Nachrichten FEBRUAR 2017


GESELLSCHAFT: Ehrenamtliche Arbeit im Wandel

Bladel. SB/VK. 20. Februar 2017.

In den Niederlanden ist ehrenamtliches Engagement seit Generationen tief in der Gesellschaft verankert. Nun aber wird ehrenamtliche Arbeit immer häufiger zur Pflicht. Ein Vorfall in einem kleinen brabantschen Fußballverein schlägt zurzeit hohe Wellen und verdeutlicht das Dilemma, in dem sich immer mehr niederländische Sportclubs befinden.

In den Niederlanden wird ehrenamtliches Engagement groß geschrieben und das schon seit vielen Generationen. Circa ein Viertel der Bevölkerung verrichtet jede Woche mindestens eine Stunde unbezahlte Arbeit für die Gemeinschaft. Nur in den skandinavischen Ländern, Kanada und den Vereinigten Staaten engagieren sich ähnlich viele Menschen freiwillig. So alt wie das ehrenamtliche Engagement selbst, ist aber auch die Krittelei über den scheinbar nachlassenden Einsatz für die Gesellschaft. Dabei ist es nicht so, dass ehrenamtliche Arbeit in den Niederlanden tatsächlich in den letzten Zügen läge, aber sie hat sich in den letzten Jahren verändert.

Momentan sorgt ein kleiner Fußballverein in der Provinz Brabant in diesem Zusammenhang für Aufregung. Der VV Bladella, der insgesamt 1.100 Mitglieder verzeichnet, hat nämlich vier seiner Jugendspieler für unbestimmte Zeit für den Club gesperrt. Die 10 jährigen Jungen hätten pro Person minimal 25 Lose im Wert von jeweils 1 Euro für die „Neujahrslotterie“ verkaufen müssen. Da ihnen dies nicht gelang und die Eltern sich weigerten, den ausstehenden Betrag nachzuzahlen, wie es in einer Mitgliedversammlung abgesprochen worden war, wurden die Jungen kurzerhand von allen weiteren Aktivitäten des Vereins ausgeschlossen.

Eine Mutter wollte dies nicht hinnehmen und richtete sich in einem Brief an die Medien. Nachdem „Omroep Brabant“ über den Vorfall berichtetet hatte, wurde Bladella zur Zielscheibe in den sozialen Medien. Sogar der niederländische Fußballbund KNVB meldete sich auf Twitter kritisch zu Wort: „Spaß am Fußball ist bei Kindern das allerwichtigste“, der Bund plädierte dafür, die Maßnahme rückgängig zu machen. Aber für den Vorstand des Vereins kam es noch schlimmer, sagt Geschäftsführer Jac van der Aa: „Wir haben bestimmt 50 Drohungen per E-Mail und Telefon erhalten.“ Der Vorstand hatte daraufhin um Polizeischutz gebeten, diesen aber aufgrund von Personalengpässen nicht erhalten.

Die Jugendspieler von den Aktivitäten des Clubs auf unbestimmte Zeit auszuschließen, scheint eine harsche Maßnahme zu sein. Aber so einseitig ist es nicht. „Wir haben den Erlös von der alljährlichen Lotterie bitter nötig, um den Verein weiterhin finanzieren zu können“, sagt Jac van der Aa. Es geht dabei um einen Betrag von rund 8000 Euro. Der feste Vereinsbeitrag betrage eigentlich 150 Euro im Jahr, da der Verein aber nur 125 Euro nehme, müssten die restlichen 25 Euro durch den Losverkauf erbracht werden. Auf der Mitgliederversammlung war abgesprochen worden, dass Eltern, die der Meinung sind, dass ihre Kinder nicht diesem Zwang ausgesetzt sein sollten, den extra Beitrag selbst bezahlen.

Diese Problematik spielt bei etlichen Sportvereinen eine Rolle. Ob es nun um Fußball, Hockey oder Tennis geht, alle haben sie mit dem Mangel an ehrenamtlichen Helfern, die Spiele pfeifen oder für das leibliche Wohl sorgen zu kämpfen. Vor allem der Verkauf von Speisen und Getränken ist dabei sehr wichtig, da die Vereine hier das meiste Geld generieren können. Viele Clubs haben deswegen beschlossen, ihre Mitglieder zu dreierlei Aktivitäten zu verpflichten – denn nicht kommerzielle Vereine bedürfen nun mal einer gemeinsamen Anstrengung.

Der Tennisverein Tie-Breakers in Amsterdam beispielsweise verpflichtet seine Mitglieder mindestens einmal pro Saison einen Essens- und Getränke Dienst zu übernehmen, kommen sie dem nicht nach, werden 60 Euro fällig. Ähnlich ist es beim OSC Nijmegen und dem FC s-Gravenzande. Die meisten nicht kommerziellen Sportclubs sind schlicht abhängig von ehrenamtlichem Engagement. Die heftigen Reaktionen in den sozialen Medien sind daher wohl nicht gerechtfertigt, obwohl es, wie der KNVB Vorsteher für den Bereich Amateur Fußball, Jan Dirk van der Zee, anmerkt,  vielleicht noch bessere Wege gegeben hätte, mit dieser Angelegenheit zu verfahren. Jeder Verein sei zwar frei in seinem Beschlussnahmen und natürlichen könnten Mitglieder, die ihren Beitrag nicht zahlten, ausgeschlossen werden, aber: „was Bladella tut, geht einen Schritt zu weit – Kinder in der Hälfte der Saison nicht mehr beim Fußball mitspielen zu lassen, weil sie nicht genug Lose verkauft haben. Dann macht es wenigstens am Ende der Saison, oder organisiert es anders: Lieber einen Rabatt auf den Beitrag, wenn genügend Lose verkauft werden konnten, erstatten als eine Strafe auferlegen, wenn das nicht erreicht wird.“

Ehrenamtliches Engagement befindet sich in den Niederlanden nicht per se auf einem absteigenden Ast, aber es hat sich in den letzten Jahren wahrnehmbar verändert. Haben die freiwilligen Helfer von früher sich noch für feste Tage in der Woche eintragen lassen, sind die Ehrenamtler von heute weniger fest einplanbar. Außerdem kommt es immer häufiger vor, dass Mitglieder sich von ihren Diensten „freikaufen“, was zu einer allmählichen Professionalisierung der Freiwilligenarbeit führt, da diese Aufgaben dann von anderen gegen Bezahlung übernommen werden. Paul Dekker vom Sociaal en Cultureel Planbureau (SCP) fragt aber zurecht, wie lang man überhaupt noch von ehrenamtlicher Arbeit sprechen könne, wenn diese immer häufiger bezahlt würde, zumal ehrenamtliche Tätigkeiten immer häufiger durch Druck von außen verrichtet würden. Er fügt hinzu, dass auf Freiwilligen zwar schon immer ein gewisser Druck gelastete habe, solange die Gesellschaft aber noch von protestantischer Pflichterfüllung durchdrungen war, sei dies vornehmlich sozialer Druck gewesen. Nun allerdings würde vor allem formeller Druck auf Ehrenamtliche ausgeübt.