Nachrichten Oktober 2016


ORANJES: Eine neue Biografie über Königin Juliana gibt Einblicke in ihr tragisches Leben

Amsterdam. SW/VK/NOS/HP De Tijd. 27. Oktober 2016.

Diesen Donnerstag erscheint die mit Spannung erwartete erste wissenschaftliche Biografie über das Leben der niederländischen Königin Juliana. Über 800 Seiten zählt das Werk, an dem die Autorin Jolande Withuis über sechs Jahre gearbeitet hat. In einem Interview sagte Withuis: “Juliana hat mich sehr überrascht. Sie war ganz anders als ich erwartet hatte.” Nicht nur Withuis dürfte angesichts der Erkenntnisse überrascht sein, auch für die Leser hält die Biografie einiges an Überraschungen bereit.

So sei Königin Juliana mehr gewesen als das Sinnbild von Hausfrau und Mutter. Insbesondere in den Jahren im kanadischen Exil während des Zweiten Weltkriegs blühte sie gerade zu auf. Sie gab sich kämpferisch und überzeugte als Diplomatin. Diese Leistungen gingen jedoch gegenüber denen ihres Ehemanns unter, der die Kriegsjahre in London verbracht hatte. Während er sich als Kriegsheld feiern ließ, hatte niemand Interesse an einer selbstbewussten Prinzessin. In den späteren Jahrzehnten profilierte Juliana sich insbesondere als gesellschaftlich engagierte Königin.

Dabei macht das Buch auch vor den traurigen Aspekten des Lebens der Monarchin keinen Halt. Julianas Leben sei von Einsamkeit geprägt gewesen, so Jolande Withuis gegenüber der Zeitung de Volkskrant: “Ich wusste vorher nicht viel über sie, aber das Fazit ist, dass ihr Leben sehr tragisch war. Einsam.” Schon als kleines Mädchen hätte Juliana nur wenig Anschluss zu Gleichaltrigen gehabt und kannte nur wenig vom Leben abseits des Hofes. Dabei sehnte Juliana sich Zeit ihres Lebens vor allem nach Normalität, so Withuis: “Sie wollte immer und zuerst nur Juliana sein, aber das ging nicht.”

Mit dieser Einsamkeit erklärt Wilthuis auch das problematische Verhältnis mit der Wunderheilerin Greet Hofmans. Hofmans war 1948 einer Bitte von Prinz Bernhard gefolgt und an den Hof gekommen, die Wunderheilerin sollte ein Augenleiden der Tochter Marijke (später Christina genannt) durch Fürbitten heilen. In dieser Zeit geriet die Königin in den Sog von Hofmans und ihrer Sekte, wie Withuis die Anhänger von Hofmans nennt: “Sie brauchte jemanden mit dem sie gemeinsam etwas unternehmen konnte, jemanden, dem sie vertrauen konnte. Wo Bernhard sie runterzog und ihr Selbstbewusstsein untergrub, spornte Hofmans sie an. Solange Juliana ihr zuhörte.”

Auch ihre Ehe mit dem deutschen Prinz Bernhard sei alles andere als erfüllend gewesen. Dass Prinz Bernhard verschiedene Mätressen hatte und zwei außereheliche Kinder zeugte, ist keine Neuigkeit, die Biografie offenbart jedoch wie weit die Eheleute sich schon Mitte der 1950er auseinander gelebt hatten. Zweimal spielte Juliana in diesem Jahrzehnt mit dem Gedanken sich von Bernhard scheiden zu lassen. Aufgrund von politischem Druck hat sie jedoch von einer Scheidung abgesehen. Das Verhältnis der Eheleute blieb jahrzehntelang schwierig und die Stimmung bei Hofe angespannt bis “schikanierend”.  In den letzten Jahren ihres Lebens weigerte Prinz Bernhard sich seine Frau zu treffen. Er besuchts sie an ihrem Sterbebett nur auf Andringen der gemeinsamen Tochter Irene.

Das Buch wirft insgesamt ein nur wenig schmeichelhaftes Licht auf den deutschen Prinzgemahlen. Gegenüber seiner Gemahlin sei er lieblos und achtlos gewesen und insgesamt vor allem an seinem eigenen Spaß interessiert gewesen. Auch Bernhards Verhalten während der Greet Hofmans-Affäre kritisiert Withuis in ihrem Buch: “Er hat sie bloßgestellt, indem er seine Geschichte dem Spiegel gegenüber preisgab. Das ist nicht was man tut, wenn jemand psychischer Hilfe bedarf.” Die bereits bekannten Affären von Bernhard werden erweitert mit Beispielen der sexuellen Belästigung gegenüber Dienstmädchen und verschiedenen weiblichen Gästen bei Hofe. Withuis dazu: “Meiner Meinung nach war er feudal. Er war “der Herr im Haus” und hielt es nicht für nötig sich zu beherrschen.”

Jolande Wilthuis wurde 1949 in Zutphen geboren. Die studierte Soziologin promovierte im Bereich der Gender Studies und war bis zu ihrer Pensionierung 2014 am Nederlands Institut voor Oorlogsdocumentatie(NIOD) tätig. Die Quellen für ihr neues Buch sind vielfältig: Tagebücher, Dokumente und Gespräche mit Angehörigen von Zeitzeugen.