Nachrichten april 2017


LITERATUR: Eddy Hekman - Er schrieb zusammen mit dem Mörder seiner Tochter ein Buch

Baflo. SB/NRC/VK. 11. April 2017.

Am 13. April 2011 wurde die 29-jährige Tochter von Eddy und Lieuwkje Hekman brutal ermordet. Ihr damaliger Freund Alasam Samarie hatte Renske Hekman in ihrem eigenen Apartment in Baflo im niederländischen Groningen mit einem Feuerlöscher erschlagen. Am Freitag ist ein Buch über das „Drama von Baflo“ erschienen. Das Besondere: Vater und Täter haben es zusammen geschrieben.

Es war der Abend des  13. April 2011 als Eddy Hekman im Fernsehen ein Foto von dem Apartment seiner Tochter sah. Von einer Schießerei zwischen mehreren Polizisten und einem „schwarzen Mann mit Rasta-Haaren“ war die Rede. Hekman versuchte sogleich, seine Tochter telefonisch zu erreichen. Aber niemand nahm ab. Die Sorge nahm zu. Ein paar Stunden später kam dann die traurige Gewissheit: seine Tochter war tot. Ihr war mindestens neun Mal mit einem Feuerlöscher auf den Schädel geschlagen worden – von ihrem Freund, Alasam Samarie.

Eddy Hekman und seine Frau Lieuwkje verstanden die Welt nicht mehr. Sie konnten diese brutale Tat nicht mit dem aufmerksamen, fürsorglichen und geduldigen jungen Mann, den ihre Tochter Renske 2008 zum ersten Mal mit nach Hause gebracht hatte, in Verbindung bringen. Am Morgen nach der Tat sagte Eddy zu seiner Frau: „Wir werden ihm helfen“ – Lieuwkje nickte. Dass Eltern sich so positiv gegenüber dem Mörder ihres Kinders verhalten, stößt bei vielen Außenstehenden auf Befremdung. „Aber Außenstehende urteilen schnell und haben wenig Einsicht auf die vielen Grautöne, die es gibt“, sagt die Mutter der 2011 Getöteten. Einer dieser Grautöne ist, dass die Hekmans Samarie seit dem ersten Moment in ihre Familie aufgenommen hatten: „Es fühlte sich an, als ob er mein eigenes Kind war und so fühlt es sich noch immer an – Er gehört zu uns.“, so Vater Eddy, gegenüber Maud Effting und Will Thijssen von der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant.

Alasam Samarie ist mit 15 aus Benin, einem Staat in Westafrika, in die Niederlande geflüchtet. Seine Eltern waren bei einem Brand umgekommen. Danach hatte sein Onkel ihn auf eine Bananenplantage gebracht. Ein Lastwagenfahrer nahm den Jungen schließlich mit. Wochenlang versteckte sich Samarie auf einem Boot, das auf dem Weg in die Niederlande war. Als er schließlich dort ankam, musste er immer wieder das Asylheim wechseln. Eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekam er nicht – seine Zukunft blieb im Ungewissen. Psychische Probleme stellten sich ein – ein Arzt stellte ein Posttraumatisches Belastungssyndrom fest. Und trotzdem, Samarie gab nicht auf. Er arbeitete unter falschen Namen als Zeitungslieferant, lernte Niederländisch (so gut, dass die exakte Verwendung seines Vokabulars selbst Einheimische zum Lachen brachte, wie Eddy dem Interviewer von der Volkskrant erzählt) und er lernt schließlich 2008 Renske Hekman in einem Zug Richtung Schweiz kennen. Die 29-jährige Renske wird von ihren Eltern als intelligente, lebenslustige Frau beschrieben, die das Skifahren, Eislaufen und Bergsteigen liebte. Sie war in einer Seehundaufzuchtstation in Pieterburen als Biologin tätig. Was hatte sich in der Nacht vom 13. April zugetragen und warum musste die junge Frau sterben?

Am Tag vor der Tat hatte Samaries Anwalt ihm mitgeteilt, dass er unwiderruflich abgeschoben werden sollte. An diesem Abend war Samarie ruhelos, konnte nicht schlafen. Als er die Wohnung verlassen wollte, versuchte Renske in aufzuhalten. Daraufhin nahm ihr Freund den Feuerlöscher und schlug ihn ihr mehrfach auf den Kopf. Draußen auf der Straße erschoss Samarie einen Polizisten, Dick Haveman, mit dessen eigener Dienstwaffe. Daraufhin eröffneten die anderen anwesenden Polizisten das Feuer. Alasam Samarie wurde mehrfach getroffen.

Handelte er aus Frust über die drohende Abschiebung? Ein naheliegender Verdacht, aber Eddy Hekman glaub das nicht. Er hat eine ganz andere Erklärung für die gewalttätige Eskalation. Einen Monat nach dem Mord gab die Polizei Samaries Wohnung frei. Eddy entdeckte eine Dose mit der Aufschrift Paroxetin und Samaries Namen darauf. Paroxetin ist ein Antidepressivum, welches dem jungen Mann wegen seiner psychischen Probleme verschrieben worden war. Wegen der drohenden Abschiebung hatte Samarie die Dosis des Antidepressivums verringert, da es in seinem Heimatland schwer werden würde, an das Mittel heranzukommen. Als der tatsächliche Beschluss, dass er zurück nach Benin gehen musste, kam, ging es ihm allerdings so schlecht, dass die gzz ihm empfahl, die Dosis sofort wieder zu erhöhen. Er nahm an dem Tag wahrscheinlich die dreifache Menge des Medikamentes, analysiert Hekman später.

