Nachrichten Oktober 2016


WIRTSCHAFT: Der anhaltend niedrige Ölpreis stürzt die niederländische Offshore-Industrie in die Krise

Amsterdam. SB/VK/Trouw. 25. Oktober 2016.

Der anhaltend niedrige Ölpreis sorgt für mehrere Entlassungswellen im niederländischen Offshore-Sektor. Während die betroffenen Betriebe in der Krise keine andere Möglichkeit sehen, als Mitarbeiter zu entlassen, kritisieren die Gewerkschaften die Massenentlassungen. Immer mehr Firmen wagen jetzt den Schritt von der Ölgewinnung hin zur Windenergie. Dabei ist dies jetzt schon ein umkämpfter Markt.

Im Sommer 2014 kostete das Fass Brent Öl noch 115 Dollar. Anfang 2016 waren es nur noch 35 Dollar. Auch wenn der Preis mittlerweile wieder über die 50 Dollarmarke geklettert ist, bedeutet das ein Debakel für die im Offshorebereich tätigen Unternehmen. Denn die Ölförderung ist unter diesen Bedingungen kaum noch rentabel. Große Erdölgesellschaften wie das britisch-niederländische Unternehmen Shell haben ihre Investitionen schon merklich zurückgeschraubt. Dies bekommen vor allem Dienstleister und Zulieferer zu spüren.

Die Hintergründe für den Preissturz liegen vornehmlich außerhalb Europas. Der Arabische Frühling, der Bürgerkrieg in Syrien und die Handelssanktionen gegen den Iran hatten zu einem weltweiten Mangel an Öl geführt, wodurch die Preise enorm gestiegen sind. Das waren, so zynisch es klingen mag, goldene Zeiten für westliche Offshorefirmen. Vor allem Amerika profitierte damals mit der Produktion von Schiefergas von dieser Entwicklung. In dieser günstigen Lage, vernachlässigten viele Firmen ihre Kosten. Solange der Ölpreis dermaßen hoch lag, war das auch weiter kein Problem. Der Arabische Frühling allerdings wurde im Keim erstickt, der Handel mit dem Iran wieder aufgenommen und der IS zurückgeschlagen. Mit dem Ergebnis, dass es nun einen kräftigen Überschuss an Öl gibt, was sich in dauerhaften Tiefpreisen manifestiert. Thijs Berkelder, Analyst bei der ABN Amro erklärt dazu, dass bestimmte Firmen, wie diejenigen die Bodenbeschaffenheiten untersuchen und damit vorbereitende Arbeiten erledigen, sofort die Probleme dieser Entwicklung zu spüren bekämen. Andere Unternehmen, wie zum Beispiel Schiffsbauer, die oft mehrere Jahre an einem Auftrag arbeiten, erführen nun erst die ungünstigen Entwicklung am eignen Leib.

So kündigte Royal IHC, ein großer Betrieb, der sich vor allem auf das Entwerfen, Entwickeln und Bauen von Schiffen und Material für die Offshore-Industrie spezialisiert hat, bereits im Mai die Entlassung von 500 festen Mitarbeitern an. Letzte Woche kündigte der Konzern schließlich noch eine zweite Entlassungswelle an. Diesmal müssen weitere 425 Angestellte gehen. IHC ist allerdings bei weitem nicht der einzige Betrieb innerhalb der Offshore- Öl- und Gasindustrie, der seine Belegschaft ausdünnen muss. So kündigte die Baggerfirma Boskalis im Juli die Entlassung von 650 Mitarbeitern, davon 150 in den Niederlanden, an. Bei Fugro, mit Sitz in Deutschland, fielen 2500 Arbeitsplätze, davon 60 in den Niederlanden, weg. Auch die Giganten Shell und BP mussten Tausende entlassen. Der Sektor ist in großem Aufruhr. Im Gegensatz zum kriselnden Finanzsektor ist die mediale Aufmerksamkeit allerdings viel geringer, sodass weite Teile der Öffentlichkeit nur wenig über die Talfahrt dieses Industriezweiges erfahren.

Dass die Unternehmen nun mit Entlassungen reagieren müssen, scheint logisch. Die Notwendigkeit dazu wird von den Gewerkschaften allerdings bezweifelt. Die größte Gewerkschaft FNV, die mehr als eine Millionen Mitglieder zählt, ließ wissen, dass der Sektor in den Boom-Jahren 2013 und 2014 mehr hätte sparen müssen. In diesem Zeitraum hätten die Unternehmen hunderte Millionen Euro verdient. Anstatt damit langfristig zu planen, seien Gewinne zu leichtfertig an Anteilseigner ausgeschüttet worden, sodass nun die Arbeitnehmer die Leidtragenden seien. Außerdem stehen bei der FNV Betriebsmanager im Verdacht die Krise als Vorwand dafür zu missbrauchen, feste Mitarbeiter zu entlassen, um diese wenn sich der Markt wieder stabilisiert hat, durch Zeitarbeiter zu ersetzen bzw. die Arbeitsplätze in billigere Länder zu outsourcen. Die Konzerne bestreiten das. Auch sind sie der Ansicht zu jeder Zeit richtig gehandelt zu haben. Rob Luijnenburg, Pressesprecher von Fugro, reagierte auf die Vorwürfe, in dem er antwortete, dass Unternehmen schließlich mehrere Interessensgruppen verpflichtet seien: „Darunter natürlich den Arbeitnehmern, aber eben auch den Aktionären.“

Tatsache ist, dass der niedrige Ölpreis und die dadurch entstandene Krise, Bewegung in den Sektor bringt. Da nicht absehbar ist, wann sich der Ölpreis wieder stabilisieren wird, beginnen immer mehr Unternehmen damit auf Windenergie umzusatteln. Firmen, wie Sif, die ihren Gewinn in der ersten Jahreshälfte 2016 um 45 Prozent steigern konnte, sind ein gutes Argument dafür, den Schritt zu wagen. Dabei ist der Umstieg von Ölgewinnung hinzu Windenergie weniger aufwendig als man glauben würde: „Für Baggerfirmen, Bodenbeschaffenheitsprüfer und Konstruktionsbetriebe macht es keinen großen Unterschied, ob sie eine Ölplattform bauen oder eine Windanlage hochziehen. Es sind im Prinzip dieselben Handhabungen, die lediglich für ein anderes Ziel verwendet werden“, sagt dazu Chris Westra, der für die Uni Amsterdam forschte und ein Buch zum Thema herausgegeben hat. Allerdings bedeutet das, dass dieser jetzt schon umkämpfte Markt, dann noch mehr Konkurrenz erfahren wird. Windenergie sei zwar nicht endlich, der Raum auf dem Markt allerdings schon, so Westra.