Nachrichten april 2017


TOURISMUS: Neuregelung für die Grachtenschiffahrt in Amsterdam - "Für viele Redereien ist es ein Blutbad"

Amsterdam. SB/Trouw/NRC/VK. 25. April 2017.

Am Montag wurde in der niederländischen Hauptstadt ausgelost, welche Boote ab 2020 noch in den Amsterdamer Grachten fahren dürfen. Wenn es nach dem wethouder geht, ist die Neuregelung die fairste Lösung für alle. Für viele, vor allem kleinere Redereien, ist sie allerdings ein Todesurteil. In diesem Sektor herrscht Fassungslosigkeit. Einige Betroffene haben bereits rechtliche Schritte angekündigt.

Während gestern hunderte Touristen sorglos Amsterdam vom Wasser aus bewunderten, wurde ein paar Straßen weiter das weitere Schicksal vieler Schiffsbesitzer ausgelost. Ab dem 01. Januar 2020 werden nämlich dutzende große Rundfahrtboote aus den Grachten Amsterdams verbannt. Was hat es mit der Neuverteilung der Grachten-Genehmigung auf sich?

Die Gemeinde Amsterdam will den Markt rund um die historische Grachtenfahrt in Amsterdam schon seit einigen Jahren öffnen. Als im Jahr 2013 bekannt wurde, dass die Gemeinde alle  135 Genehmigungen für die „großen bemannten Passagierfahrzeuge“ einziehen will und anschließend nach einem anderen Verfahren erneut ausgeben will, reagierten viele Reeder wütend. Die vier großen Touristenredereien Canal Company (33 Schiffe), Kooij (27 Schiffe), Lovers (25 Schiffe) und Blue Boat (15 Schiffe) haben schon viel Zeit und Geld investiert, um dem, was in ihren Augen einer Enteignung gleichkommt, etwas entgegen zu setzen. Bis jetzt mit wenig Erfolg. Die 135 Genehmigungen wurden neu verteilt. Ein Drittel der Profiteure sind Anbieter, die neu auf dem Markt sind, wobei die Gemeinde die Namen der Gewinner noch nicht bekannt gab. Wo es Gewinner gibt, gibt es aber auch immer Verlierer. In diesem Fall sind das vor allem die kleinen Rundfahrtbetriebe, die mit der Genehmigung auch ihre Existenz verlieren. Einige werden ihre Schiffe verkaufen müssen, wobei viele die verkaufen müssen erwarten beim Schrotthändler noch am meisten für ihre Schiffe zu bekommen. Zwar sind auch viele große Anbieter vom Neuverteilungsschock betroffen, aber diese haben in vielen Fällen das Kapital, um neu zu investieren und so zu überleben: „die kleinen sind die Leidtragenden“, so Peter Duwel, Direktor der Strömma-Rederei.

Aber warum überhaupt diese Neuverteilung der Lizenzen? „Weil es schlichtweg nicht anders geht“, meint wethouder Udo Kock von der Partei D66. Die touristischen Rundfahrten fielen schließlich unter die EU-Dienstleistungsrichtlinie. Diese im Jahr 2006 noch vom ehemaligen Eurokommissar und gebürtigen Amsterdamer Frits Bolkenstein festgelegte Richtlinie bestimmt, dass in der gesamten Europäischen Union freie Konkurrenz zwischen den Unternehmern gewährleistet sein muss. In Amsterdam sei das mit den Altlizenzen nicht der Fall gewesen. Als „Unfair, ungesund und unrechtmäßig“, hatte Kock die herrschenden Verhältnisse für Newcomer auf dem Markt bezeichnet. Daneben will die Gemeinde aber auch Benzinschleudern aus den Grachten verbannen und insgesamt  den Schiffsverkehr minimieren.

Ob es auf Amsterdams Grachten bald wirklich ruhiger zugeht, bleibt allerdings abzuwarten. Denn Schiffe bis 14 Meter sind von dem Ausschluss nicht betroffen. Jedes Schiff, das die vorgegebenen Umwelt- und Sicherheitsvorgaben erfüllt und einen eigenen Liegeplatz hat, kann eine Genehmigung erhalten. Einen solchen Wildwuchs wollte die Gemeinde für längere Schiffe, die die Kapazitäten der Grachten an manchen Tagen zu sehr beanspruchen, vermeiden. Die Neuregelung gilt daher nur für Schiffe zwischen 14 und 20 Metern im Zeitraum von 2020 bis 2030.

Insgesamt hat die Gemeinde in den vergangenen Monaten 484 gültige Einschreibungen für das Verfahren erhalten. Da die Gemeinde allerdings nur 135 Genehmigungen zu vergeben hatte, ist ein Blick auf das Auswahlverfahren von besonderem Interesse.
Die Gemeinde will vor allem leisere und „sauberere“ Schiffe auf den städtischen Grachten. Um allerdings zu verhindern, dass reihenweise schöne, traditionelle Schiffe, die das Stadtbild Amsterdams prägen, das Feld räumen müssen, gab es für das Auswahlverfahren zwei Kategorien: Die „reguläre“ und die „bildbestimmende“. In der ersten Kategorie wurden 75 Genehmigungen vergeben und zwar nach einem Punktesystem. Je mehr Punkte in Kategorien wie: Länge, Laustärke oder Emissionen desto höher der Platz auf der Rangleiste. Da allerdings gleich 277 Schiffe die volle Punktzahl holten und nur 75 Lizenzen zu vergeben waren, wurde gelost. Vor allem an diesem Verfahren gab es viel Kritik seitens der Unternehmer. Roman van Storm von der Touristenrederei Blue Boat sagte im Vorfeld: „Damit wird es am Montag wie eine ordinäre Lotterie und das ist ganz sicher nicht der Gedanke hinter der Dienstleistungsrichtlinie. Ich werde dann auf jeden Fall Schadenersatz fordern.“
In der zweiten Kategorie werden insgesamt 60 Genehmigungen ausgegeben. Mit den Kriterien Länge, Ausstoß und Lärm gibt es hier nur 30 Punkte zu holen. Überprüft werden hier von der Kommission bestehend aus drei Beauftragten nach Dingen wie: Material, Textur und Farbe, dem Gleichgewicht zwischen Klarheit und Komplexität und der Bedeutung der Form im sozial-kulturellen Kontext. Aber auch hier gibt es viel Kritik seitens der Schiffsbesitzer. Arno Koningstein, Besitzer des Schiffes „de Soeverein“ sagt: „Das Urteil hängt vom persönlichen Geschmack von drei Männern ab. Sie sind nicht einmal zu unserem Schiff gekommen, um zu gucken.“ Und in der Tat, ob ein Schiff positiv für das Stadtbild ist, wird jeweils anhand einer maximal 20 Zentimeter großen Zeichnung bestimmt.

Es geht um viel, für manche um die Existenz.  Deswegen formiert sich nach dem Schock gestern schnell Widerstand: „Diese Schlacht ist noch nicht geschlagen“, sagt Ramon van der Storm von der Blue Boat Company. Er glaubt, dass es ausreichend juristische Argumente gibt, um das Ergebnis des Verfahrens anzufechten.