Tatsächlich kann Paroxetin einigen Experten zufolge in seltenen Fällen zu extremer Aggression führen. Am höchsten ist das Risiko, wenn größere Schwankungen im Blutspiegel entstehen, also immer dann, wenn die Dosis erhöht oder verringert wird. Durch seinen Hintergrund als ausgebildeter klinischer Psychologe hatte Eddy Hekman von solchen Nebenwirkungen schon gehört. Er recherchierte weiter im Internet und fand einige vergleichbare Vorfälle, die unter dem Einfluss von Paroxetin von Menschen begangen waren worden. Er redete mit Experten und las vertiefende Literatur. Für ihn setzte sich daraufhin die Tatnacht wie ein Puzzel zusammen. Er geht davon aus, dass die Ursache des Gewaltausbruches bei dem Antidepressivum liegt: „All diese Straftaten sind sich sehr ähnlich. Das plötzliche Ausrasten, die Absurdität der Gewalt, Täter, die sich an nahezu nichts erinnern können, auf nichts reagieren und oft wie Zombies wirken. Dass sieht man immer wieder.“ Und auch Samarie schildert, wie verwirrt er sich an diesem Tag fühlte und dass er begann, Dinge zu sehen. Er glaubte, dass Renske ihn töten wolle. Als diese dann versuchte ihn daran zu hindern, aus der Wohnung zu gehen, sah er den Feuerlöscher auf sich zukommen und begann zuzuschlagen. Der Psychater hatte gesagt, man müsse Samarie im Auge behalten. Renske hatte noch zum Spaß gesagt, dass würde sie schon schaffen, sie sei schließlich stark. Auch auf der Straße, nachdem Samarie einen Polizisten niedergeschossen hatte und schließlich selbst mehrere Male getroffen wurde, spürte er nach eigener Aussage nichts.

Eddy Hekman kritisiert den Umgang des Staates mit medizinabhängigen Asylbewerbern: „Wenn du ein Asylbewerber bist und du nimmst Medikamente, dann fragt der IND bei deinem Heimatland nach, ob es die Medikamente dort auch gibt. Wenn die Antwort ja lautet, darf man dich zurückschicken. Aber ob du die Medikamente auch wirklich dort bekommen kannst, steht auf einem ganz anderen Blatt. Du musst Geld haben und am richtigen Ort wohnen. Es ist nicht so wie hier. Deswegen versuchte Alasam das Paroxetin abzubauen.“ Eddy Hekman erzählt auch vom letzten Mal, als sein Schwiegersohn in Spee das Medikament abrupt abgesetzt hatte. Auch damals hatte er Wahnvorstellungen gehabt. Abgesetzt hatte er das Medikament nur, weil er nicht wusste, dass er ein Recht darauf hatte, weitere Tabletten zu bekommen.
Samarie bekam erst 28 Jahre Gefängnis. Später allerdings wurde die Unzurechnungsfähigkeit des Täters attestiert und die Strafe wurde auf 6 Jahre reduziert mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Drei Monate nach dem Verlust ihrer Tochter, schickten Eddy und Lieuwkje einen Brief ins Gefängnis nach Zwolle mit der Bitte um ein Gespräch. Nach einigen Monaten folgte der erste Besuch im Gefängnis. Samarie weinte so stark, dass der Sicherheitsbeamte sich veranlasst fühlte nach dem Rechten zu sehen. Er beteuerte immer wieder, wie Leid es ihm tue. Heute besucht das Ehepaar Hekman den Mörder ihrer Tochter noch immer jeden Monat: „Das erste halbe Jahr haben wir vor allem darüber geredet, was passiert ist. Danach wurden die Besuche „normaler“. Das letzte Mal haben wir zum Beispiel über die Wahlen und die Standpunkte der jeweiligen Parteien gesprochen.“ Weil es Alasam Samarie nach seiner Verurteilung so schwer hatte, kam Eddy auf die Idee, zusammen mit ihm ein Buch zu schreiben.
Das Buch heißt „Een Coupé verder – over het drama van Baflo, wat eraan voorafging en wat erop volgde („Ein Wagon weiter – über das Drama von Baflo, was ihm vorrausging und was darauf folgte“.) Es umfasst 190 Seiten und kostet 18,90€. Erschienen ist es am 7. April 2017 vorerst nur in niederländischer Sprache beim Passage Verlag.

Wie es mit Alasam Samarie weitergeht, ist übrigens noch nicht bekannt. Möglicherweise droht ihm nach Verbüßung der Haft die Abschiebung. Das Ehepaar Hekman hofft darauf, dass Samarie freikommt und eine Aufenthaltsgenehmigung erhält.