von „Kensington“ die Besucher auf Trab. Auch Ronnie Flex, die mit „drunk en drugs“ („Stoff und Schnaps“)  ihren Durchbruch geschafft hatten, die Hiphopper von „Broederliefde“ und  Guus Meeuwis, dessen Lieder in den Niederlanden teilweise Kultstatus genießen, taten dem Festival gut. Ob das Pinkpop tatsächlich einen nachhaltigen Schritt Richtung Zukunft getan hat, werden wir wohl erst erfahren, wenn das Line-Up für 2018 steht.