Nachrichten april 2017


GESUNDHEIT: Niederländische Anwohner von Atomkraftwerken erhalten demnächst Jodtabletten per Post  

Borssele. EF/VK/NRC/Trouw. 25. April 2017.

Wer in den Niederlanden weniger als 100 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt wohnt und unter 18 Jahre alt ist, dem werden im September Jodtabletten per Post zugestellt. Die Tabletten schützen gegen radioaktives Jod, welches im Falle eines Unfalls in einem Kernkraftwerk freigesetzt werden könnte. Das hat das niederländische Gesundheitsministerium am Freitag bekannt gegeben. Diese Ausweitung der Gefahrenzone wurde bereits 2016 von Gesundheitsministerin Edith Schippers (VVD) gefordert. Damals hatte man in Belgien den Entschluss gefasst, allen Bürgern eine Jodtablette zukommen zu lassen.

Zwar verfügen die Niederlande nur noch über ein einziges großes und sich im Betrieb befindliches Atomkraftwerk in Borssele, grenznahe Atomkraftwerke in Deutschland oder Belgien könnten im Falle einer Katastrophe aber ebenfalls gefährlich werden. Dabei handelt es sich vor allem um das deutsche Kernkraftwerk im Landkreis Emsland und um die belgischen Atomkraftwerke in Doel und Tihange. Sollte es dort zu einem Unfall kommen, laufen große Teile der südwestlichen und östlichen Niederlande – unter anderem Den Haag, Eindhoven, Groningen und Apeldoorn – Gefahr, von der Strahlung erfasst zu werden.

Die Ausweitung der Gefahrenzone führt nun dazu, dass ungefähr 1,4 Millionen Haushalte in den Niederlanden die Jodtabletten per Post erhalten werden. Diese werden vor allem Kindern unter 18 Jahren zur Verfügung gestellt, die bis zu 100 Kilometern von einem Atomkraftwerk entfernt wohnen. Aber auch schwangere Frauen, deren ungeborene Kinder bei einer nuklearen Katastrophe ebenfalls von dabei freigesetztem radioaktivem Jod bedroht werden könnten, können vom ihrem Arzt oder von der Hebamme die kostenlosen Tabletten bekommen. Schließlich ist die Schilddrüse von (ungeborenen) Kindern sehr anfällig, selbst, wenn es sich nur um geringe Mengen an freigesetztem radioaktivem Jod handelt. Wer sogar weniger als 20 Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt wohnt, hat sogar bis zum Ende seines 40. Lebensjahres Anspruch auf eben diese Tabletten. Diese Gruppe hat bereits größtenteils die Jodtabletten erhalten.

Die Jodtabletten sind jedoch nicht für einen kontinuierlichen Gebrauch bestimmt. Sie sollen erst dann zum Einsatz kommen, wenn ein Super-GAU oder eine Zunahme an radioaktivem Jod droht. Im Falle einer erhöhten Zufuhr an radioaktivem Jod, welches von der Schilddrüse aufgenommen würde, erhöhe sich das Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Dieses Risiko soll mit den Jodtabletten minimiert oder sogar ganz genommen werden. Durch die Einnahme der Tablette wird das darin befindliche Jod von der Schilddrüse aufgenommen und gespeichert. Zusätzliches radioaktives Jod, welches im Falle eines Unfalls innerhalb eines Kernkraftwerks freigesetzt werden könnte, kann dadurch nicht mehr vom Körper aufgenommen werden.

Bewohner und Behörden der grenznahen Regionen Limburg, Brabant und Zeeland machen sich bereits seit einiger Zeit zunehmend Sorgen über die Sicherheit der sich in der Nähe befindlichen, belgischen Atomkraftwerke in Doel und Tihange. Das Atomkraftwerk in Doel wurde sogar so nah an der niederländischen Grenze platziert, dass es von der Grenzregion West-Brabant aus zu sehen ist. Außerdem liegt ein großer Teil Süd-Limburgs innerhalb des Radius‘ von 100 Kilometern rund um die Stadt Lüttich (bzw. Luik), in der das Kernkraftwerk Tihange positioniert wurde. Dieses wurde 40 Kilometer entfernt von der niederländischen Grenze bei Maastricht gebaut.

Diese beiden belgischen Kernkraftwerke sind ungefähr so alt, wie das einzige Kernkraftwerk in den Niederlanden in Borssele und sind immer wieder aufgrund von Unfällen oder Defekten in den Medien präsent. Wegen dieser Defekte mussten diese belgischen Reaktoren in den letzten Jahren dutzende Male ungeplant durch sogenannte Notstopps stillgelegt werden. Außerdem wurden neben einigen Lecks oder anderen Problemen in mindestens zwei Reaktoren tausende von Rissen in den Reaktorgefäßen entdeckt. In diesem Zusammenhang sollten die drei ältesten Reaktoren (zwei in Doel und einer in Tihange) bereits 2015 geschlossen werden. Die belgische Regierung hingegen hat sich aber dazu entschlossen, die Schließung auf 2025 zu verschieben. Aufgrund einer Petition von rund 160.000 Menschen aus den Niederlanden, Deutschland und Belgien entstand in Süd-Limburg ein Depot an Jodtabletten. Außerdem wurde damals die Gefahrenzone rund um Tihange bereits von 20 auf 80 Kilometer erweitert.

Im Zuge dieser Gefährdung beschloss das belgische Gesundheitsministerium in Brüssel bereits im vergangenen Jahr, alle Belgier mit Jodtabletten zu versorgen. Zuvor konnten sich nur diejenigen belgischen Einwohner, die maximal 20 Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt wohnen, eine kostenlose Jodtablette abholen. Laut dem Hoge Gezondheidsraad, dem wissenschaftlichen Beratungsgremium dieses Ministeriums, sei man in Belgien nicht ausreichend auf eine nukleare Katastrophe vorbereitet. Daher wurde der Radius vom Gesundheitsministerium auf 100 Kilometer rund um die Kernkraftwerke ausgeweitet. Das bedeutet in der Praxis, dass nun auch jeder Belgier Anspruch auf eine dieser Tabletten hat.