Nachrichten September 2016


SOZIALES: Immer weniger Niederländer sind arm, Grund zur Freude besteht trotzdem nicht

Den Haag. SB/VK/Trouw/NRC. 30. September 2016.

Seit 2013 sind immer weniger Menschen in den Niederlanden arm, das geht aus einem am Dienstag veröffentlichten Rapport des Sociaal en Cultureel Planbureau (SCP) hervor. Das sind die guten Neuigkeiten, die schlechten sind: Das niedrige Armutsniveau von vor der Wirtschafts- und Finanzkrise ist noch lange nicht wieder erreicht. Auch, dass vor allem Kinder in den Niederlanden von Armut bedroht sind, bietet wenig Anlass zur Freude.

Als arm gilt derjenige, der nicht in der Lage ist, sich mit seinem Einkommen einen minimalen Lebensstandard zu sichern. Was wiederum unter einem minimalen Lebensstandard zu verstehen ist, ist natürlich keine feste Größe, sondern kann sich von Land zu Land stark unterscheiden. In den Niederlanden wurde Armutsgrenze nun auf 1063 Euro pro Monat für Alleinstehende festgelegt. Diese Summe berücksichtigt auch Ausgaben für Freizeit und soziale Partizipation. Das absolute Minimum, also die Grundsicherung, wurde auf 971 Euro festgesetzt. Das sind acht Euro weniger als in Deutschland. Dürften Bürger darüber bestimmen, wo die Armutsgrenze gesetzt würde, läge diese wesentlich höher. Eine Fokusgruppe bestehend aus acht Personen, die vom SCP als Vergleichswert herangezogen wurde, legte den Betrag für einen Alleinstehenden auf 1,459 Euro fest. Vor allem in den Bereichen Bereichen Wohnen und Freizeit rechnete die Vergleichsgruppe mit höheren Beträgen.

Nachdem die Zahl der Armen seit dem Krisenjahr 2008 stark angestiegen war und 2013 ihren Höhepunkt mit 1,25 Millionen Betroffenen erreichte, sank die Zahl seitdem kontinuierlich auf 1,12 Millionen. In Prozent ausgedrückt waren also noch vor drei Jahren 7.9 % der Bevölkerung betroffen, wohingegen es im Jahr 2016 nur noch 7,0% sind. Was die Prognosen für die Zukunft angeht, gibt es durchaus unterschiedliche Einschätzungen. So geht das NRC Handelsblatt davon aus, dass die Zahlen auch 2017 noch weiter sinken werden. Grund dafür seien, unter anderem, die am Prinsjesdag angekündigten Maßnahmen zur Verbesserung der Kaufkraft. Die Zeitung Trouw hingegen berichtet, dass die Zahl der Armen im Jahr 2017 wieder leicht steigen werde.

Mit Blick auf den bereits angelaufenen Wahlkampf ist die Interpretation der Zahlen nicht unerheblich. So wird sich die Regierungskoalition damit schmücken, die Niederlande aus der wirtschaftlichen Schieflage geholt zu haben, während die Oppositionsparteien darauf beharren werden, dass mit der Fortsetzung der jetzigen Politik zukünftig keine weitere Verbesserung erzielt werden könne, zumal die Zahl der Armen immer noch wesentlich höher liegt als vor der Krise.

So oder so verbirgt sich hinter der positiven Überschrift des Rapportes auch eine alarmierende Botschaft. Denn trotz des allgemeinen Absinkens der Zahlen gibt es in den Niederlanden hoch gefährdete Risikogruppen. So leben 22% der Niederländer mit marokkanischen Wurzeln unter der Armutsgrenze, das sind vier Mal mehr, als Niederländer ohne Migrationshintergrund. Vor allem die zweite Generation der Zugezogenen bliebe relativ häufig arm. Besorgniserregend ist aber auch die Tatsache, dass vor allem Kinder überdurchschnittlich häufig unter die Armutsgrenze fallen. 2014 lebten 12% der niederländischen Kinder unter 12 Jahren und sogar 28% der Kinder mit Migrationshintergrund in Armut. Dahingegen sind Menschen in der Kategorie 65+ in der Statistik auffallend unterrepräsentiert. Nur 3% von ihnen leben unter dem Minimum. Richtet man das Augenmerk auf die geografische Verteilung der Armut sind vor allem die Menschen in den drei großen Städten, Amsterdam, Rotterdam und Den Haag betroffen, dort leben 14% der Einwohner in Armut. Bei den Provinzen verzeichnen Groningen, Friesland und Drenthe den höchsten Prozentsatz an armen Menschen. Um der Armut entgegenzutreten reicht es nicht aus neue Jobs zu schaffen, denn die Statistik zeigt, dass 41% der Menschen, die als arm gelten, einer geregelten Arbeit nachgehen. Das SCP empfiehlt deswegen langfristig in Bildung und Soziales Kapital zu investieren.