Nachrichten Oktober 2016


VERANSTALTUNGSTIPP: "Denk an mich" - Autorin Pauline Broekema liest


Münster. SB/Post/Basche. 18. Oktober 2016.

„Dit is wat we delen“ („Dies ist, was wir teilen“) lautet das Motto der diesjährigen Ehrengäste, die Niederlande und Flandern, auf der Frankfurter Buchmesse .  Und es könnte auch das Motto der Lesung sein, die heute Abend um 19 Uhr in der Bibliothek im Haus der Niederlande stattfindet.  Passend zum heutigen Eröffnungstag der Buchmesse, wird die niederländische Schriftstellerin und Journalistin Pauline Broekema ihre Familiengeschichte mit den Zuhörern teilen und sich dabei auf eine ganz persönliche Reise in die Vergangenheit begeben.
Wir haben vorab ein Interview mit ihr geführt, in dem sie ihr Verhältnis zu Deutschland beschreibt und erklärt, warum gerade Heinrich Böll zu ihren deutschen Lieblingsautoren gehört. Lesen Sie selbst und kommen Sie heute Abend gerne vorbei – Eintritt frei!

Das Interview


Wenn du in Deutschland Urlaub machen würdest, wo würdest du dann hinfahren wollen?

Keine Frage, ich würde sofort noch mal nach Trier fahren. Aber dann im Sommer oder im Frühjahr, sodass ich mit dem Fahrrad entlang der Mosel fahren könnte. Wir waren letztes Jahr im Herbst dort und es war eine echte Entdeckung. Ich habe die Zeit in der Stadt wirklich genossen. Die Porta Nigra, die Basilica mit der phänomenalen Orgel, das fantastische Rheinische Landesmuseum und natürlich die Restaurants.

Welche drei Adjektive/Wörter kommen dir als erstes in den Sinn, wenn du an Deutschland denkst?

Geschichte, Literatur, Natur, die deutsche Küche und Wein.

Was war die größte Herausforderung für dich während du „Het Boschhuis“ geschrieben hast?

Die größte Herausforderung war die Geschichte meiner Familie so aufzuschreiben, dass meine Leser genauso davon ergriffen werden wie ich. Um den Menschen, die ich beschreibe ein Gesicht zu geben, bin ich in ihre Haut gekrochen. Ich habe mir selbst viele Fragen gestellt. Wie mochte meine Großmutter sich wohl gefühlt haben, als sie mit gerade einmal 17 Jahren, auf ein Schiff nach Indien, ins heutige Indonesien, gesetzt wurde? Auf dem Weg zu einem Mann, mit dem sie nur ein paar Mal geredet hatte, als dieser in den Niederlanden Heimaturlaub machte. Mit dieser Art von Fragen beschäftigte ich mich manchmal wochenlang. Dann saß ich hinter meinem Laptop und dachte:
 „Ich habe diesen Mann jetzt in dieser Kutsche in Amsterdam sitzen, aber wie zum Himmel kriege ich ihn da nun wieder heraus(geschrieben)? Und was sieht ER dann? Um Antworten auf diese Fragen zu finden habe ich viel recherchiert und Bild- und Filmmaterial aus dieser Zeit studiert. Siehe hier


Aus dem Lesungstext erfährt man, dass deine Mutter prägende Erfahrungen im Zusammenhang mit Deutschland gemacht hat. In wie weit haben die Erfahrungen deiner Mutter auch dein Deutschlandbild beeinflusst?

Die Erfahrungen meiner Mutter haben meinen Blick auf Deutschland sicherlich beeinflusst. Meiner Mutter war ein versöhnliches Wesen zu Eigen. Sie hielt uns vor, dass die Deutschen nicht die Besatzer waren, sondern, dass das die Nazis und die niederländischen Kollaborateure gewesen waren. Mir wurde beigebracht, mich niemals von anti-deutschen Empfindungen mitreißen zu lassen, die es in den Niederlanden zu dieser Zeit noch gab. Besonders wenn es um Fußball ging. Deutschland, so wurde es mir beigebracht, ist Literatur, Musik und Kunst.


Hatten die Recherchen für „Het Boschhuis“ auch Einfluss auf dein Bild von Deutschland?


Nein, in keinster Weise.


Was ist, deiner Meinung nach, an deinem Buch typisch Niederländisch?


Es ist eine Menge „Niederlande" in meinem Buch. Das Leben in einem Dorf an der Zuiderzee Ende des 19. Jahrhunderts, in der Nähe Amsterdams. Das alltägliche Leben der niederländischen Bauern. Der niederländische Kolonialismus in Indien. Die Folgen, die das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland in den 30er Jahren für die Niederlande hatte. Die Niederlande nach dem Krieg. Und die Verarbeitung der Besatzung. Etwas, das eigentlich bis heute andauert.


Niederländische Autoren sind in Deutschland weniger bekannt als deutsche Autoren in den Niederlanden. Die Frankfurter Buchmesse hat dieses Jahr schon einiges an dieser Situation geändert, doch woran liegt es, was denkst du?

Das niederländische Sprachgebiet ist klein. Vielleicht müssen wir als Niederländer dafür mehr tun? Andersherum (deutsche Literatur in den Niederlanden) ist die Bedeutung aber ebenso klein. In der Bibliothek in der kleinen Stadt, in der ich wohne, ist EIN Schrank mit deutscher Literatur gefüllt. Es ist in jeder Hinsicht unbegreiflich, dass wir in den Niederlanden die deutsche Sprache so schlecht beherrschen. Im Radio wird wenig deutsche Musik gespielt. Mein geliebtes "Haus am See" von Peter Fox, früher war es Nena. Aber damit hört es auch schon auf.


Was ist dein deutscher Lieblingsautor und warum? Beziehungsweise welches deutsche Buch magst du am liebsten?

Ich bewundere Grethe Weil für die Art, wie sie als jüdische Frau, die aus Deutschland geflohen ist und die Besatzung der Niederlande beschreibt. Tramhalte Beethovenstraat ist mein Lieblingsbuch. Und letztens habe ich noch einmal Die Moorsoldaten von Wolfgang Langhoff gelesen. Auch dieses Buch steht auf meiner Liste ganz weit oben. Es öffnete Niederländern bereits in den 30er Jahren die Augen dafür, was sich auf der anderen Seite der Grenze abspielte. Heinrich Böll muss ich noch einmal lesen. Was Böll über das Wiedersehen mit dem zerstörten Köln sagt. „Als wir Köln wiedersahen, weinten wir.” Das ließ meinen Vater und mich daran denken, wie er seine Stadt, Groningen, nach den Befreiungskämpfen wiedersah. Das Zentrum lag zum größten Teil in Schutt und Asche. Siehe hier
Für meine Arbeit sitze ich oft im Auto und höre mir über Youtube Interviews an. Letztens fand ich ein herrliches Gespräch zwischen Böll und Wolfgang Niedecken. Siehe hier
An so einem Gespräch wie zwischen Böll und Niedecken kann ich mich erfreuen. Die Art und Weise, wie Böll Niedecken fragt, wie sein Werk entsteht. „War die Musik zuerst da oder die Sprache?” Herrlich. Dann weiß ich wieder warum ich meine Kinder mehr oder weniger dazu gedrängt habe, Deutsch in der Schule zu wählen.

Vielen Dank.